Die Einsamkeit des Single-Seins – Teil 1

Kategorie: Artikel
Thema: Ehe , Ehelosigkeit

Wenn ich ein Podium betrete, um über das Thema »Leben als Single« zu sprechen (das kommt ziemlich häufig vor, weil ich selbst Single bin), suche ich unter den Zuhörern nach einem ganz bestimmten Typ Frau. Sie ist jung und sitzt mit gesenktem Kopf und mit verschränkten Armen zusammengesunken auf ihrem Stuhl. Sie ist nur da, weil sie von jemandem dazu überredet wurde, sich diesen Vortrag anzuhören. Aber eigentlich will sie gar nicht hier sein. Am liebsten würde sie zur Tür hinausrennen, um nicht schon wieder etwas über dieses Thema hören zu müssen. Ihre Körpersprache vermittelt ein bisschen Feindseligkeit und eine Menge Angst. Sie hat das alles schon von älteren Frauen gehört – manche von ihnen waren verheiratet, andere unverheiratet. Vor den alleinstehenden Rednerinnen graut es ihr am meisten, weil sie Angst hat, dass diese furchtbare Krankheit namens »Ehelosigkeit ab 40« ansteckend sein könnte. Von diesen jungen Frauen findet sich immer mindestens eine im Publikum, und aus diesem Grund betone ich gleich zu Beginn meiner Vorträge, dass wir Single-Frauen im Alter von 40 plus eher Ausnahmen sind, weil die Ehe die göttliche Norm für uns Menschen ist.

Warum gibt es so viele Singles?

Wenn die Ehe die Norm Gottes ist, warum lässt Gott es dann zu, dass so viele von uns allein bleiben? Heute gibt es in unserem Land etwa genauso viele alleinstehende Erwachsene wie verheiratete. Ein Grund für diesen Zustand liegt darin, dass sich die Lebensweise von Frauen in den letzten Generationen entscheidend verändert hat. Noch vor ein paar Jahrzehnten wollten Frauen nach dem Abschluss ihrer Berufsausbildung eine Familie gründen. Heute haben Frauen die gleichen Abschlüsse und Berufe wie Männer, und dadurch genießen sie eine Unabhängigkeit wie zu keiner anderen Zeit der Menschheitsgeschichte. Niemand bestreitet, dass viel Gutes entstanden ist aus der gesellschaftlichen Übereinkunft, dass Männer und Frauen den gleichen Wert haben. Aber diese Entwicklung hat nicht nur positive Veränderungen mit sich gebracht.

Die Auswirkungen auf die Ehe gehören zu den negativen Punkten. Indem die Chancen von Frauen gestiegen sind, sind auch ihre Erwartungen höher geworden. Viele Frauen sind nicht bereit, einen Mann zu heiraten, der über eine geringere Bildung verfügt oder weniger verdient als sie. Deshalb wollen sie lieber allein bleiben. Das Gegenteil trifft ebenso zu. Viele Männer sind nicht übermäßig begeistert von der Aussicht, eine Frau zu heiraten, die über eine höhere Bildung verfügt oder mehr verdient als sie. 

Vor einigen Jahrzehnten brauchte eine Frau keinen beeindruckenden Lebenslauf, um sich eine sichere Existenz aufzubauen, denn dafür war ja der Ehemann zuständig. Insgesamt hat die moderne Relativierung der Geschlechterrollen die Chancen der Männer verringert, männlich zu sein, und den Frauen jenes Schutzbedürfnis genommen, für das sie in der Vergangenheit geschätzt wurden. Unter anderem hat auch diese Entwicklung zum allgemeinen Rückgang von Eheschließungen beigetragen. Christen sind davon nicht ausgenommen, obwohl es nicht so sein müsste. Im Alten Testament untersagte es Gott dem Propheten Jeremia zu heiraten, als ein Zeichen der Warnung vor dem kommenden Gericht über die Sünde Seines Volkes (Jer. 16,1-4); doch gläubige Menschen von heute haben die Gelegenheit, das genaue Gegenteil zu beweisen.

Die Anweisungen Gottes an den Propheten Jeremia sind keine Anweisungen an die Gemeinde Jesu. Das Zeitalter des Evangeliums ist eine Zeit der Ehe, eine Zeit des Mitgefühls und eine Zeit für Festlichkeiten … Das Zeitalter des Evangeliums ist eine gute Zeit zu heiraten. In Jeremia 33 wird verheißen: In den Straßen Jerusalems »soll man wiederum Jubel- und Freudengeschrei vernehmen, die Stimme des Bräutigams und die Stimme der Braut« (V. 11). Diese Verheißung hat sich in Jesus Christus erfüllt. Es ist kein Zufall, dass Jesus Sein erstes Wunder – die Verwandlung von Wasser in Wein – bei einer Hochzeit wirkte (Joh. 2,1-11). Wenn der Erlöser kommt, ist es Zeit für Hochzeiten und Freudenlieder.1

Gott hat Freude an der Ehe – unsere heutige Gesellschaft eher nicht mehr, zumindest nicht an einer Ehe nach der göttlichen Ordnung. Mit dieser Tatsache und der Verschiebung der Geschlechterrollen lässt sich die weite Verbreitung der Ehelosigkeit erklären.

Heiraten oder nicht – das entscheidet Gott

Was bedeutet das für uns? Sind wir dazu verurteilt, ein Leben lang einsam und alleine zu bleiben, weil wir in einer moralisch bankrotten Gesellschaft leben, oder weil Streitigkeiten um Frauenrechte potenzielle Ehemänner in die Flucht schlagen? Natürlich besteht die Möglichkeit, dass wir alleinstehend bleiben; setzen wir uns damit ruhig offen auseinander. Davon abgesehen entscheidet nicht die Gesellschaft, ob wir heiraten oder nicht, sondern Gott allein. Er beschließt, wer heiratet und wer allein bleibt. Vergessen Sie die Statistiken – sie sind vergeudete Zeit für diejenigen, die das Wesen Gottes kennen. Wenn die Ehe der Plan Gottes für unser Leben ist, dann werden wir früher oder später heiraten. So oder so können wir sicher sein, dass ein Leben als einsame Einzelgängerin nicht zu Seinem Plan gehört. Er hat uns dazu berufen, in Gemeinschaft zu leben, in der Familie Seiner Kinder, und Er sorgt dafür, dass wir dorthin kommen.

»Ein Gott, der Vereinsamten ein Heim gibt«, sagt uns der Psalmist (Ps. 68,7). Deshalb lautet die eigentliche Frage nicht, ob wir am Ende allein sein werden, sondern ob wir bereit sind, uns eine andere Form der Gemeinschaft als die Ehe schenken zu lassen.

Deshalb beginnt der Umgang mit dem einsamen Single-Sein in unserem Herzen. Vertrauen wir Gott? Wir tun das nur, wenn wir sicher sind, dass Er gut ist, und mit »gut« meine ich nichts Allgemeines, sondern die Art, wie Gott die Einzelheiten in unserem Leben lenkt, auch die Frage unseres Familienstands. Das Single-Sein heute bedeutet, dass Gott heute gut zu uns ist. Glauben Sie das? Wenn ja, dann haben Sie echtes Gottvertrauen, das auch nicht ausgelöscht wird, wenn die Sehnsucht und die Einsamkeit, die diese Sehnsucht oft auslöst, uns von Zeit zu Zeit zu überwältigen drohen.

Unverheiratet und einsam

Wie bei der Einsamkeit in der Ehe gibt es auch eine spezielle Form der Einsamkeit im Single-Dasein. Eine junge, alleinstehende Frau fühlt diese Einsamkeit, wenn ihre Freundinnen sich verloben und ihre Hochzeitsfeiern planen, während bei ihr nichts dergleichen in Sicht ist. Eine Single-Frau über 30 fühlt diese Einsamkeit, wenn ihre verheirateten Freundinnen Kinder zur Welt bringen, während ihre eigene biologische Uhr tickt. Eine 40-Jährige fühlt diese Einsamkeit, wenn andere in der Vergangenheitsform über ihre Heiratschancen sprechen, in etwa so:

»Du erinnerst mich an meine Großtante Betty. Die hat auch nie geheiratet.«

Die Einsamkeit der Unverheirateten wird durch solche Bemerkungen verstärkt, auch durch das Eheglück, das wir bei anderen wahrnehmen (oder vermuten). Bei solchen Bemerkungen auf Gott zu vertrauen bedeutet jedoch nicht, ein gelassenes Lächeln aufzusetzen und einfach um mehr Geduld zu beten. Es bedeutet vielmehr, sich enger an Jesus Christus anzulehnen und dabei alle Segnungen unserer Verbindung mit Ihm zu genießen, einer tieferen, freudigeren Verbindung, als man sie in der Ehe erleben kann. Wenn wir unsere Ruhe in Jesus Christus finden und auf die Güte unseres himmlischen Vaters vertrauen, wird die Einsamkeit unseres Single-Lebens zu einer Chance, die gesamte Gemeinde Jesu mit aufzubauen. Wir können unseren Glaubensgeschwistern dienen und Gott die Ehre geben – nicht trotz, sondern wegen unseres Alleinseins.

Bloß kein Mitleid!

Erstens: Wenn die Frucht unserer engen Gemeinschaft mit Jesus sichtbar wird, sowohl für uns selbst als auch für die Menschen in unserem Umfeld, beweisen wir damit, dass Singles nicht bemitleidet werden müssen. Die Frucht unseres Glaubens wird auch deutlich in der Art, wie wir über unser Leben als Alleinstehende sprechen. Wir können offen und ehrlich über unsere Probleme und Sehnsüchte reden und gleichzeitig die Botschaft vermitteln, dass wir zwar gerne verheiratet wären, dieser Traum jedoch nicht das Ziel unserer Hoffnung ist. Wir praktizieren das, was uns das Wort Gottes sagt: »Lasst uns festhalten am Bekenntnis der Hoffnung, ohne zu wanken – denn Er ist treu, der die Verheißung gegeben hat –, und lasst uns aufeinander achtgeben, damit wir uns gegenseitig anspornen zur Liebe und zu guten Werken« (Hebr. 10,23-24). Ob wir nun verheiratet oder unverheiratet sind – zu den Freundschaften in der Gemeinde Jesu gehören Bekenntnisse der Hoffnung, die sich auf die Treue Gottes stützen. Wenn wir solche Gespräche führen, motivieren wir uns gegenseitig, unseren Blick auf unsere Mitmenschen und auf Gott zu richten.

Verheiratete haben häufig Mitleid mit uns Singles, und manchmal führt das damit einhergehende Unbehagen dazu, dass sie vor uns zurückscheuen. Wir Singles können auf eine echte Einheit hinarbeiten, indem wir darauf achten, wie wir über unser Single-Dasein sprechen, und auch darauf, wie wir die Worte anderer aufnehmen. Ein befreundeter Pastor, der glücklich verheiratet ist, seit er Anfang 20 war, sagte einmal zu mir:

»Ich weiß nicht, wie du das aushältst. Ich kann mir nicht vorstellen, als Single zu leben.« Er bot mir kein Mitleid dar, sondern sprach offen über seine eigenen Gefühle. Seine Worte bewirkten bei mir kein Selbstmitleid, sondern das genaue Gegenteil. Ich fühlte mich bestätigt, weil seine Offenheit sowohl die Nöte des Single-Daseins aufzeigte als auch die Gnade, die Gott mir zum Durchhalten geschenkt hat.

Das Single-Sein ist kein Problem, das man lösen muss

Zweitens: Wenn wir in der engen Gemeinschaft mit Jesus Christus bleiben, wird das Single-Sein für uns kein Problem mehr sein, das man lösen muss. Ich habe schon so manches Fürbitte-Gebet gehört, bei dem Singles in einem Atemzug mit den Kranken und Sterbenden erwähnt werden. Betrachtet man ein solches Gebet aus biblischer Perspektive, dann ist das ein ganz klarer Irrtum. 

Ein Single-Leben, das zur Ehre Gottes und zur Förderung Seines Reiches gelebt wird, ist ein Zeugnis dafür, dass Jesus Christus uns in allen Dingen genügt. In Christus empfängt ein Christ den vollen Segen Gottes, ob er nun verheiratet oder unverheiratet ist, reich oder arm, ein angenehmes oder hartes Leben hat. Die unverwechselbare Berufung zu einem Single-Leben innerhalb der Gemeinde Jesu bestätigt diese Wahrheit … Innerhalb der Gemeinde muss diese Botschaft auch neu ausgesprochen werden. Unsere Jugendlichen hören ständig verwirrende Botschaften über Beziehungen und Sexualität. In unserer Gesellschaft werden die unersättlichen Gelüste nach sexueller Intimität und die äußeren Zeichen materiellen Wohlergehens zu Götzen gemacht. Deshalb muss die Gemeinde Jesu zielgerichtet vorgehen, wenn sie die biblische Lehre über das Single-Dasein und auch über die Ehe verkündigt. Hier geht es nicht um eine »Christianisierung« der unsere Gesellschaft beherrschenden Begierden auf der Beziehungs- und der materiellen Ebene, indem man sich nur noch damit beschäftigt, perfekte Familien zu gründen und luxuriöse Häuser zu bauen. Wir brauchen vielmehr klare Prinzipien zur Förderung von Lebensstilen, die im Einklang mit den Grundlehren des Evangeliums stehen. Dazu gehört auch die Lehre, dass das Reich Gottes nahe ist und wir erst dann vollkommene Zufriedenheit finden werden, wenn wir in Jesus Christus mit unserem Gott versöhnt sind.2

Da es im ewigen Reich Gottes keine Ehe geben wird, haben Singles die Gelegenheit, sowohl der Gemeinde Jesu als auch der sie umgebenden Welt einen Vorgeschmack vom Leben im Reich Gottes zu geben.

Erkennen Sie, wie das Single-Dasein anstelle von Resignation ein Zeichen der Hoffnung setzen kann? Durch die Art, wie wir mit unserem Alleinsein umgehen, können wir diese Hoffnung auf unsere verheirateten Geschwister projizieren, und wir können auch ein Spiegel der Liebe Jesu sein für andere Singles, die sich ausgeschlossen fühlen vom Besten, das das Leben zu bieten hat. Die Tatsache, dass Gott »Vereinsamten ein Heim gibt« (Ps. 68,7), zeigt uns etwas vom Wesen Gottes. Er erfreut sich an der Familie – denn das ist mit »ein Heim« gemeint – und daran, alle Seine Kinder in eine Familie hineinzubringen. In Übereinstimmung mit dem Wort Gottes messen Christen der Familie großen Wert bei; aber im Zeitalter des Neuen Bundes, also in unserem Zeitalter, ist es die Familie der Gemeinde Jesu, die von der Bibel besonders hervorgehoben wird, nicht die Kernfamilie.

Wenn diese Reihenfolge umgedreht wird, ist das für den Aufbau der Gemeinde insgesamt eher Hindernis als Hilfe.

Der sich durch die gesamte Gesellschaft ziehende Zusammenbruch der Familie ist natürlich ein Grund, warum Gemeinden ihre Bedeutung so betonen; aber einige von ihnen übertreiben es und heben die aus Vater, Mutter und drei Kindern bestehende Familie auf ein Podest. Wenn wir berücksichtigen, was die Apostel zu diesem Thema sagten, stellen wir fest, dass ihr Schwerpunkt eher auf dem Missionsauftrag Jesu lag, auf der Heiligung und auf dem Wachstum der Gemeinde-Familie. Aus dieser Familie sollte kein als Single lebender Christ ausgeschlossen werden.

Zweifellos haben Sünde und Selbstsucht in unserer heutigen Gesellschaft zur »Vereinzelung« geführt. Es gibt Männer, die nicht erwachsen werden und Verantwortung für eine Familie übernehmen wollen, und es gibt Frauen, für die nur ein reicher, erfolgreicher Partner infrage kommt, während sie einen gläubigen Mann links liegen lassen. Aber wenn wir wegen dieser traurigen Realität das Single-Leben in einem negativen Licht sehen, übersehen wir die Worte des Apostels Paulus: »Ich sage aber den Ledigen und den Witwen: Es ist gut für sie, wenn sie bleiben wie ich« (1.Kor. 7,8). Außerdem vergessen wir die Worte Jesu, als Er sagte: »Denn es gibt Verschnittene, die von Mutterleib so geboren sind; und es gibt Verschnittene, die von Menschen verschnitten sind; und es gibt Verschnittene, die sich selbst verschnitten haben um des Reiches der Himmel willen. Wer es fassen kann, der fasse es!« (Mt. 19,12).

Verschnittene (oder Eunuchen) waren Männer, die aus verschiedenen Gründen keine sexuelle Erregung empfinden konnten. Deshalb erwähnt Jesus sie hier in Matthäus 19 in einem Gespräch, das Er mit Seinen Jüngern über die Ehe – den einzigen von der Bibel erlaubten Rahmen für sexuelle Aktivität – und über Ehelosigkeit führte. Wenn wir über die Tragweite Seiner Worte nachdenken, wird uns bewusst, dass es Menschen gibt, die sich nicht selbst für ein Single-Dasein entscheiden, und andere, die das bewusst tun. Im Endeffekt bedeutet das: Wenn es um Ehelosigkeit und Ehe geht, zeigt uns das Neue Testament, dass keiner dieser Lebensumstände verkehrt ist, sondern dass beide gut sind.


Philip G. Ryken, Jeremiah and Lamentations: From Sorrow to Hope, Preaching the Word, Hrsg. R. Kent Hughes, Crossway, Wheaton, IL, 2016, S. 270

Barry Danylak, Redeeming Singleness: How the Storyline of Scripture Affirms the Single Life, Crossway, Wheaton, IL, 2010, S. 213f.


 

 

Entnommen aus dem Buch:

Gott in der Einsamkeit begegnen

Ob jung oder alt, alleinstehend oder verheiratet, männlich oder weiblich – irgendwann im Leben haben wir alle einmal mit Einsamkeit zu kämpfen. Wir versuchen, die Leere zu füllen oder unsere Lebensumstände zu ändern, um dem Schmerz zu entgehen. Aber was ist, wenn uns diese schmerzende Einsamkeit auf etwas Größeres hinweisen soll?

Lydia Brownback betrachtet verschiedene Aspekte der Einsamkeit und erinnert uns an Gottes Macht, diese in unserem Leben zu nutzen, um uns zu sich zu ziehen. Letztlich hilft sie uns zu erkennen, dass wir nie wirklich allein sind, selbst wenn wir uns unverstanden, verlassen oder aufgegeben fühlen.

Blog

Die Einsamkeit des Single-Seins – Teil 1

Lesezeit: 13 min