Der Christ und Verfolgung

»Glückselig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden,
denn ihrer ist das Reich der Himmel!«

Matthäus 5,10

Mit den Seligpreisungen beschrieb der Herr Jesus die Merkmale eines wahren Christen, und mit den Versen 10-12 wendet Er dann die letzte Aussage insbesondere auf Seine Jünger an.

Zunächst scheint sich diese Seligpreisung von allen anderen zu unterscheiden. Sie beschreibt weniger den Charakter eines Christen, als das, was daraus resultieren wird, wenn er so ist, wie die Seligpreisungen ihn beschreiben. Er wird verfolgt, weil er ein besonderer Mensch ist und demnach auch ein besonderes Verhalten an den Tag legt. Mit anderen Worten sagt der Herr Jesus: »Wenn ihr wahre Christen seid, dann werdet ihr Verfolgung erleben.« 

An dieser Stelle können wir berechtigterweise sagen, dass wir es hier mit einem Test zu tun haben, der uns wie kein zweiter prüft. Diese Seligpreisung ist die tiefschürfendste: »Glückselig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden.« Alle Seligpreisungen gehen in die Tiefe und stellen uns auf die Probe. Aber in mehrfacher Weise geht diese Seligpreisung tiefer als alle andern. Sogleich will ich aber auch hinzufügen, dass wir bei keiner der Seligpreisungen so vorsichtig sein müssen wie bei dieser. Keine ist so anfällig für Missverständnisse wie diese. Wahrscheinlich ist keine der Seligpreisungen so häufig missverstanden und falsch angewandt worden. Ich bin daher der Meinung, dass es bei dieser Seligpreisung äußerst wichtig ist, die Worte »um der Gerechtigkeit willen« zu betonen. Es heißt nicht einfach: »Glückselig sind, die verfolgt werden«, sondern: »Glückselig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden.« Lasst uns daher sicherstellen, dass wir diesen Vers recht verstehen und auch wissen, was er wirklich aussagt.

1. Was »verfolgt werden« nicht bedeutet

Es heißt nicht: »Glückselig sind, die verfolgt werden, weil sie so anstößig sind.« Es wird auch nicht gesagt: »Glückselig sind die, die es schwer in ihrem Christenleben haben, weil sie so schwierige Menschen sind.« Es heißt auch nicht: »Glückselig sind, die als Christen verfolgt werden, weil es ihnen einfach an Weisheit fehlt und sie in so törichter und plumper Art Zeugnis von ihrem Glauben ablegen.« Das wird an dieser Stelle nicht gesagt. 

Aber wie oft begegnet man Christen, die ein wenig »verfolgt« werden, doch nur ihrer eigenen Torheit wegen, oder weil etwas mit ihnen oder in ihrem Verhalten nicht stimmt. Aber diesen Menschen gilt jene Verheißung nicht. Es geht hier darum, »um der Gerechtigkeit willen verfolgt [zu] werden«. Wir sollten uns darüber im Klaren sein. Wir können großes Leid über uns bringen – wir können uns große Schwierigkeiten bereiten, die völlig unnötig sind –, nur weil wir seltsame Vorstellungen vom Zeugnisgeben haben, oder weil wir auf Grund einer falschen Selbstgerechtigkeit solches heraufbeschwören. In dieser Beziehung verhalten wir uns oft sehr töricht. Wir sind häufig ziemlich schwerfällig darin, den Unterschied zwischen Vorurteilen und Prinzipien zu erkennen. Und wir sind ebenso schwerfällig darin, den Unterschied zwischen einer natürlichen Anstößigkeit, die in unserer Eigenart beruht, und dem Anstoß »um der Gerechtigkeit willen« zu erkennen.

Leiden um des eigenen Fanatismus willen

Weiterhin steht da nicht: »Glückselig sind, die um ihres Fanatismus willen verfolgt werden«, noch heißt es: »Glückselig sind, die verfolgt werden, weil sie übereifrig sind.« Fanatismus kann auch zu Verfolgung führen; aber Fanatismus wird an keiner Stelle des Neuen Testaments befürwortet. Es gibt so viele Versuchungen, die uns in unserem geistlichen Leben als Christen behindern wollen. Besonders der Geist des Fanatismus hat schon manchen in große Schwierigkeiten gebracht. 

Ich erinnere mich an einen armen Menschen, der wegen seines Übereifers nicht nur Leid über sich selbst gebracht hat, sondern auch über seine Frau. Er war übereifrig und achtete nicht auf einige ausdrückliche Anweisungen unseres Herrn, weil er unbedingt darauf aus war, Zeugnis zu geben. Wir müssen auf der Hut sein, damit wir nicht unnötiges Leid über uns selbst bringen. Wir müssen dabei »klug [sein] wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben« (Mt. 10,16). Gott möge uns davor bewahren, aus dem Grund zu leiden, weil wir vergessen, diese Worte zu beherzigen. Mit anderen Worten, es heißt hier nicht: »Glückselig sind, die verfolgt werden, weil sie sich falsch verhalten« oder »eine falsche Einstellung haben«. Wir erinnern uns, wie weise es Petrus ausdrückt: »Keiner von euch soll daher als Mörder oder Dieb oder Übeltäter leiden.« Wir dürfen aber nicht übersehen, wen er an dieser Stelle noch in einem Atemzug mit Mördern, Dieben und Übeltätern nennt, nämlich solche, die »sich in fremde Dinge« mischen (1.Pt. 4,15).

Leiden um der eigenen Prinzipien willen

Ich füge dem nun noch eine weitere Verneinung aus einer anderen Kategorie hinzu. Dieser Text sagt gewiss auch nicht: »Glückselig sind, die wegen eines ihrer Prinzipien verfolgt werden.« Ich sage, dass es einen Unterschied macht, ob ich »um der Gerechtigkeit willen« verfolgt werde oder um einer eigenen Sache, eines Prinzips willen. Es ist mir natürlich bewusst, dass sich diese zwei Dinge oft überschneiden. Viele der bekannten Märtyrer und Glaubenszeugen haben um der Gerechtigkeit willen und auch um einer Sache willen gelitten. Daraus darf man aber nicht schließen, dass beide Dinge zusammengehören. Ich denke, dass dies eine ganz wichtige Sache ist, die wir gerade in unserer Zeit nicht vergessen dürfen.

Ich denke, dass in den letzten Jahren einige Christen aus religiösen Gründen in Gefängnissen gelitten haben. Sie haben aber nicht »um der Gerechtigkeit willen« gelitten. Wir müssen an diesem Punkt sehr genau unterscheiden. Es besteht immer die Gefahr, so etwas wie eine Märtyrermentalität zu entwickeln. Es gibt Menschen, die sich direkt nach einem Märtyrertum sehnen. Sie hofieren es förmlich. Davon redet unser Herr hier nicht.

Leiden um politisch-religiöser Gründe willen

Wir müssen auch anerkennen, dass es auch nicht um Leid und Verfolgung aus politisch-religiösen Gründen geht. Wir müssen einfach zur Kenntnis nehmen, dass viele Christen unter dem Naziregime als Christen leben und wandeln konnten und auch das Evangelium in aller Öffentlichkeit verkündigten, ohne behelligt zu werden. Wir wissen aber auch von anderen Christen, die in Gefängnisse gekommen sind. Wir müssen nun genau hinsehen, was im Einzelfall die Ursache für ihre Inhaftierung war. Und ich bin davon überzeugt, dass wir feststellen werden, sofern man diese Unterscheidung berücksichtigt, dass es ganz allgemein politische Gründe waren. Ich brauche nicht zu unterstreichen, dass ich damit auf gar keinen Fall Hitler und seine Helfershelfer entschuldigen will. Ich möchte aber jedem Christen raten, auf diese wichtige Unterscheidung zu achten. 

Wenn du und ich Religion und Politik vermischen, dann sollten wir uns nicht wundern, wenn wir verfolgt werden. Aber es handelt sich nicht notwendigerweise um Verfolgung »um der Gerechtigkeit willen«, wie ich versuche zu verdeutlichen. Dies ist etwas ganz Besonderes und Eigenes, und eine der größten Gefahren, mit der wir es in der Gegenwart zu tun haben, ist, zwischen diesen beiden Dingen nicht zu unterscheiden. 

Gegenwärtig gibt es Christen in Nordkorea und anderen Ländern, für die dies ein sehr akutes Problem ist. Geht es ihnen um die Gerechtigkeit oder um eine Sache? Natürlich haben sie ihre politischen Vorstellungen und Ideen. Sie sind Bürger ihres Landes. Ich will auch nicht sagen, dass man nicht für seine politische Meinung eintreten sollte. Ich muss nur an Folgendes erinnern: Die zu dieser Seligpreisung gehörende Verheißung bezieht sich nicht auf politische Einstellungen.

Wenn du bereit bist, für deine politische Überzeugung zu leiden, dann tu es. Aber mach dann Gott keine Vorhaltungen, wenn sich die Segnungen dieser Seligpreisung in deinem Leben nicht einstellen. Diese Seligpreisung und ihre Verheißung richten sich an diejenigen, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden. Möge Gott uns gnädig sein und uns Weisheit und Verstand schenken, damit wir unterscheiden können zwischen politischen Einstellungen und Vorurteilen und geistlichen Prinzipien.

Momentan herrscht diesbezüglich viel Verwirrung. Viel Gerede, das sich christlich anhört und von dem behauptet wird, dass es christlich darin sei, dass es gewisse Dinge anprangert, die in dieser Welt geschehen, ist – und davon bin ich überzeugt – nichts weiter als ein Ausdruck politischer Einstellungen. Mein Wunsch ist es, uns vor einer solchen falschen Auslegung der Schrift zu bewahren, die zu ganz und gar unnötigem Leid führt. 

Eine weitere große Gefahr entsteht, wenn diese klare biblische Haltung von denen vereinnahmt wird, die gewisse politische und soziale Vorstellungen haben. Zwischen beiden Haltungen liegen Welten, und sie haben nichts miteinander zu tun. Lasst mich dies an einem Beispiel illustrieren: Der christliche Glaube ist an und für sich nicht gegen die Obrigkeit; und ich hoffe, niemand unter uns ist so töricht, es der römisch-katholischen Kirche oder einer anderen Richtung zu erlauben, uns diesbezüglich zu verwirren und in die Irre zu führen. 

Als Christen müssen wir um die Seelen und das Heil der Regierenden besorgt sein. Sie müssen uns genauso am Herzen liegen wie alle anderen Menschen auch. Hinterlassen wir aber bei ihnen erst einmal den Eindruck, dass der christliche Glaube sich nur gegen sie richte, verschließen und verbarrikadieren wir selbst die Tür zu ihnen und halten sie förmlich davon ab, die Heilsbotschaft des Evangeliums anzuhören. Liebe Christen, lasst uns sehr vorsichtig sein und die Aussagen der Schrift so nehmen, wie sie dastehen.

Leiden, weil wir »gute Menschen« sind

Nun noch eine letzte verneinende Bemerkung. In dieser Seligpreisung heißt es noch nicht einmal: »Glückselig sind, die verfolgt werden, weil sie so ›gute Menschen‹ sind« – oder so großzügig, oder so opferbereit. Und hier haben wir es mit einer weiteren äußerst wichtigen Unterscheidung zu tun. Diese Seligpreisung sagt also nicht, dass wir gesegnet sind, wenn wir aus dem Grund leiden, weil wir gut und großzügig sind – denn aus diesem Grund wird mit höchster Wahrscheinlichkeit niemand verfolgt werden. 

Es ist doch eine unwiderlegbare Tatsache, dass die Welt normalerweise Menschen lobt, verehrt und liebt, die einfach nur gut und nobel sind. Die Welt bedrängt und verfolgt nur die Gerechten. Es gibt Menschen, die große Opfer gebracht und Karrieren, Reichtum und eine rosige Zukunft aufgegeben haben, ja sogar ihr Leben opferten. Solche Menschen hält die Gesellschaft doch in hohen Ehren und macht sie zu ihren Helden. 

Wir sollten daher sofort vermuten, dass es sich bei ihrem Opfer oder bei ihren Leiden nicht um Verfolgung um der Gerechtigkeit willen handelt, von der in dieser Seligpreisung gesprochen wird. Es gibt berühmte Persönlichkeiten, die die Welt für großartige Christen hielt, nur weil sie große Opfer gebracht haben. Das, so meine ich, sollte bei uns sogleich die Frage aufwerfen, ob solche Menschen um der Gerechtigkeit willen verfolgt wurden, oder ob der Grund für ihr Opfer und ihre Leiden ein anderer ist – etwa ein allgemein nobler Charakter.

2. Was »verfolgt werden« bedeutet

Wie ist denn nun diese Seligpreisung zu verstehen? Ich möchte es folgendermaßen ausdrücken: Gerecht sein, also Gerechtigkeit zu üben heißt, so zu sein wie der Herr Jesus Christus. Glücklich gepriesen werden also diejenigen, die verfolgt werden, weil sie so sind wie der Herr. Es geht noch weiter: Diejenigen, die so sind wie ihr Herr, werden immer verfolgt werden. Ich möchte euch dies anhand dessen beweisen, was die Heilige Schrift lehrt. 

Hört auf das, was unser Herr darüber zu sagen hat: »Wenn euch die Welt hasst, so wisst, dass sie Mich vor euch gehasst hat. Wenn ihr von der Welt wärt, so hätte die Welt das Ihre lieb; weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern Ich euch aus der Welt heraus erwählt habe, darum hasst euch die Welt. Gedenkt an das Wort, das Ich zu euch gesagt habe: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie Mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen« (Joh. 15,18-20) – ohne Einschränkung; hier handelt es sich um eine kategorische Aussage. 

Hört auch auf das, was Paulus an Timotheus schreibt, der diese Lehre nicht verstand und unglücklich war, weil er verfolgt wurde: »Und alle, die gottesfürchtig leben wollen in Christus Jesus, werden Verfolgung erleiden« (2.Tim. 3,12). Das ist wiederum eine kategorische Aussage. Aus diesem Grunde habe ich anfangs gesagt, dass ich überzeugt bin, dass dies die tiefschürfendste aller Seligpreisungen ist. Leidest du Verfolgung?

Menschen, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt wurden

Da ist Abel, der von seinem Bruder verfolgt wurde. Mose war bitterer Verfolgung ausgesetzt. David wurde von Saul verfolgt. Und Elia und Jeremia mussten schreckliche Verfolgung erdulden. Erinnern wir uns an Daniel, und wie er verfolgt wurde. Dies sind einige der gerechtesten Männer des Alten Testaments, außergewöhnliche Persönlichkeiten, und jede von ihnen belegt diese biblische Lehre. Sie wurden nicht verfolgt, weil sie etwa schwierige, übereifrige Charaktere gewesen wären. Sie wurden verfolgt, weil sie gerecht waren. 

Im Neuen Testament finden wir genau den gleichen Sachverhalt vor. Erinnern wir uns an die Apostel, und welche Verfolgungen sie erdulden mussten. Ich bezweifle, ob es je eine Person gab, die mehr erlitten hat als der Apostel Paulus, trotz seiner Sanftmut und Güte und Freundlichkeit. Es sollte uns nicht überraschen, wenn er schreibt: »Alle, die gottesfürchtig leben wollen in Christus Jesus, werden Verfolgung erleiden.« Er hat das an so vielen Stellen seines Lebens erfahren.

Das beste Beispiel ist aber unser Herr Selbst. Ihn sehen wir in all Seiner einzigartigen Vollkommenheit, Seiner Sanftmut und Freundlichkeit – Ihn, von dem gesagt werden kann: »Das geknickte Rohr wird Er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird Er nicht auslöschen« (Jes. 42,3). Niemals war irgendjemand so gütig und freundlich! Aber schauen wir, was Ihm widerfahren ist, und was die Welt Ihm angetan hat. 

Lest aber auch die lange Geschichte der Gemeinde Jesu. Ihr werdet herausfinden, dass sie eine endlose Bestätigung dessen ist, was wir hier feststellen. Lest Biographien wie jene von Johannes Hus oder den Vätern des Protestantismus. Oder informiert euch über die Erweckung im 18. Jahrhundert, wie die Prediger verfolgt wurden. Nicht viele haben so viel Verfolgung erlitten wie z. B. Hudson Taylor. Er wusste, was es heißt, von Zeit zu Zeit Verfolgung zu leiden. Er ist schlicht eine Bestätigung dieser Seligpreisung.

Wer verfolgt die Gerechten? Wenn wir daraufhin die Schrift und die Kirchengeschichte durchforschen, dann werden wir herausfinden, dass Verfolgung nicht nur von Seiten der Welt ausgegangen ist. Einige der schlimmsten Verfolgungen, die die Gerechten erdulden mussten, gingen von der Kirche oder Gemeinde selbst aus, von religiösen Menschen also. Sehr oft geht Verfolgung von Namenschristen aus. 

Schauen wir wieder auf unseren Herrn. Wer waren Seine Hauptverfolger? Die Pharisäer, die Lehrer des Gesetzes. Auch die ersten Christen wurden aufs unerbittlichste von den Juden verfolgt. Und dann werfen wir einen Blick in die Kirchengeschichte, wie die römisch-katholische Kirche im Mittelalter nicht wenige von denen verfolgte, die die reine Wahrheit erkannt hatten und nun versuchten, in aller Stille danach zu leben. Sie wurden von sehr religiösen Menschen verfolgt. Das war auch die Geschichte der Väter des Puritanismus. 

Das ist die Lehre der Heiligen Schrift, bestätigt durch die Kirchengeschichte, dass Verfolgung nicht nur von außen zu kommen braucht, sondern aus den eigenen Reihen. Viele nehmen Vorstellungen über das Christentum an, die weit von dem entfernt sind, was die Schrift lehrt. Und aufgrund dieser Vorstellungen verfolgen sie dann diejenigen, die schlicht und aufrichtig ihrem Herrn auf dem schmalen Weg nachfolgen wollen. 

Vielleicht kannst du dies auch schon aus eigener Erfahrung bestätigen. Von Neubekehrten habe ich schon oft gehört, dass sie weit mehr Widerstand von angeblichen Christen erfahren haben als von Seiten der Welt, die oft erfreut ist, dass sie sich verändert haben, und etwas darüber wissen möchte. Nominelles, formales Christentum ist oft der größte Feind des biblischen Glaubens.

Warum werden die Gerechten verfolgt? 

Warum werden gerade die Gerechten verfolgt und nicht die Guten und Anständigen? Ich meine, die Antwort darauf ist sehr einfach. Die Guten und Anständigen werden ganz selten verfolgt, weil man in ihrer Gegenwart das Gefühl hat, sie seien gerade so, wie man in den besten Momenten seines Lebens ist. Aber die Gerechten werden verfolgt, weil sie so ganz anders sind. Darum hassten die Pharisäer und Schriftgelehrten den Herrn Jesus Christus – und zwar nicht, weil Er solch ein guter Mensch war, sondern weil Er so anders war. Sie sahen am Herrn etwas, das sie verurteilte. Bei Ihm ahnten sie, dass ihre Gerechtigkeit sehr schäbig aussah – und das gefiel ihnen überhaupt nicht. 

Die Gerechten mögen gar nichts sagen, sie verurteilen die anderen nicht so sehr mit Worten. Aber indem sie das sind, was sie sind, verurteilen sie. In ihrer Gegenwart fühlen sich andere unleidlich und schrumpfen zu nichts zusammen. Darum werden sie gehasst, und man setzt alles daran, auch bei ihnen Fehler zu finden. Das ist auch die Erklärung für die Verfolgung, die Daniel erlitten hat. Er musste leiden, weil er gerecht war. Er machte keine Show daraus, sondern verhielt sich eigentlich still und unauffällig. Seine Widersacher aber sagten: »Dieser Mann verdammt uns in dem, was er tut. Wir müssen ihn ausschalten.« Das ist immer der Auslöser, auch bei unserem Herrn. Die Pharisäer und andere hassten Ihn um Seiner absoluten Heiligkeit, Gerechtigkeit und Wahrheit willen. Und das ist auch der Grund, warum solche freundlichen und liebevollen Menschen wie Martin Luther, Hudson Taylor usw. so unerbittlich und grausam verfolgt wurden, und das manchmal durch die Hände sogenannter Christen.

3. Schlussfolgerungen

Ich denke, es ist nun klar, dass wir daraus gewisse Schlussfolgerungen ziehen können. Zum einen sagt uns das alles sehr viel über unsere Vorstellung von der Person des Herrn Jesus Christus. Wenn unser Verständnis über Ihn dahin tendiert, dass Er eigentlich von einem Nichtchristen bewundert und gefeiert werden könnte, dann haben wir ein falsches Verständnis über Ihn. Der Eindruck, den der Herr auf Seine Zeitgenossen machte, war derart, dass sie Steine nach Ihm warfen. Sie hassten Ihn; sie entschieden sich letztendlich für den Freispruch eines Mörders und töteten Ihn. Das ist die Wirkung, die der Herr immer auf die Welt ausübt. 

Aber es gibt noch andere Vorstellungen über Ihn. Es gibt weltliche Menschen, die uns sagen, sie bewunderten Jesus Christus. Aber sie tun das nur, weil sie Ihn nicht wirklich kennen. Würden sie Ihn kennen, so würden sie Ihn hassen wie Seine Zeitgenossen. Der Herr ändert sich nicht; und der Mensch ändert sich auch nicht. 

Dies führt zu meiner zweiten Schlussfolgerung: Diese Seligpreisung ist auch für unsere Vorstellungen über das Christsein ein Test. Ein Christ ist wie sein Herr; und solches sagte der Herr über Seine Nachfolger: »Wehe euch, wenn alle Leute gut von euch reden! Denn ebenso haben es ihre Väter mit den falschen Propheten gemacht« (Lk. 6,26). Ist das nicht gerade auch unsere Vorstellung von einem vorbildlichen Christen, dass er ein netter, beliebter Mensch sei, der niemals jemanden ärgert oder kränkt, und mit dem man sehr gut auskommt? Wenn diese Seligpreisung aber wahr ist, dann ist ein solcher kein echter Christ; denn der echte Christ wird nicht von allen Seiten verehrt und gelobt. Sie rühmten unseren Herrn nicht, und sie rühmen auch nicht die Menschen, die wie Er sind. 

Das führt uns zur letzten Folgerung: Die Wiedergeburt ist eine absolute Notwendigkeit, ehe überhaupt jemand Christ werden kann. Christsein bedeutet letztlich, so zu sein wie der Herr Selbst. Kein Mensch kann allerdings so sein, bevor er nicht völlig verändert wurde. Wir müssen das alte Wesen zuerst loswerden, das Christus und die Gerechtigkeit hasst. Wir benötigen das neue Wesen, das diese Dinge liebt und vor allem Ihn liebt und dann so wird wie Er. Wenn du versuchst, Christus lediglich zu imitieren, dann wird dich die Welt preisen. Wenn du aber so wirst wie Christus, dann wird sie dich hassen.

Wissen wir, was es heißt, »um der Gerechtigkeit willen« verfolgt zu werden? 

Um unserem Herrn ähnlich zu werden, müssen wir Licht werden (Jes. 60,1); Licht entlarvt immer die Finsternis, und darum hasst die Finsternis auch immer das Licht. Wir sollen nicht anstößig sein, nicht töricht, nicht unweise. Wir dürfen aus unserem Glauben auch nicht eine Show machen. Wir sollten auch nichts tun, das Verfolgung heraufbeschwört. Wenn wir aber so sind wie unser Herr, dann wird es unweigerlich zu Verfolgung kommen. Aber die herrliche Seite dieser Sache ist, wie Petrus und Jakobus sagen: »Freut euch darüber!« Und unser Herr sagt: »Glückselig seid ihr, wenn es euch so ergeht.« Denn wann immer wir um des Herrn und um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, ist das in der Tat ein Zeichen dafür, dass wir Christen und Bürger des Reiches Gottes sind. »Denn euch wurde«, sagt Paulus, »was Christus betrifft, die Gnade verliehen, nicht nur an Ihn zu glauben, sondern auch um Seinetwillen zu leiden« (Phil. 1,29). 

Ich schaue auf jene ersten Christen, die von den Obrigkeiten verfolgt wurden. Ich höre, wie sie Gott dafür danken, dass sie für würdig erfunden wurden, um Seines Namens willen zu leiden. Möge der Herr uns durch Seinen Geist in diesen Dingen viel Weisheit verleihen und Unterscheidungsvermögen und Verstand, sodass wir, wenn wir zu leiden haben, auch gewiss sein können, dass es um der Gerechtigkeit willen geschieht. Dann werden wir auch die ganze Tröstung erfahren, die diese herrliche Seligpreisung verheißt.


 

Entnommen aus dem Buch:

Bergpredigt (Band 1)

Predigten über Matthäus 5,3-48

Martyn Lloyd-Jones gibt uns eine detaillierte und umfassende Auslegung des wohl bekanntesten, aber am häufigsten missverstandenen Bibeltextes – der Bergpredigt. Diese Predigt ist kein »Gesetzbuch« über
Ethik oder Moral, sondern eine Beschreibung dessen, wozu wir als Menschen geschaffen sind.

 

Zum Shop

 

Blog

Der Christ und Verfolgung

Lesezeit: 18 min