In Krisenzeiten die Reinheit der Lehre bewahren

Bibelstelle: 1. Johannes 2,18-19

»Kinder, es ist die letzte Stunde! Und wie ihr gehört habt, dass der Antichrist kommt, so sind jetzt viele Antichristen aufgetreten; daran erkennen wir, dass es die letzte Stunde ist. Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns; denn wenn sie von uns gewesen wären, so wären sie bei uns geblieben. Aber es sollte offenbar werden, dass sie alle nicht von uns sind.« (1.Joh. 2,18-19)

Der Apostel Johannes stellt uns hier die Frage des geistlichen Kampfes vor – dieses große Thema des ganzen Neuen Testaments. Sobald wir in das Christenleben eingetreten sind, werden wir zu einem Teil dieses gewaltigen Kampfes zwischen den Mächten Gottes und denen der Hölle, und wir sind darin mit verwickelt, ob wir es nun wollen oder nicht. Hier versucht der Apostel nun, diese Menschen im Hinblick darauf aufzuklären; er warnt und bereitet sie vor, damit sie dem Bösen begegnen und widerstehen können. Wir können diesen ganzen Schriftabschnitt in drei Teile gliedern.

• Zuerst wird uns gezeigt, wie wichtig es für uns ist, uns nicht nur des Verwickeltseins in den Kampf bewusst zu werden, sondern auch Klarheit über das Wesen dieses Kampfes zu bekommen. 

• Zweitens zeigt er uns die Ausrüstung, die uns geschenkt wurde, um uns zu befähigen, dem Bösen zu begegnen und es zu bekämpfen. 

• Und drittens finden wir den Appell und die Ermahnung bzw. die Gründe, welche Johannes uns für unseren Widerstand gegen diese boshafte Macht und für unsere Beharrlichkeit in dem guten Kampf des Glaubens anführt.

Johannes bringt hier diese besondere Lehre vom »Antichristen« und der »letzten Stunde« in Bezug auf die Gemeinde selbst, und wir müssen darüber nachdenken, was er dazu zu sagen hat, weil das in gewissem Sinne die dringlichste Angelegenheit ist, mit der wir als einzelne Christen und als Glieder der Gemeinde Jesu in dieser gegenwärtigen Zeit konfrontiert sind.

DIE HEUTIGE LAGE DER GEMEINDE ZWISCHEN DEN ANGRIFFEN DURCH DEN UNGLAUBEN UND DER RESIGNATION

Lassen Sie es mich so ausdrücken: Wir alle sind uns der Tatsache bewusst, dass wir in einer sehr schwierigen und kritischen Zeit leben; es hat in der Gemeinde Jesu ein großer Abfall stattgefunden. Vergleichen Sie den Kirchenbesuch heute mit den Zahlen, die noch vor 70 Jahren galten. Damals waren die Leute es gewohnt, am Sonntag in das Haus Gottes zu gehen, doch heute ist es fast eine Ausnahme, Mitglied einer Gemeinde zu sein. 

Weiterhin scheint es mir unerlässlich zu sein, dass wir uns miteinander ansehen sollten, was der Apostel zu sagen hat, weil an dieser Stelle seine Worte für uns heute genauso relevant sind wie im ersten Jahrhundert, als er sie schrieb. Es gibt viele Christen, deren Glaube aufgrund der genannten Lage erschüttert worden ist. Andere blicken auf die immer kleiner werdende bibeltreue Schar und fragen sich: »Ist dies letztlich überhaupt richtig? Sollten wir, die wir bloß eine Handvoll Leute sind, die Einzigen sein, die Recht haben, und liegen etwa die Massen, die große Mehrheit falsch?« 

In einer Zeit des Abfalls steht immer der echte Glaube unter Beschuss. Wir alle neigen dazu, uns dem anzupassen, »was man halt so tut«. Wir folgen der Mehrheit, und es gibt viele, die dabei ein ungutes Gefühl haben und empfinden, dass ihr Glaube ernsthaft erschüttert wurde. Mit anderen Worten, man nimmt heutzutage eine große Niedergeschlagenheit und viel Pessimismus unter Christen wahr.

Wenn ich die besondere Versuchung benennen sollte, mit der wir als Christen in diesen Tagen konfrontiert sind, würde ich sagen, dass es die Neigung zur Verzweiflung und zu tiefstem Pessimismus ist. Beim näheren Anblick dieser Lage könnten wir sagen: »Was kommt noch alles auf uns zu? Wie kann die wahre Gemeinde überhaupt fortbestehen?« Genau mit diesem Zustand der Niedergeschlagenheit und Verwirrung beschäftigt sich Johannes. Eine Zeit der Schwierigkeiten führt nicht nur zur Verzweiflung; sie ist auch eine Zeit, in der eine Tendenz zur Panik besteht. Menschen geraten außer sich und verzweifeln; sie sagen: »Wir müssen etwas tun, um die Gemeinde Jesu zu erhalten.« Sie blicken auf die Zahlen; sie betonen die Statistik; sie meinen: »Wir müssen aufstehen und etwas dagegen unternehmen – wir müssen etwas organisieren, um den Verfall zu stoppen.« Und so steigern sie sich in eine geschäftige Aktivität hinein.

Also müssen wir die Botschaft näher betrachten, die der Apostel für Christen in genau jener Situation hat. Was hat er zu sagen? Lassen Sie mich versuchen, die Botschaft zusammenzufassen, indem ich einige Thesen darlege:

1. Die Widerwärtigkeiten, welche die Gemeinde durchstehen muss, dürfen uns nicht überraschen

Als erstes sagt Johannes uns, dass wir über eine solche Situation nicht überrascht oder ihretwegen erschrocken sein dürfen.

»Kinder, es ist die letzte Stunde! Und wie ihr gehört habt, dass der Antichrist kommt, so sind jetzt viele Antichristen aufgetreten.« »Ihr habt gehört, dass er kommt«, sagt Johannes. Das müssen wir betonen. Mir scheint, dass es in gewissem Sinne nichts gibt, was unsere Kenntnis der Schrift so gründlich auf die Probe stellt, wie unsere Reaktion auf die heutige Situation. Wenn wir ihretwegen in Panik geraten oder ein Gefühl der Verzweiflung uns überwältigt, dann liegt dies daran, dass wir unsere Bibeln nicht wirklich gelesen haben, denn die Bibel ist buchstäblich voller Warnungen im Blick auf das, was wir heute erleben. Solche, die ihre Bibel kennen, sollten nicht über den derzeitigen Zustand der Welt und der Gemeinde überrascht sein. Es gibt überhaupt nichts, was so falsch und so weit vom biblischen Bild der Gemeinde entfernt wäre, wie die Vorstellung, dass die Gemeinde Gottes sich von Anfang an weiterentwickeln und zunehmen sollte, so, dass sie in jedem Jahrhundert stärker würde, als sie es zuvor war, und dass dies sich fortsetzen würde, bis die ganze Welt christlich geworden sei. Es gibt nirgendwo in der Heiligen Schrift auch nur eine einzige Stelle, die eine solche Auffassung unterstützen würde.

Tatsächlich lehrt uns die Schrift, dass das genaue Gegenteil der Fall ist. Wenn wir die Apostelgeschichte lesen, so entdecken wir, dass die ersten Prediger des Evangeliums die ersten Gläubigen warnten. Sie sagten: »Ihr werdet in einen Kampf und Konflikt eintreten. Es gibt einen mächtigen, raffinierten Widersacher, der gegen uns ist und alles daransetzen wird, die wahre Gemeinde unseres Herrn zu ruinieren und zu zerstören.« Alle Prophezeiungen – über den Menschen der Sünde, den Antichrist, und so weiter – liegen uns hier vor. In der Tat stellte ja unser Herr Selbst diese Frage: »Doch wenn der Sohn des Menschen kommt, wird Er auch den Glauben finden auf Erden?« (Lk. 18,8). Nein, diese Idee, dass die Gemeinde eine Institution werden würde, die wachsen und mit der es immer weiter vorwärts und aufwärts gehen sollte, basiert nicht auf der Bibel, sondern auf einer falschen Philosophie und Lehre.

Ich zögere auch nicht, zu behaupten, dass gerade der Zustand der Gemeinde und der Welt eine der auffälligsten und erstaunlichsten Bestätigungen für die biblische Lehre ist, die man überhaupt finden kann. Wir dürfen daher nicht überrascht, erstaunt oder erschüttert sein. Obwohl dies paradox klingen mag, sollte die Schwachheit der heutigen Gemeinden in einem gewissen Sinne sogar unseren Glauben bestätigen und für uns eine Vergewisserung der Wahrheit des Wortes Gottes darstellen. Weit davon entfernt, niedergeschlagen zu sein, sollten wir also angesichts der gegenwärtigen Lage gewissermaßen sagen können: »Der Zorn des Menschen muss Dich preisen« (Ps. 76,11), und er preist Ihn. Wir müssen das Wort Gottes bestätigen, obwohl wir es gar nicht wollen.

2. Die Gemeinde muss gerade in einer Krisenzeit auf die Reinheit ihrer Lehre bedacht sein und darüber wachen

Das zweite Prinzip ist dies: In einer Zeit wie der unsrigen sollte die Gemeinde in allererster Linie auf die Reinheit und Reinerhaltung ihrer Lehre bedacht sein. Ich denke, dass sich dies ganz offensichtlich und logisch ergibt. Sie werden sich erinnern, was Johannes dazu in den Versen 18-19 sagt. Was interessant zu beachten ist, dass Johannes in diesem ganzen Abschnitt überhaupt nicht große Bedenken wegen der Mitgliederzahlen in der Gemeinde hegt – wegen der Tatsache, dass so viele sie verlassen hatten –, sondern vielmehr ging es ihm um die Reinheit und Reinerhaltung der Lehre in der Gemeinde. Diese Antichristen leugneten, dass Jesus der Christus ist; sie leugneten den Sohn und den Vater; sie leugneten die Dreieinigkeit. Wenn Sie also diese Worte lesen, werden Sie entdecken, dass das Eine, worum Johannes vor allem anderen besorgt ist, die reine Lehre ist.

Lassen Sie mich dies besonders betonen, weil es sicherlich in der heutigen Zeit betont werden muss. Johannes ist nicht an Zahlen oder der Organisation interessiert. Ist das nicht eine der subtilen Versuchungen, die heute an uns herantreten? Unser Interesse konzentriert sich zum großen Teil auf Zahlen, die Organisation und das Programm. Dies ist ganz natürlich und sehr menschlich; denn wir mögen Fakten und Zahlen und Statistiken. Weil wir die Erben gewisser Traditionen sind, neigen wir dazu, uns die Gemeinde in einem Gebäude als eine Organisation vorzustellen. Unser ganzes Denken neigt dazu, sich von solchen mechanischen Statistiken kontrollieren zu lassen.

Allerdings behaupte ich: Wenn wir die Heilige Schrift aufmerksam lesen, werden wir feststellen, dass diese Vorstellung dem ganzen Kontext der Schrift überhaupt nicht entspricht. Der große Punkt, der hier betont wird, ist die Reinheit der Gemeinde, und nicht ihre Größe. Ich frage mich, ob wir bereit sind, der Tatsache ins Auge zu blicken, dass die Gemeinde Gottes in diesem Zeitalter und in dieser Generation in gewissem Sinne in der Lage sein müsste, in die Katakomben zurückzugehen. Es kann sein, dass wir dies erleben werden, wie es schon etliche treue Christen in einigen Ländern erleben. Die Gemeinde ist »im Haus von Herrn Soundso«, wie sie es im Neuen Testament war, und wir müssen uns bewusst sein, dass die Gemeinde genauso sehr eine Gemeinde ist, wenn sie nur aus einer Handvoll Leuten besteht, als wenn sie eine große Masse ist. Was in einer wahren Gemeinde Jesu ausschlaggebend ist, sind nicht die Zahlen, ist nicht das Programm, sondern die Reinheit der Lehre.

Wir können die Relevanz dessen für unsere heutige Lage erkennen. Man liest ständig in den christlichen Büchern und Zeitschriften ein Argument, das etwa wie folgt lautet: »Sie sagen, dass die Gemeinde heutzutage um ihr Leben kämpfe; es gibt Kräfte und Faktoren in der Welt, die ihr feindlich gesinnt sind. Wir sehen unsere sinkenden Zahlen und kleiner werdenden Gemeinden, und die Statistiken sprechen von Jahr zu Jahr für sich. Was sollen wir also tun? Sie sagen: ›Es gibt nur eins, was wir tun können; wir müssen uns alle vereinen. Wir haben keine Zeit, über das zu streiten, was die Leute glauben mögen; wenn sie an Gott glauben und als Christ leben, dann sind sie mit uns eins. Lasst uns also vereint eine Union (Vereinigung, Bruderschaft) bilden, um uns diesem gemeinsamen Feind entgegenstellen zu können.‹«

Nun verspüren wir alle in gewissem Sinne ganz offenkundig eine Art allgemeine Sympathie für solches Gerede; und dennoch scheint es mir, dass wir, wenn wir nicht vorsichtig sind, eine der wesentlichen Lehren der Bibel verleugnen werden. Ich sage, dass die wichtigste Sache, um die wir besorgt sein müssen, die Reinheit der Lehre ist. Besser nur eine Handvoll Leute, die wirklich glauben, dass Jesus der Christus ist, als eine Menschenmasse, die sich nicht sicher ist, wer der Herr Jesus nun ist oder nicht ist, und die fälschlicherweise das Wort »Christ« für sich gebraucht.

»Diese Leute«, so sagt Johannes, »sind in gewissem Sinne von euch ausgegangen; aber«, so fährt er fort, »das hat nichts zu sagen; die Frage ist, ob ihr, die ihr übriggeblieben seid, richtig steht.« Die Reinheit der Lehre hat an erster Stelle zu stehen. Mit anderen Worten, wir müssen uns bewusst werden, dass wahre Einheit nur auf der Grundlage der Wahrheit erlangt werden kann. Ja, die Menschen können ihre Vereinigungen, Zusammenschlüsse und Koalitionen haben, auch ganz ohne die Wahrheit; aber es ist unmöglich, die Einheit des Geistes anders als auf der Grundlage der Wahrheit zu finden. Der Heilige Geist bindet Menschen zusammen, die in Bezug auf die Lehre übereinstimmen – Menschen, die sagen: »Jesus ist der Herr«, und die Ihn als den einzigen Sohn Gottes anerkennen; Menschen, die an die Fleischwerdung, an das Sühneopfer, an die Auferstehung, an die Person des Heiligen Geistes glauben; das ist die Lehre, ohne welche es keine wahre Einheit geben kann.

Haben Sie nicht bemerkt, wie die Bibel ihren Sarkasmus über große Zahlen in einer höchst ironischen Weise äußert? Gibt es irgendeine Lehre in der Bibel, die sich in dieser Weise hindurchzieht, wie die Lehre vom Überrest? Gibt es in ihr irgendetwas, was so sehr hervorsticht wie dies, dass Gott alles durch einen Mann getan hat, der alleine in die Bresche getreten ist? Zum Beispiel Gideon, wie er eine große Volksmenge loswird, bis am Ende nur eine Handvoll übrigbleibt. Ja, es sind die Menschen, die zu der Einsicht gelangen, dass ihre Lehre rein ist, und dass dieser Gott den so mächtigen Feind besiegen kann. Dies ist die Lehre der Heiligen Schrift. Es ist die Kraft des Heiligen Geistes, die den Ausschlag gibt. Wir haben eine Kraft hinter uns und in uns, welche mächtiger ist als der Feind, und welche die Oberhand behalten wird und muss. Der Herr ehrt nur diejenigen, die Ihn ehren; Er erkennt nur solche an, welche zur reinen Lehre stehen und sie bekennen.

Der Apostel Paulus sagte genau das Gleiche, was Johannes hier sagt. In jener Zeit verließen viele Mitglieder die Gemeinde, und der arme Timotheus war deswegen deprimiert worden. Er konnte sehen, wie die Menschen weggingen und falscher Lehre anhingen, indem sie solchen glaubten, die behaupteten, dass die Auferstehung bereits geschehen sei. Er hatte seine traurigen Mitteilungen an Paulus gesandt, und Paulus antwortete darauf wie folgt: »Aber der feste Grund Gottes bleibt bestehen« (2.Tim. 2,19). Gott kennt die Seinen; faktisch sind die Reinheit und Reinerhaltung des Glaubens und der Lehre ausschlaggebend.

3. Wir müssen uns selbst prüfen und erforschen

Doch das bringt uns, wie ich denke, wiederum zum nächsten Punkt. Nachdem wir also gesehen haben, dass die gegenwärtige Lage uns nicht deprimieren darf – nachdem wir gesehen haben, dass die Reinheit und Reinerhaltung der Lehre faktisch das Ausschlaggebende sind –, müssen wir als Nächstes uns selbst prüfen. »Kinder, es ist die letzte Stunde … Sie sind von uns ausgegangen«, und es stellt sich die Frage: Was ist mit uns? Johannes lehrt uns hier eindeutig Folgendes: Die bloße Tatsache, dass wir behaupten, Christen zu sein und der Gemeinde anzugehören, beweist nicht, dass wir Christen sind. »Sie sind von uns ausgegangen, sie waren unter uns« – diese Antichristen, die er anprangert, und die Menschen, die glaubten, dass sie gläubig sind. »Diese Leute hatten sich der Gemeinde angeschlossen; sie hatten behauptet, Christen zu sein, aber –«, so sagt Johannes, »sie sind von uns ausgegangen, womit sie beweisen, dass sie nicht von uns waren, obwohl sie unter uns waren.«

Nun scheint es mir, dass dies für uns eine ernsthafte und wichtige Angelegenheit ist. Das mag nach einer ziemlich überraschenden und verblüffenden Behauptung klingen, und manche würden sagen, dass man in einer Zeit wie unserer heutigen überhaupt nicht eine derartige Prüfung durchführen sollte. »Die Gemeinden sind heute schon klein genug«, sagen sie; »wollen Sie etwa die Leute auffordern, sich selbst zu prüfen, und damit eine noch größere Austrittsbewegung provozieren? Sicher sollten Sie die Menschen vielmehr dazu auffordern, in die Gemeinden einzutreten!« Gerade das tut die Heilige Schrift aber nicht; sie hat dies nie getan. Vielmehr sagt sie, dass es möglich ist, dass Menschen Gemeindemitglieder sind und doch nicht errettet sind.

Lassen Sie es mich so formulieren – und ich tue dies im Sinne einer Ermutigung und Tröstung. Wenn wir auf die heutigen Gemeinden blicken und sie mit dem vergleichen, was noch vor hundert Jahren galt, dann mögen wir denken, dass böse Tage über uns gekommen seien, und dass die Gemeinde nicht mehr die Gemeinde Gottes sei. Aber betrachten wir es einmal so: Es gab eine Zeit, in der die Kirchen voll waren, sogar überfüllt. Sollen wir aber aufgrund dessen annehmen, dass jeder, der zur Kirche ging, ein wahrhaftiger Christ gewesen sei? Es gab Menschen, die aus sehr eigenartigen und kuriosen Gründen zur Kirche gingen; ihr Kirchgang entsprach nur einer Sitte oder Gewohnheit; es war eine gesellschaftliche Angelegenheit; es machte sich für die Menschen bezahlt, zur Kirche zu gehen. Nein, wir dürfen nicht annehmen, dass die Kirchen, weil sie voll waren, voll mit wahren Christen gewesen wären; hier waren Menschen, die zur Kirche gingen und doch völlig falsch standen. Also ist es wichtig, uns selbst zu prüfen und uns zu vergewissern, dass wir wahrhaft im Glauben und wirklich in Christus sind.

Die ultimative Frage ist, ob wir von der Gemeinde sind. Johannes drückt es wie folgt aus: »Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns; denn wenn sie von uns gewesen wären, so wären sie bei uns geblieben.« Was bedeutet dies genau, und wie kann ich wissen, ob ich wirklich von der Gemeinde bin oder nicht? Nun ja, es bedeutet sicherlich Folgendes: Wahre Christen sind solche, die in lebendiger Verbindung mit der Gemeinde stehen. Sie gehören ihr nicht nur förmlich an; ihre Namen stehen nicht bloß im Mitgliederverzeichnis. Sie erkennen nicht bloß eine allgemeine Bindung an, die sich nur am Sonntagmorgen zeigt. Nein, sie sind durch enge, lebendige Beziehungen mit der Gemeinde verbunden. Mit anderen Worten, sie haben Leben in sich; sie müssen sich selbst nicht erst dazu zwingen, sondern sie können vielmehr gar nicht anders. Für sie ist es eine organische und lebendige Verbindung, und die Folge ist, dass sie in echter Gemeinschaft mit anderen Christen sind. Sie fühlen sich in einer Weise mit ihnen verbunden, wie sie mit niemand anderem verbunden sind. Sie empfinden, dass sie ihre Mitchristen in einer Weise verstehen, wie sie niemand anderen verstehen; sie empfinden, dass die Gemeinde in gewissem Sinne ihre Heimat ist.

Da liegt der entscheidende Unterschied. Stellen wir uns also ganz einfache Fragen: An welcher Stelle stehen diese Dinge in meinem täglichen Leben? Welchen praktischen Stellenwert haben diese Dinge in meiner Erfahrung? Welchen Wert hat die geistliche Gemeinschaft bei mir? Ist sie für mich zentral und lebenswichtig, oder ist sie etwas ganz Nebensächliches, wozu ich mich ständig erst überwinden muss? Die Menschen, die nicht »von uns« sind, sind Leute, die ganz am Rande stehen, und wenn irgend etwas schiefläuft, sind sie immer die Ersten, die weggehen.

4. Wir müssen den Stellenwert und Zweck einer Zeit wie der unsrigen im Plan Gottes erkennen

Und das bringt mich zum letzten Prinzip: Wir müssen dem Apostel Johannes zufolge versuchen, den Stellenwert und Zweck einer Zeit wie der unsrigen im Plan Gottes zu erkennen; wie setzen wir sie zum umfassenden Ratschluss Gottes in Beziehung? Johannes beantwortet diese Frage wie folgt:

Gott hatte Johannes zufolge in gewissem Sinne diese Menschen aus der Gemeinde hinausgeworfen, damit ein Unterschied gemacht würde, der das Falsche entlarvte und das Echte offenbarte und manifestierte. Das interpretiere ich nun folgendermaßen: Eine Zeit wie die unsrige ist für die Gemeinde Jesu von großem Wert; es ist eine Zeit, in der wir erprobt werden. Lasst uns also daher, liebe Geschwister, Mut fassen, wenn wir uns daran erinnern. In der heutigen Welt ist es gewiss nicht »in«, Gott anzubeten und einen Gottesdienst zu besuchen. Tatsächlich scheint es jeden Grund und jede Entschuldigung dafür zu geben, dies nicht zu tun. 

Als wahre Christen werden wir heute geprüft, gesichtet und erprobt; vieles wird gesagt und geschrieben, was gegen uns gerichtet ist; wir sehen, wie die Volksmasse den anderen Weg geht, und trotzdem stehen wir immer noch. Johannes der Täufer sagte das Gleiche über unseren Herrn Jesus: »Er hat die Wurfschaufel in Seiner Hand und wird Seine Tenne gründlich reinigen und Seinen Weizen in die Scheune sammeln; die Spreu aber wird Er verbrennen mit unauslöschlichem Feuer« (Mt. 3,12). Es ist eine Zeit, in welcher Spreu und Weizen gesichtet werden. Eine Zeit wie die unsrige hilft der Gemeinde offenkundig dabei, das loszuwerden, was unecht und falsch ist, und sie reinigt dadurch die wahre Gemeinde. Die ihr nur locker anhängen, gehen weg, wie auch die Leute mit zweifelhaften Lehren; dadurch werden die toten Zweige entfernt, und die Gemeinde Jesu wird geläutert, gesäubert und gereinigt.

Hier haben wir wiederum eine Lehre, die sich durch die ganze Bibel hindurchzieht. Man findet sie in allen Erweckungszeiten wieder; in der Tat ist für mich eines der auffälligsten Kennzeichen von Erweckungszeiten die Vorstellung von Gemeindezucht. Manch eine Gemeinde rühmte sich ihrer großen Mitgliederzahl; als aber der Herr anfing, die Gemeinde zu sichten, blieben schlussendlich nur noch wenige Mitglieder! Es ist dieser Gedanke des Sichtens, des Beschneidens, des Loswerdens der toten Blätter und Zweige zum Zwecke der Läuterung und Reinigung der Gemeinde. Und gerade die Zeit, in der wir leben, richtet das aus. Menschen mit falschen Lehren werden dadurch aufgerüttelt, dass so viele sich ihrer dogmatischen Abirrung wegen von ihnen abkehren; und das dient der wahren Gemeinde Jesu zur Reinigung und Läuterung.

5. Eine Zeit wie die unsrige bietet uns eine gute Grundlage für unsere Heilsgewissheit

Und schließlich bietet uns eine Zeit wie die unsrige, wie mir scheint, eine sehr gute Grundlage für unsere Heilsgewissheit, und sie tut dies wie folgt: »Sie sind von uns ausgegangen«, sagt Johannes, »aber sie waren nicht von uns; denn wenn sie von uns gewesen wären, so wären sie bei uns geblieben.« Sie sind nicht bei uns geblieben; wir aber bleiben. Warum ist das so? Und darauf gibt es letztlich nur eine Antwort, nämlich, dass wir aufgrund dessen bleiben, dass wir wahrhaft im rechten Glauben sein müssen.

Dies ist in gewissem Sinne die Lehre vom endgültigen Beharren der Heiligen: » … denn wenn sie von uns gewesen wären, so wären sie bei uns geblieben.« Allerdings haben sie sich von uns entfernt. Wenn das Falsche weggenommen worden ist, bleibt das Echte; solche, die der Gemeinde angehören und von der Gemeinde sind, bleiben standhaft und bleiben in ihr: »Aber der feste Grund Gottes bleibt bestehen und trägt dieses Siegel: Der Herr kennt die Seinen!« (2.Tim. 2,19). Sie werden sich als echt erweisen, sie werden gesichtet und geprüft werden; aber wenn sie ein Eigentum des Herrn sind, können sie nie aus Seiner Hand entfernt werden.

Also sollten wir eine Zeit wie die unsrige in dieser Weise betrachten. Es ist eine Zeit der Abtrünnigkeit, des Abfalls; es ist eine Zeit, in welcher viele Menschen aus der Gemeinde gehen. Aber wir sehen nicht das Ende der Gemeinde Jesu. Nein, das Ende der Gemeinde wird die Aufnahme in die Herrlichkeit sein; denn die wahre Gemeinde unseres Herrn ist unzerstörbar. Die Gemeinde gehört Christus; und alle, die wahrhaft Ihm angehören, sind Glieder Seines wunderbaren verherrlichten Leibes. Deshalb sollten wir uns in gewissem Sinne sogar der Tatsache rühmen, dass wir in dieser Stunde in der Welt leben und in dieser gegenwärtigen, schwierigen Zeit in der Gemeinde sind und zum Leib Christi gehören.

Missverstehen Sie mich bitte nicht. Wir alle beklagen die Tatsache, dass so viele außerhalb von Christus stehen; wir beklagen die Tatsache, dass die wahre Gemeinde anscheinend so schwach und hilflos ist. Allerdings dürfen wir deswegen nicht nach den Massen und großen Zahlen begehren; wir müssen um die Reinheit und die Reinerhaltung der Lehre besorgt sein, um die Reinheit der Gemeinde selbst, sowohl in ihrem Leben als auch in ihrer Lehre. Wir sollten uns der Tatsache rühmen, dass wir in einer Zeit der Abtrünnigkeit und des Abfalls zum Überrest gehören, und wir sollten mit Augen des Glaubens auf den Krönungstag blicken, der kommen wird, auf den Tag der Wiederkunft des Herrn mit allen Heerscharen Seines Volkes, an dem wir, obgleich jetzt zahlenmäßig klein, zu jener großen Schar gehören werden, welche niemand zählen kann.


Ein Auszug aus dem Buch »Kennzeichen eines Christen«, 3L-Verlag.

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