»Wir geben niemand irgendeinen Anstoß, damit der Dienst nicht verlästert wird.«
2. Korinther 6,3
Wir sprechen oft von der Freude des Christseins, und sie ist wirklich real und kostbar. Denn durch Christus haben wir Vergebung empfangen, sind in die Familie Gottes aufgenommen worden und werden von einer lebendigen Hoffnung getragen, die weit über dieses Leben hinausreicht.
Zugleich ist uns aber auch die andere Wirklichkeit bewusst: der tägliche Kampf. Wir leben weiterhin in einer gefallenen Welt. Dieser Kampf findet nicht nur um uns herum statt, sondern auch in uns. Frustration, Enttäuschung, innere Spannungen und ein tiefes Seufzen begleiten unseren Weg und Dienst. All das steht dabei nicht im Widerspruch zur Gnade; vielmehr führt es uns tiefer in die Abhängigkeit von ihr.
Bei aller persönlichen inneren und äußeren Not gibt es jedoch etwas, das noch schwerwiegender ist: der Zustand der Gemeinde Jesu. Uns ist natürlich bewusst, dass wir uns alle noch im Prozess der Heiligung befinden. Wir können von der Gemeinde Jesu im Hier und Jetzt keine Vollkommenheit erwarten. Manchmal scheint es aber, als habe der Teufel bereits so viel Schaden in ihr angerichtet, dass sie kaum noch dem entspricht, wozu sie als herrliche Braut Christi berufen ist.
Wo eigentlich geistliche Klarheit und Orientierung sein sollte, breitet sich oft Unsicherheit und Verwirrung aus. Wo Liebe, Geduld und Vergebung das Miteinander prägen sollten, entstehen Spannungen und Konflikte. Und das Evangelium, das doch das Herzstück der Gemeinde sein muss, gerät zunehmend aus dem Blickfeld, während nebensächliche Fragen und unnötige Streitigkeiten sich ungehindert in den Vordergrund drängen.
All das ist gefährlicher, als wir denken, wenn wir die ernste Warnung des Apostels Paulus beachten: »Ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig.« Denn was zunächst klein und unbedeutend erscheint und vielleicht sogar wider besseres Wissen geduldet wird, bleibt nicht ohne Wirkung – es breitet sich aus, durchdringt das Ganze und richtet tiefgreifenden Schaden an. Deshalb führt Paulus diesen Gedanken weiter aus und legt den Finger auf die eigentliche Wurzel: »Denn ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder; nur macht die Freiheit nicht zu einem Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander durch die Liebe … Wenn ihr einander aber beißt und fresst, so habt acht, dass ihr nicht voneinander aufgezehrt werdet!« (Gal. 5,9.13-15).
Damit wird deutlich, worum es im Kern geht: Sobald die Freiheit vom Evangelium gelöst wird, verliert sie ihren heiligen Charakter und wird zur bloßen Selbstverwirklichung. Sie dient dann nicht mehr Christus, sondern dem eigenen »Ich« – oft unter einem frommen Anschein –, und wird zum Werkzeug des Fleisches. Und wenn die Liebe zu Christus und zueinander erkaltet, bleibt das nicht verborgen; früher oder später zeigt es sich in Worten, Entscheidungen und im Umgang miteinander und hinterlässt Verletzungen und Schaden, nicht nur beim Einzelnen, sondern in der ganzen Gemeinde.
Werden nebensächliche Fragen wichtiger als das Evangelium, bleiben die Folgen nicht aus. Sünde wird dann oft nicht mehr klar als Sünde erkannt, brüderliche Ermahnung verliert ihren Stellenwert, und auch die Buße wird zunehmend verdrängt. Stattdessen breiten sich Rebellion und Herrschsucht aus. Das ist eine ernste Realität. – Immer stärker prägt dabei auch die Stimme der Öffentlichkeit das Leben der Gemeinde, besonders durch soziale Medien, in denen zunehmend auch Frauen öffentlich als »christliche« Lehrerinnen auftreten. Und die Stimmen der Hirten und der Gemeinde als »der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit« verlieren ihre geistliche Kraft und ihre Wirkung.
Aus dieser Entwicklung heraus wird die Konsequenz sichtbar, die Paulus in 1. Korinther 6 anspricht: Es bedeutet geistliches Versagen, wenn Christen ihre Konflikte nach außen tragen, statt sie innerhalb der Gemeinde zu klären. Und nicht nur der offene Streit ist bereits ein Schaden, sondern schon die Bereitschaft, öffentlich gegeneinander vorzugehen, zeigt ein Herz, das nicht mehr vom Evangelium geprägt ist.
Darum sagt Paulus so eindringlich: »Es ist ja überhaupt schon ein Schaden unter euch, dass ihr Prozesse miteinander führt. Warum lasst ihr euch nicht lieber Unrecht tun? Warum lasst ihr euch nicht lieber übervorteilen?« (1.Kor. 6,7).
In diesem Zusammenhang wird deutlich, was wahre geistliche Weisheit und Reife ausmacht: nicht das Durchsetzen des eigenen Rechts, sondern die Bereitschaft, sich zurückzunehmen, ja sogar Unrecht zu ertragen, damit die Gemeinde keinen Schaden nimmt und Christus geehrt wird. Umso ernster ist es, wenn Spannungen und Konflikte nicht mehr in der Gemeinde geklärt werden, sondern öffentlich vor den Augen der Welt ausgetragen werden. Denn so wird das Zeugnis unseres Herrn entstellt, und die Gemeinde Jesu wird der Verachtung und dem Spott preisgegeben.
Inmitten dieser ernsten Lage müssen wir uns die Frage stellen: Sind wir bereit, den Sauerteig auszufegen und nach der Reinheit der Gemeinde zu streben? Was ist jetzt zu tun? Was braucht die Gemeinde Jesu in dieser Zeit so dringend?
Die Antwort ist nicht neu, aber sie ist von entscheidender Bedeutung: Wir müssen das kraftvolle Evangelium Jesu Christi neu entdecken. Denn es ist die einzige Botschaft, die die Kraft hat, unsere Herzen zurück zur Gottesfurcht zu führen und uns zu Botschaftern lebendiger Hoffnung zu machen. Nur das Evangelium deckt Sünde in ihrer ganzen Tiefe auf, rettet den verlorenen Menschen, erneuert das Herz, verwandelt das Leben und bringt dem Gewissen wahren Frieden.
Wir brauchen nicht noch mehr menschliche Auseinandersetzungen, sondern ein Herz, das sich in echter Buße vor Gott beugt – bereit, die eigene Sünde zu erkennen und zu Ihm zurückzukehren. Nicht Rechthaberei ist gefragt, sondern eine Haltung der Vergebung und Versöhnung; nicht Selbstbehauptung, sondern ein vor Gott zerbrochenes und demütiges Herz.
Wenn dieses kraftvolle Evangelium neu Einzug hält und Gott in Seiner Gnade wirkt, dann geschieht wahre Erweckung: Herzen werden verändert, das Leben wird neu ausgerichtet, und alles beginnt sich von Grund auf zu wandeln. So entstehen lebendige Gemeinden – nicht bloß äußerliche oder virtuelle »Online«-Gemeinschaften, sondern wirkliche, innerlich verbundene Gemeinden –, in denen Christus im Zentrum steht und Sein Wort unser Denken, Reden und Handeln prägt. So entstehen Gemeinden, die durch das gepredigte Wort Gottes geheiligt werden und in denen die Liebe nicht heuchlerisch oder scheinheilig wirkt, sondern aufrichtig und aufbauend ist.
Und inmitten solcher Erweckung kann Gott auch Hirten nach Seinem Herzen schenken: Männer, die nicht herrschen, sondern dienen; Älteste, die die Herde nicht treiben, sondern weiden – gottesfürchtig und mit aufrichtiger Liebe zu den ihnen anvertrauten Geschwistern. Prediger, die nicht aus der Distanz einer »Internet-Kanzel« sprechen, sondern mitten unter den Geschwistern stehen – klar in der Wahrheit, sanft im Ton und demütig im Herzen. Treue Männer, die mit gesunder Lehre ermahnen, Widersprechende überführen, Sünde beim Namen nennen und ernsthaft zur Buße rufen.
Wir brauchen heute wieder die Wahrheit, die aufdeckt, aber auch heilt; die das Herz überführt und zugleich zu Christus zieht. Nicht eine Botschaft, die verhärtet und spaltet, und auch nicht eine laue Verkündigung, die die Gemeinde kraftlos macht. Wir brauchen geistliche Klarheit, die über bloßes Wissen hinausgeht und unser Leben verändert – eine Wahrheit, die uns in die Gottesfurcht führt und unser Leben so prägt, dass es Gott ehrt.
Lasst uns als Gemeinde Christi unseren Blick neu auf Christus richten – auf Seine Heiligkeit, Seine Wahrheit und Seine wunderbare Gnade. Denn bei Ihm finden wir alles, was unsere Herzen so dringend brauchen: Vergebung für unsere Schuld, Reinigung von aller Sünde und echte Wiederherstellung für ein müdes und belastetes Herz.
Seine Gnade leitet uns zur Buße, richtet uns auf, wenn wir gefallen sind, und bewahrt uns davor, mutlos zu werden oder aufzugeben. Sie verändert unser Herz und lehrt uns, dem Wort Gottes gemäß zu leben. Sie entzündet beständig neuen Eifer in uns und sendet uns als Christen in diese Welt – als eine lebendige Stimme der Hoffnung.
Wir sind überzeugt, dass der Herr nicht müde geworden ist zu wirken, und dass Seine Gnade auch heute noch ausreichend ist, um Menschen zu erwecken, Herzen zu heilen und Gemeinden neu auf das Evangelium auszurichten.
Wir möchten Dich, lieber Leser, darum bitten, dieses Anliegen im Gebet mitzutragen.
Möge der Herr uns neu bußfertige Herzen schenken, unsere Gemeinden in Seiner Wahrheit bewahren und Sein Volk durch die Kraft des Evangeliums reinigen, stärken und erneuern!
Möge Er uns Hirten, Prediger und Gemeinden schenken, die Christus treu nachfolgen, Sein Wort lieben und in dieser Zeit ein klares und freudiges Zeugnis zu Seiner Ehre sind!


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