Das Zeugnis des Christen in der Welt

Kategorie: Artikel

Autor: A.W. Tozer

Der Missionsauftrag der Gemeinde Jesu besteht im Weitergeben, Verkündigen und Bezeugen. Sie ist auf der Erde geblieben, um für unumstößliche, große und ewige Wahrheiten zu zeugen, die sie von Gott erhielt und von denen die Welt nichts wissen würde, wenn die Gemeinde Jesu sie nicht darauf hingewiesen hätte.

»So geht nun hin und macht zu Jüngern alle Völker, und tauft sie … und lehrt sie …«, befahl Jesus der ersten Schar Seiner Nachfolger (Mt. 28,19-20). Die Gemeinde sollte lehren, und die Welt sollte zuhören; und alle, die das Zeugnis der Christen annehmen würden, sollten getauft und dann weiter in die Geheimnisse des Reiches Gottes eingeführt werden.

Diese Reihenfolge hatte der auferstandene Christus Selbst festgelegt. Die ersten Christen hatten so unfassbare Wunder erlebt, dass sie, obwohl sie zuerst voller Furcht waren, jetzt mit einer unbändigen geistlichen Freude erfüllt waren, die sie nicht für sich behalten konnten. Nun, da das Grab leer und ihr Herr auferstanden und ihnen auch erschienen war, wurden sie von Ihm Selbst beauftragt, die Frohe Botschaft von Seiner Auferstehung zu verbreiten.

Einige Tage später kam der Heilige Geist auf sie, bekräftigte die Wahrheit und verlieh ihrem Zeugnis eine neue Dimension moralischer Kraft.

So fing alles an: Die erste Gemeinde verbreitete die rettende Botschaft, und die Welt musste nur auf diese Botschaft hören. Die Jünger hatten gehört, »was von Anfang war«; sie hatten »das ewige Leben« gesehen und erlebt, »das bei dem Vater war und [den Menschen] erschienen ist« (1.Joh. 1,1-4). Als solche, die um ihre Verpflichtung zum Zeugendienst wussten, gingen sie jetzt in der Kraft des Geistes zu Juden und Griechen, Sklaven und Freien, Mächtigen und Machtlosen, um die Botschaft »vom Wort des Lebens« weiterzusagen, zu bezeugen, zu erklären und zu verkündigen. Die nachfolgenden Generationen von Christen, die Jesus zwar nicht mehr mit den eigenen Augen gesehen, Ihn aber durch das Wirken des Heiligen Geistes persönlich erlebt und erfahren hatten, als sie gerettet wurden, gaben die Botschaft mit dem gleichen Eifer weiter wie der ursprüngliche Jüngerkreis. Sie waren unermüdliche Zeugen; denn sie hatten der Welt etwas zu sagen! Sie handelten in Hingabe und voller Eifer – überzeugt davon, dass sie die Wahrheit empfangen hatten, die die Welt so sehr brauchte, und die sie nicht ignorieren durfte.

So ist es immer gewesen, wenn die wahre Gemeinde ihre Augen und Ohren offen hielt. Wenn sie den Einen wirklich kannte, der »inmitten der sieben goldenen Leuchter wandelt« (Off. 2,1) und dessen »Stimme wie das Rauschen vieler Wasser« ist (Off. 1,15), hat sie den Widerhall dieser Stimme weitergegeben, und die Welt musste einfach zuhören. Manchmal wandte jene Welt denen, die ihr Gutes bringen wollten, den Rücken zu und verfolgte sie bis in den Tod. Manchmal hörte sie zu, so wie Herodes Johannes dem Täufer zuhörte, tief bewegt von dem Gehörten, doch unwillig zu gehorchen. Manchmal hörte sie sogar bereitwillig zu, und eine Reihe von Menschen taten Buße und begannen, Christus nachzufolgen. Doch immer war die Welt der Empfänger: Die Gemeinde redete, und die Welt hörte. So war es richtig, und so hatte Christus es geboten.

Doch »hört, ihr Himmel, und horche auf, o Erde« (Jes. 1,2) – eine gewaltige Verschiebung ist im Verhältnis der Gemeinde zur Welt eingetreten, eine so radikale und groteske Verlagerung, dass man es nicht für möglich gehalten hätte, wäre sie vor einigen Jahren vorausgesagt worden!

Die meisten Gemeinden von heute haben im Grunde ihr Zeugnis als Gemeinde verloren. Die Gemeinde hat der Welt nichts mehr zu sagen. Ihre einst sichere, laute Stimme ist zu einem entschuldigenden Geflüster geworden. Sie, die einst ein wahrer Zeuge in dieser Welt war, geht jetzt hin, um Umfragen zu starten. Sie vertritt die Lehrsätze ihres Bekenntnisses in einer Weise, wie man höflich einen Vorschlag unterbreitet oder einen religiösen Rat gibt und sich dabei noch entschuldigt, dass es ja nur eine Lehrmeinung sei, und dass man keinesfalls eine fromme Beeinflussung beabsichtige.

Es geht nicht nur darum, dass die Christenheit der Welt nichts mehr zu sagen hat, sondern auch darum, dass im Grunde die Rollen vertauscht sind, wobei diejenigen, die sich als Diener Christi
bezeichnen, sich jetzt der Welt zuwenden, um von ihr erleuchtet zu werden. Sie sitzen zu Adams Füßen, bitten um Unterweisung und klären ihre Botschaft mit den weltlichen Ideologen ab, bevor sie sie weitergeben. Doch die Gewissheit, die vom Sehen des Lebens kommt, und die Zuversicht, die dem Hören auf die Apostel entspringt – wo ist beides geblieben? 

Ich möchte noch deutlicher werden. Von wem rede ich hier? Von den Liberalen, welche die Autorität der Schrift leugnen? Ich wünschte, es wäre so. Nein, die Liberalen haben sich aus meiner Sicht schon lange als geistlich tot erwiesen, und ich erwarte nichts von ihnen. Ich spreche vielmehr von ernsten Christen, von den sogenannten evangelikalen Gemeinden. Ich rede von Gemeinden mit populären Evangelisationsmethoden, die die Bibel häufig zitieren, doch ohne eine Spur von ihrer Autorität, die weitgehend das Selbstverständnis der Welt übernehmen, aber die biblischen Grundsätze über Bord werfen. Sie sind wie ein schwacher Vater, der schon lange die Führungsrolle in seiner Familie verloren hat und gar nicht mehr erwartet, dass man ihm gehorcht. Sie bieten als religiöse Beruhigungspille einen Christus an, der ohne Souveränität und ohne Herrschaftsanspruch ist. Sie akzeptieren die Methoden der Welt und bemühen sich um die Gunst von reichen Leuten, Politikern und Stars. Natürlich wird erwartet, dass ein besagter Star sich dazu herablässt, dann und wann ein nettes Wort über Jesus zu sagen.

Ich beziehe mich auf christliche Zeitschriften, die angeblich die allgemein akzeptierten christlichen Glaubensinhalte anerkennen, aber die man nach Aussehen, Geist, Sprache, Methode und Zielsetzung kaum noch von der Berichterstattung einer weltlichen unterscheiden kann. Ich meine damit das Christentum, das zu Christus sagt: »Wir wollen selbst für unser Brot und für unsere Kleider sorgen; lass uns nur Deinen Namen tragen, nimm unsere Schmach hinweg!« (Jes. 4,1). Ich meine die Massen von Christen, die anscheinend an Jesus glauben und Ihn »angenommen« haben, ihre Gemeindehäuser jedoch zu Theatersälen machen, und die überhaupt nicht wissen, was Gottesdienst oder eine Gemeinde eigentlich ist. Es sind jene, die das Kreuz missverstehen und die für die ernsthaften Folgen wahrer Jüngerschaft völlig blind sind.

Auch meine ich die Gemeinden, die sich der Sprache der wirklichen Christen bedienen, aber dennoch mit der Welt und den liberalen Gemeinden gemeinsame Sache machen, und die der Schmach des Kreuzes zu entgehen versuchen. 

Die Gemeinde Jesu Christi befindet sich in der babylonischen Gefangenschaft, und so wie Israel die Lieder Zions nicht in einem fremden Land singen konnte, so haben Christen in der Knechtschaft keine bevollmächtigte Botschaft zu verkündigen. Sie müssen erst auf die täglichen Nachrichten warten, um einen Text zu haben, und eines der gängigen Nachrichtenmagazine lesen, um ein Thema zu finden. Wie der Chefredakteur einer Tageszeitung nach einer guten Story lechzt, wenn in den letzten Stunden kein Mord oder Unfall geschehen ist, der eine gute Schlagzeile abgeben kann, so wartet der »Prophet« in Babylon auf einen Krieg, eine neue Entwicklung im Nahen Osten oder ein Raumfahrtunternehmen – auf ein Thema, das ihn aus seinem Schweigen erlöst und ihm auf seiner Kanzel wieder zu mehr Anklang verhilft.

Aber wie lautet die Berufung der Gemeinde? Was soll sie ausrichten? Welches sind die durchdringenden, kühnen, ewigen Grundsätze, die sie verkündigen soll?

Der erste Grundsatz heißt: Gott ist alles in allem. Er ist die große Realität, die allen erschaffenen Dingen und Wesen ihre Bedeutung gibt. »Ihr seid Meine Zeugen, spricht der HERR, und Mein Knecht, den Ich erwählt habe, damit ihr erkennt und Mir glaubt und einseht, dass Ich es bin; vor Mir ist kein Gott gebildet worden, und nach Mir wird es keinen geben … Ja, von jeher bin Ich Derselbe, und niemand kann aus Meiner Hand erretten. Ich wirke – wer will es abwenden?« (Jes. 43,10.13).

Der nächste große Grundsatz ist, dass wir von Gott und für Ihn erschaffen sind. Die Frage »Woher komme ich?« kann nicht besser beantwortet werden als mit den Worten: »Gott hat dich gemacht.« Alle zusammengeballte Weisheit der Welt kann diese einfache Antwort nicht vollkommener ausdrücken. Wissenschaftliche Untersuchungen sind tief in die Geheimnisse der Materie und der in ihr ablaufenden Prozesse eingedrungen, doch der Ursprung der Materie liegt in tiefem Schweigen und weigert sich, auf irgendwelche Fragen eine Antwort zu geben. Gott schuf den Himmel, die Erde und den Menschen auf der Erde, und Er schuf den Menschen für sich – somit gibt es nur eine Antwort auf die Frage: »Warum hat Gott mich erschaffen?«

Der Christ soll nicht Streitgespräche führen oder sich auf Wortgefechte einlassen, er soll sich weder auf Beweise konzentrieren noch Ursachen ergründen. Seine Aufgabe ist erfüllt, wenn er das Wort Gottes laut und deutlich weitergibt: »So spricht der Herr!« Wenn er das getan hat, überlässt er Gott die Verantwortung dafür, was aufgrund dessen geschieht. Niemand weiß genug, und niemand kann genug wissen, um über dies hinauszugehen. Gott schuf uns zu sich hin: Das ist das Erste und Letzte, was sich über die menschliche Existenz sagen lässt. Was wir sonst noch hinzufügen, ist bloßes Gerede.

Da wir nun gesehen haben, wer Gott ist und wer wir sind, ist ein rechtes Verhältnis zwischen Gott und uns von überaus großer Wichtigkeit. Dass Gott durch uns verherrlicht werden sollte, ist von solch entscheidender Bedeutung, dass dieser Grundsatz in seiner Größe einzig dasteht. Es ist ein moralischer Imperativ, dessen Eindringlichkeit gegenüber dem menschlichen Herzen größer ist als alles andere, was dem Betreffenden als Priorität erscheinen mag. Die erste verantwortungsvolle Tat eines jeden Menschen sollte darin bestehen, sein Leben auf Grundsätze zu bauen, die Gott stets wohlgefällig sind.

Da wir aber um unsere völlige Sündhaftigkeit und moralischen Verfehlungen wissen, wird die Unmöglichkeit, eine solch echte Gemeinschaft von uns aus herbeizuführen, sofort offensichtlich. Wenn wir nicht zu Gott gelangen können, was sollen wir dann tun? Die Antwort darauf finden wir im christlichen Zeugnis:

Gott kam nämlich in der Menschwerdung Seines Sohnes zu uns. »Wer ist Jesus?«, fragt die Welt, und die Christenheit antwortet: »Jesus ist der Gott, der zu uns kam.« Er ist gekommen, weil Er die Seinen gesucht und um sie geworben hat, um sie für Gott zu erkaufen. Um das zu tun, musste Er für alle Gläubigen aller Zeiten als Erlöser in den Tod gehen. Er musste auf irgendeine Weise ihre Sünde tilgen, ihre Sündenregister zunichtemachen und die ihnen innewohnende Macht der Sünde brechen. Dies alles, so sagt die Heilige Schrift, tat Er in vollkommener Weise, in voller Wirksamkeit und Endgültigkeit am Kreuz.

»Wo ist Jesus jetzt?«, fragt die Welt, und der Christ antwortet: »Zur Rechten Gottes.« Er starb, doch Er ist nicht tot geblieben. Er erstand wieder aus dem Grab, so wie Er es vorausgesagt hatte, und eine ganze Reihe nüchterner, vertrauenswürdiger Augenzeugen sahen Ihn nach Seiner Auferstehung von den Toten. Ja, noch mehr: Sein Geist offenbart jetzt dem Christen nicht einen toten, sondern einen lebendigen Christus. Wir als Seine Gemeinde sind ausgesandt, um dies mit kühner Entschiedenheit zu verkündigen – nicht zweifelnd, sondern als solche, die es erlebt haben.

Das Evangelium ist die offizielle Verkündigung, dass Christus für Sein Volk starb und wieder auferstand. Dazu gehört auch die biblische Aussage, dass jeder, der glaubt und sich demzufolge Christus völlig und endgültig ausliefert, für ewig gerettet sein wird. Man muss sich bei der Verkündigung aber auch darüber im Klaren sein, dass man nicht sehr beliebt sein wird, und sich bewusst machen, wie Christus vor der Welt stand: von vielen bewundert, von wenigen geliebt und von der Mehrheit letztendlich abgelehnt. Als Christen müssen wir in Seine Fußstapfen treten und willig sein, diesen Preis zu zahlen, oder wir lassen es lieber ganz bleiben. Dann hat Christus uns allerdings nichts mehr zu sagen.

Die christliche Botschaft für die Welt muss auch von Sünde, Gerechtigkeit und Gericht handeln. Wir dürfen auf keinen Fall die Moral der Welt akzeptieren, sondern müssen ihr unerschrocken widerstehen und denjenigen vor den Folgen warnen, der an dieser Moral festhält. Diese Warnung muss laut und beharrlich sein, und dabei ist große Sorgfalt geboten, denn wie folgenschwer und vernichtend wäre es, wenn unser Zeugnis durch ein falsches Verhalten in unserem Leben Lügen gestraft würde!

Und da ist noch etwas: Ein Zeuge Jesu Christi muss auch immer wieder treu die Warnung aussprechen, dass Gott gerecht und heilig ist. Er treibt kein Spiel mit den Menschen und gestattet auch nicht, dass sie mit Ihm leichtfertig umgehen. Er ist langmütig und wartet geduldig und gnädig; doch zu einem bestimmten Zeitpunkt wird der freundliche Ruf des Evangeliums zurückgezogen. Die Bemühungen, den nichtswürdigen Sünder zu überführen, werden dann zu Ende sein. Der Tod bestimmt dann den Zustand des Menschen, der seine Sünde liebte, und er muss an den Ort der Verworfenen gehen, wo es für ihn keine weitere Hoffnung gibt. Das ist die Hölle, und es mag gut sein, dass wir nur sehr wenig über sie wissen. Was wir über sie wissen, ist schon schrecklich genug. 

Seinen erlösten Kindern hat Gott noch sehr viel zu sagen – so viel, dass es ein ganzes Leben eifrigen Zuhörens und Lernens braucht, um alles aufzunehmen. Doch Seine Botschaft an die Welt ist einfach und kurz, aber sehr eindringlich. Es ist die Aufgabe der Gemeinde Jesu, diese rettende Botschaft jeder Generation und allen Menschen zu sagen, bis sie das Gehörte entweder mit zerbrochenen Herzen und im Glauben annehmen oder im Unglauben von sich weisen.

Der wahre Christ darf sich von den neuesten Modetrends in Sachen Religion nicht gefangen nehmen lassen, und vor allem darf er sich nie der Welt zuwenden, um sich seine Botschaft von dort zu holen. Er ist ein Himmelsbürger – gesandt, um von Christus und Seinem Werk Zeugnis auf Erden zu geben. Da er dem Herrn, der ihn erkaufte, Rechenschaft schuldig ist, achte er auf seinen Auftrag!


Ein Auszug aus dem Buch: »Gott liebt keine Kompromisse«, CLV

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