In Bedrängnis stillhalten

Was beinhaltet ein umsichtiges, gnadenvolles und heiliges Schweigen unter Bedrängnissen?

1. Gott als den Urheber aller Bedrängnisse anerkennen

»Ich schweige und tue meinen Mund nicht auf; denn Du hast es getan« (Ps. 39,10). Der Psalmist David blickt durch zweitrangige Ursachen hindurch zur ersten Ursache und erscheint deshalb schweigend vor dem Herrn. Es gibt keine noch so leichte Krankheit, in der Gottes Hand nicht wirksam wäre, selbst wenn es sich nur um Schmerzen im kleinen Finger handelt. 

Der Schreiber besitzt die Fähigkeit zu schreiben, mehr als die Feder. Und der die Uhr baut und diese in Gang hält, ist kompetenter, sie zum Ticken und Schlagen zu bringen, als die Rädchen und Gewichte, die daran hängen; und jeder Handwerker ist in der Durchführung seiner Arbeiten geschickter als die Werkzeuge, die ihm als seine Instrumente dienen. So ist der Herr, welcher der bedeutendste Handlungsträger und die Triebkraft in allen Prozessen ist, und der die mächtigste Hand in allen unseren Bedrängnissen hat, mehr zu erkennen und anzuerkennen als irgendeine untergeordnete oder zweitrangige Ursache, welcher Art diese auch immer sei. 

Auch Hiob erblickte Gott in allem Geschehen: »Der HERR hat gegeben, der HERR hat genommen« (Hi. 1,21). Hätte er inmitten der Bedrängnisse nicht Gott gesehen, hätte er wohl ausgerufen: »O diese erbärmlichen Chaldäer, sie plünderten und ruinierten mich; diese boshaften Sabäer, sie raubten mich aus und fügten mir Unrecht zu!« Hiob erkannte, dass über der Hand der Chaldäer und Sabäer Gottes Auftrag lag; deshalb legte er seine eigene Hand auf seinen Mund. 

Auch Aaron schwieg still, als er der Hand Gottes im vorzeitigen Tod seiner zwei Söhne gewahr wurde (3.Mo. 10,3). Seine Sicht über Gott bei diesem traurigen Schlag war sowohl für seine Denkweise als auch für seinen Mund ein Zaumzeug; er murrte nicht, noch klagte er. So auch Joseph, der von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft wurde und darin die Hand Gottes sah (1.Mo. 45,8); das brachte ihn zum Schweigen.

Menschen, die inmitten ihrer Bedrängnis Gott nicht erkennen, haben ein leicht erhitzbares Gemüt, welches rasch entbrannt ist. Wenn sie sodann in ihrer Leidenschaft vollkommen aufgebracht sind und ihre Herzen wie in einer Feuerflamme stehen, beginnen sie frech zu werden. Sie zögern nicht, Gott ins Angesicht zu sagen, dass sie »mit Recht zornig« sind (Jon. 4,8-9). Jene, die Gott nicht als den Urheber ihrer Bedrängnisse anerkennen, sind sehr anfällig, auf das verrückte Prinzip der Manichäer  hereinzufallen. Diese behaupten, der Teufel sei der Urheber von allem Unheil – obwohl kein »Unglück in der Stadt« geschehen kann, worin der Herr nicht Seine Hand hat (Am. 3,6). Jene, welche die befehlende Hand Gottes in ihren Bedrängnissen erkennen können, werden wie David ihre Hand auf den Mund legen, wenn die Zuchtrute Gottes auf ihren Rücken trifft (2.Sam. 16,11-12). Wird Gottes Hand in Bedrängnissen nicht wahrgenommen, wird das Herz nicht anders reagieren, als sich unter diesen Bedrängnissen zu ärgern und dagegen zu wüten. 

2. In Bedrängnissen Gottes Herrschaft und Vollmacht erkennen

»Aber der HERR ist in Seinem heiligen Tempel – sei still vor Ihm, du ganze Erde!« (Hab. 2,20); oder wie es in der hebräischen Bibel lautet: »Sei still vor Seinem Angesicht, du ganze Erde!« Wenn Gott alle Menschen der Erde schweigend, ruhig und still vor sich haben möchte, will Er, dass sie Ihn in Seinem Tempel sehen, wo Er in Pracht, in Erhabenheit und in Herrlichkeit thront (2.Kö. 19,14-15). »Seid still vor dem Angesicht GOTTES, des Herrn!« (Zeph. 1,7). 

Schwatze nicht daher, murre nicht, nörgle nicht, streite nicht, sondern sei still, schweige, sei ruhig, lege deine Hand auf den Mund, wenn Seine Hand schwer auf deinem Rücken liegt – derjenige, der ganz Auge ist, um zu sehen, ist ebenso auch ganz Hand, um zu strafen. Wie die Augen eines hervorragend gemalten Gemäldes auf dich geheftet sind, von welcher Seite du es auch betrachtest, so sind auch die Augen des Herrn stets auf dich gerichtet. Deshalb hast du Grund genug, vor Ihm zu schweigen.

Demnach hatte Aaron die Herrschaft Gottes im Blickfeld, was ihn zum Schweigen brachte. Hiob stellte sich die Erhabenheit Gottes vor Augen; dadurch gelangte er zur Ruhe. Eli sah auf die Vollmacht und Gegenwart Gottes und konnte somit ruhig bleiben (1.Sam. 3,11-18). Ein Mensch wird sich niemals selbst demütigen, noch unter der Hand Gottes stillschweigen, bis er erkennt, dass die Hand Gottes sehr gewaltig ist: »So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes« (1.Pt. 5,6). 

Die Menschen betrachten die Hand Gottes als eine schwache Hand, als eine kraftlose, eingeschränkte und gemeine Hand; somit erheben sich deren Herzen gegen Seine Hand. »Wer ist der HERR«, fragte Pharao, »dass ich auf Seine Stimme hören sollte?« (2.Mo. 5,2). Und solange Pharao die Hand Gottes nicht als eine gewaltige Hand erkannte und sie auch als eine solche spürte, ließ er Israel nicht gehen. 

Als Tiribazus, ein vornehmer Perser, festgenommen wurde, zückte er zuerst sein Schwert und verteidigte sich selbst. Doch als man ihn im Namen des Königs anklagte und informierte, dass der König den Befehl dazu gegeben hatte, ihn zu ihm zu bringen, ergab er sich willig. Umgeben uns also Bedrängnisse, so werden wir murren und nörgeln, wir werden uns anstrengen und sogar bis zum Tod kämpfen, bevor wir uns dem Gott ergeben, der uns schlägt – bis wir dahin gelangen, Seine Erhabenheit und Vollmacht zu erkennen; bis wir dahin gelangen, Ihn als den König der Könige und als den Herrn der Herren zu respektieren. Solch eine Sicht von Gott beugt das Herz unter Seine allmächtige Hand. Wie ein Blick auf Seine Gnade die Seele erfreut, so wird sie durch ein Erkennen Seiner Größe und Herrlichkeit beruhigt.

3. In Bedrängnissen still und gelassen sein 

Ein gnadenvolles Schweigen schließt jede innere Hitze, alles Murren, Ärgern, Streiten, Gerangel und jedes Aufbäumen im Herzen aus. »Nur auf Gott wartet still meine Seele« (Ps. 62,2); das bedeutet, dass meine Seele ruhig ist und sich Gott fügt. Alles Murren und Ärgern, alle Leidenschaften und stürmischen Neigungen gelangen zur Ruhe, sie halten sich im Zaum und werden bezwungen. Auch in den genannten Beispielen von Aaron, Eli und Hiob kommt das klar zum Ausdruck. Diese erkannten, dass es der Vater im Himmel ist, der ihnen diesen bitteren Kelch in die Hand gab; dass es die Liebe ist, die ihnen dieses schwere Kreuz auf die Schulter legte; und dass es die Gnade ist, die ihnen dieses Joch um den Hals band. Diese Tatsachen bewirkten in ihrem Geist eine große Ruhe und Gelassenheit. 

Ein Mann verbiss sich seine Schmerzen, als der Chirurg sein Bein amputierte. Einige Menschen verbeißen sich ihre Schmerzen, wenn Gott ihnen dieses und jenes Erbarmen entzieht; sie verbergen und verheimlichen ihren Kummer und ihre Plage. Könnte man aber nur einen Blick in ihre Herzen werfen, würde man dort einen Aufruhr, eine Unordnung und alles in Flammen stehend vorfinden. Und mögen diese Menschen auch äußerlich kühl erscheinen, so wütet doch in ihnen ein heißes, brennendes Feuer. In solch einem Feuer befand sich einst auch David (Ps. 39,3-4). Eine heilige Stille aber lindert gewiss alle Tumulte in den Gedanken; sie bewirkt, dass ein Mensch durch »standhaftes Ausharren« seine Seele gewinnt (Lk. 21,19). 

Neben dem Gewinn der Gunst Gottes ist dies der erlesenste und lieblichste Gewinn in der ganzen Welt. Die wahre Stille herrscht sowohl im Herzen als auch in den Gedanken eines solchen Mannes – wie sie auch auf der Zunge dessen liegt, der zu einer wahrhaftigen und göttlichen Ruhe unter der zurechtweisenden Hand Gottes gelangt (Pred. 5,1). Wie die Worte der Lippen getrennt von der Gesinnung des Herzens keine Anerkennung vor Gott finden, so ist das Schweigen der Zunge getrennt vom Schweigen des Herzens vor Gott nicht wertgeachtet. »Weil sich dieses Volk mit seinem Mund Mir naht und Mich mit seinen Lippen ehrt, während es doch sein Herz fern von Mir hält und ihre Furcht vor Mir nur angelerntes Menschengebot ist« (Jes. 29,13). Ein Mensch genießt dann eine gnadenvolle Stille, wenn er sowohl in seinem Inneren als auch nach außen hin ruhig geworden ist.

Terpandros, ein Harfenspieler und Poet, konnte durch die Lieblichkeit seiner Lyrik und Musik aufgebrachte Gedanken der Menschen beruhigen – David bewirkte mit seiner Harfe dasselbe bei Saul. Befinden sich Kinder Gottes unter der Rute Gottes, dann bringt Gott durch Seinen Geist und durch Sein Wort solch liebliche Musik in ihren Seelen hervor, dass alle aufgebrachten Neigungen, Leidenschaften und Verwirrungen zur Ruhe gelangen (Ps. 94,17-19; Ps. 119,49-50) und sie wie Noah  in ihren Seelen den Frieden bewahren können.

4. In Bedrängnissen Gott nicht anklagen 

»Damit Du recht behältst, wenn Du redest, und rein dastehst, wenn Du richtest« (Ps. 51,6). Wenn Gott Sein Volk richtet, dann weist Er sie zurecht oder züchtigt sie: »Denn wenn wir uns selbst richteten, würden wir nicht gerichtet werden; wenn wir aber gerichtet werden, so werden wir vom Herrn gezüchtigt, damit wir nicht samt der Welt verurteilt werden« (1.Kor. 11,31-32). 

Davids großes Anliegen – als er unter der bedrängenden Hand Gottes war – bestand darin, den Herrn von aller Ungerechtigkeit freizusprechen. »Ach, Herr!«, gestand er, »es gibt nicht das geringste Anzeichen, nicht den geringsten Makel, Fleck, Fehler oder irgendein Ersinnen von Ungerechtigkeit in allen Bedrängnissen, die Du über mich gebracht hast. Ich schäme mich und besiegle es, dass der Herr gerecht ist. Und darin, was der Herr mir zumisst, liegt keine Ungerechtigkeit, keine Grausamkeit, noch irgendein Missgeschick.« 

Genauso bestätigt der Psalmist des 119. Psalms in Vers 75 und 137 auf liebliche und bereitwillige Art die Gerechtigkeit Gottes inmitten der scharfen und heftigen Bedrängnisse, die Gott ihm widerfahren lässt. »HERR, ich weiß, dass Deine Bestimmungen gerecht sind, und dass Du mich in Treue gedemütigt hast … Gerecht bist Du, o HERR, und Deine Bestimmungen sind richtig!« Gottes Bestimmungen sind immer richtig; Er züchtigt niemals, außer in Seiner Treue. Sein Wille ist das Gesetz der Gerechtigkeit; deshalb wagt eine begnadete Seele nicht zu nörgeln oder Seine Handlungsweise zu hinterfragen. Die bedrängte Seele weiß, dass ein gerechter Gott nichts anderes wirken kann außer dem, was der Gerechtigkeit entspricht. Sie weiß, dass Gott nicht von jemandem beherrscht werden kann; daher steckt der bedrängte Mensch Seinen Mund in den Staub (Kla. 3,29) und schweigt still vor Gott. Wer getraut sich, Ihn zu fragen: »Warum tust Du dies?« (2.Sam. 16,10)?

Wenn in der Türkei früher Straftäter auf grausame Weise ausgepeitscht wurden, dann waren sie verpflichtet, jenen Richter aufzusuchen, der den Befehl dazu gegeben hatte; sie mussten ihm die Hand küssen und ihm danken, ebenso jenen Beamten bezahlen, der sie ausgepeitscht hatte – dadurch stellten sie klar, dass der Richter und der Beamte frei von Ungerechtigkeit seien. Schweigend die Rute zu küssen und jene Hand, die mit dieser Rute schlägt, ist die erhabenste Art klarzustellen, dass der Herr frei von aller Ungerechtigkeit ist.

Die babylonische Gefangenschaft war die schmerzlichste, die schwerste Bedrängnis, die Gott jemals über ein Volk unter dem Himmel verhängt hatte. Dies wird in 1. Samuel 12 und in Daniel 9,12 usw. bezeugt. Und doch wird unter diesen schmerzlichen Bedrängnissen die Weisheit gerechtfertigt von ihren Kindern (Mt. 11,19). »Du bist gerecht in allem, was über uns gekommen ist; denn Du hast Treue bewiesen; wir aber sind gottlos gewesen« (Neh. 9,33). »Der HERR ist gerecht; denn ich bin widerspenstig gewesen gegen Sein Reden« (Kla. 1,18). 

Eine heilige Stille erstrahlt nirgends heller als dort, wo man Gott auf demütige Weise freispricht und entlastet, wohingegen ein verderbtes Herz dazu angetan ist, Gott in Zeiten der Bedrängnis anzuklagen. Gott kann, weil Er gut ist, nichts geben noch etwas tun, was nicht gut ist. »Was andere häufig tun, ist für Gott unmöglich«, schreibt Luther zu Psalm 120.

 


 

Entnommen aus dem Buch:

Als Christ in Bedrängnis stillhalten

Unter dem Eindruck seiner eigenen Erfahrung inmitten von Prüfungen und Bedrängnissen verfasste Thomas Brooks dieses Buch 1659 als Ermutigung und Ermahnung für andere. Er setzt Bedrängnisse, Versuchungen, Prüfungen und menschliche Schwächen ins Verhältnis zu Schrifterkenntnis, indem er ermahnt zu glauben und zur demütigen Annahme der Situation. Denn die disziplinierende Hand Gottes soll den Kindern Gottes zum Gewinn werden; das Ziel ist, Ihn als unseren Vater zu erkennen.

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In Bedrängnis stillhalten

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