Susannah Spurgeon – Schwach und doch stark

16 September, 2026

Kategorie: Kurzbiografien

Thema: Ehe, Prediger

Susannah Spurgeon – Schwach und doch stark

Im Schatten eines berühmten Predigers

London im späten 19. Jahrhundert. Dichte Nebelschwaden lagen über den Straßen, Kutschen rollten über das nasse Kopfsteinpflaster, und Tausende Menschen strömten zum Metropolitan Tabernacle, um einen Mann predigen zu hören, dessen Stimme weit über England hinaus bekannt geworden war: Charles Haddon Spurgeon.

Seine Predigten wurden gedruckt, in viele Länder verschickt und von unzähligen Christen gelesen. Man nannte ihn den »Fürsten der Prediger«. Für viele war er die geistliche Stimme seiner Zeit. Sein Name war bekannt, seine Bücher wurden weit verbreitet, seine Worte prägten eine ganze Generation und haben bis heute weitreichenden Einfluss. Kaum jemand aber kennt die Frau an seiner Seite.

Während Charles predigte, war seine Frau Susannah oft zu Hause. Nicht selten begleitet von starken Schmerzen, Schwachheit und Erschöpfung. Krankheit überschattete einen großen Teil ihres Lebens. Sie konnte vieles nicht tun, was andere Frauen ihres Alters als selbstverständlich ansahen. Zu reisen war für sie schwer. Öffentlich trat sie nur selten auf. Häufig war sie ans Haus gebunden. Doch in der Einsamkeit dieses Hauses wurde die Kraft Gottes in der Schwachheit mächtig. Dort begann eine Geschichte, deren Auswirkung bis heute erkennbar ist.

Ein kleiner Anfang mit großen Auswirkungen

Eines Tages im Sommer des Jahres 1875 überreichte Charles seiner Frau ein Manuskript. Es war der erste Band von »Ratschläge für Prediger«, zu dem er ihre Meinung hören wollte. »Ich wünschte, jeder Prediger und Pastor in England könnte ein Exemplar davon bekommen«, antwortete sie auf das Lesen hin. Seine Reaktion darauf kam unerwartet. Er fragte sie, wie viel sie dafür investieren würde. Sie überlegte. Könnte sie vielleicht irgendwo etwas einsparen? Da fielen ihr die Kronenmünzen ein, die sie seit Jahren in einer Schublade gesammelt hatte. Und tatsächlich entsprach der Wert der gesammelten Kronen dem Preis von 100 dieser Bücher. So stand in der nächsten Ausgabe des Magazins »Schwert und Kelle«, der bekannten Zeitschrift ihres Mannes:

Mrs. Spurgeon, meine geliebte und leidende Frau, bittet mich zu übermitteln, dass sie das Buch mit dem Titel »Ratschläge für Prediger« mit so großem Interesse gelesen hat, dass sie die Kosten für die Überreichung eines Exemplars an insgesamt hundert bedürftige Baptistenprediger übernehmen möchte, die es von ihr annehmen möchten. Sie bedauert, dass sie persönlich so wenig für ihren Herrn tun kann, und hofft, dass dieses kleine Geschenk von Gott angenommen werde, um einige Seiner Diener zu noch eifrigerer Arbeit zu Seiner Ehre anzuspornen. Ich kann meiner lieben Leidenden nichts abschlagen, was ihr Freude bereitet, und gebe daher gern ihrem eigenen spontanen Wunsch öffentlich Ausdruck. Um Enttäuschungen zu vermeiden, falls die Anmeldungen zu zahlreich werden, laden wir in diesem Monat nur Baptistenprediger ein, sich dafür zu bewerben.

Hundert Bücher waren nicht viel, aber sie waren ein Anfang – der Beginn eines Werkes, aus dem etwa ein Jahr darauf der berühmte »Book Fund«, der Buchfonds von Mrs. Spurgeon, entstand.

Not unter Dienern Gottes

Dieses erste Angebot für die Diener am Wort brachte unfassbare Zustände ans Licht. Es gab viele Älteste, die treu jeden Sonntag das Wort verkündigten, aber kaum genug besaßen, um ihre Familien zu versorgen, geschweige denn Literatur zu erwerben, die für ihre geistliche Nahrung und für ihren Dienst nicht nur wertvoll, sondern auch notwendig war. Viele von ihnen lebten in bitterer Armut. Manche verdienten kaum sechzig oder achtzig Pfund im Jahr, während sie mehrere Kinder ernähren und zugleich die Arztkosten ihrer Ehefrauen tragen mussten. Lehrreiche Bücher, die für eine sorgfältige Predigtvorbereitung von großer Bedeutung sind, waren für sie unerreichbar geworden.

Charles und Susannah bekamen auf das Lesen der vielen Briefe hin einen Eindruck davon, wie groß der Hunger nach guter, biblischer Literatur war. In der August-Ausgabe von »Schwert und Kelle« aus dem Jahr 1875 schrieb Charles daraufhin:

Es war eine große Freude für meine geliebte Frau, so vielen bedürftigen Dienern des Herrn ein Buch zu schenken. Allerdings ist es eine traurige Tatsache, dass so viele überhaupt ein solches Geschenk benötigen. Kann denn nichts unternommen werden, um Prediger mit erbaulichen Büchern zu versorgen? Wenn sie schon nicht genug Geld bekommen, sollte um der Menschen willen wenigstens ihre Seele nicht hungern müssen.

Diese Zeilen hatten zur Folge, dass Susannah Geld- und Bücherspenden für den Buchfonds erhielt und täglich Buchpakete an notleidende Älteste verschicken konnte.

Ein Dienst im Verborgenen

Schon bald trafen zahlreiche Dankesbriefe ein. Arme Prediger und Älteste schrieben voller Freude von den wertvollen geistlichen Büchern, die sie sich niemals selbst hätten leisten können. Einer von ihnen berichtete, dass er wegen der langen Krankheit seiner Frau seit Jahren kein einziges neues Buch mehr für die Predigtvorbereitung hatte kaufen können und nun jedes geschenkte Werk mit tiefer Dankbarkeit empfing.

Mit großer Hingabe packte Susannah unzählige Pakete und verschickte erbauliche Bücher, Predigtsammlungen, geistliche Zeitschriften und sogar Schreibmaterialien an Prediger in ganz England. Vielen dieser Brüder fehlte es an den nötigsten Mitteln für ihren Dienst. Durch diese Sendungen wollte sie nicht nur deren Bibliotheken füllen, sondern müde und oft entmutigte Diener Gottes stärken, damit sie das Evangelium treu weiterverkündigen könnten.

Für viele mag dies nur nach einer einfachen Arbeit mit Büchern, Briefen und Paketen aussehen. Doch für Susannah war es ein Dienst für Christus und Seine Gemeinde.

Gottes Kraft in menschlicher Schwachheit

Tag für Tag saß Susannah Spurgeon zwischen Briefen, Büchern und Listen. Sie notierte sorgfältig jede Spende und jedes versandte Buch. Allein im Jahr 1886 wurden fast zehntausend Bücher verteilt – an müde Prediger, an einsame Hirten kleiner Gemeinden, an Männer, die oft entmutigt waren und kaum noch Kraft hatten, weiterzumachen. Und genau solche bekamen diese Bücher, die voller Evangelium, biblischer Wahrheiten und Nahrung für ihre Seelen waren.

All das geschah jedoch nicht in einem einfachen oder sorgenfreien Leben. Während sie anderen Trost und Ermutigung weitergab, litt sie selbst viele Jahre unter Schmerzen, körperlicher Schwäche und großen Einschränkungen. Darin wurde sichtbar, wie Gottes Kraft in der menschlichen Schwachheit mächtig wirken kann.

Im Februar 1883 erhielt Susannah in nur einem Monat 657 Briefe. Die Arbeit wurde so groß, dass Charles sich zeitweise Sorgen darum machte, dass seine kranke Frau sich völlig verausgaben würde. Und doch schrieb sie später über diesen Dienst: »Der ›Book Fund‹ ist die Freude meines Lebens.« Gerade in diesem Dienst erlebte sie die Gnade Gottes auf besondere Weise. Auch Charles erkannte, wie viel Trost dieser Dienst seiner leidenden Frau schenkte. Er schrieb, dass die Arbeit ihr geholfen habe, schwere Stunden zu ertragen und hin und wieder ihre Schmerzen zu vergessen.

Geistliche Nahrung in einer oberflächlichen Zeit

Vielleicht können wir heute nur noch schwer nachvollziehen, welche Bedeutung dieser Dienst damals hatte. Heute sind Bücher und geistliche Literatur für viele Menschen nahezu überall und jederzeit verfügbar. Bibeln stehen in Regalen, Predigten können online innerhalb weniger Sekunden geöffnet oder heruntergeladen werden und unzählige christliche Inhalte – Podcasts, Blogartikel, Vorträge, Videos und digitale Bibliotheken – stehen uns rund um die Uhr zur Verfügung.

Noch nie gab es so viel geistliches Material und gleichzeitig eine so enorme geistliche Oberflächlichkeit unter den Christen. Viele Menschen konsumieren christliche Inhalte wie Fast Food, ohne wirklich tiefer im Wort Gottes verwurzelt zu werden. Unterhaltung erstickt den Hunger nach Christus und reichhaltiger Nahrung, durch die der Christ geistlich reifen kann, und dementsprechend verliert die Wahrheit der Bibel immer mehr ihren Stellenwert im Denken vieler Gläubigen. Das hat zur Folge, dass die Gemeinden sich mehr und mehr dem Zeitgeist anpassen. Weltliches Denken beeinflusst unbewusst selbst Christen, die eigentlich nach Gottes Wort leben wollen.

Umso mehr erinnert uns das Leben von Susannah Spurgeon daran, wie wichtig geistliche Nahrung und echte Liebe zur Heiligen Schrift sind. Sie verstand, dass die Gemeinden gesunde Lehre brauchen, wenn sie sich in gesunder Weise entwickeln sollten, und dass bibeltreue Literatur ein Werkzeug sein kann, durch das Gott die von Ihm berufenen Prediger – und auch alle anderen Christen – stärkt, korrigiert und ermutigt und die Gemeinden festigt. Deshalb war es ihr ein Anliegen, den Dienern Gottes in dieser Hinsicht durch den »Book Fund« zu dienen.

Die große Trennung

Dann kam der 31. Januar 1892. Über Jahre hinweg hatte Krankheit ihren gemeinsamen Weg überschattet. Immer wieder waren sie voneinander getrennt gewesen – durch Reisen, durch Erschöpfung, durch körperliche Schwachheit. Doch nun stand eine andere Trennung bevor – eine endgültige Trennung im Blick auf diese Welt.

Charles Haddon Spurgeon starb schon im Alter von 57 Jahren und ging heim zu seinem Herrn.

Für viele war er der bekannte Prediger aus London. Für Susannah aber war er ihr geliebter Ehemann. Später sprach sie von dieser Zeit als von der »großen Trennung«. Der Platz im Arbeitszimmer war leer. Bücher, Briefe und viele andere Dinge erinnerten sie jeden Tag an ihn.

Inmitten dieses tiefen Schmerzes hielt sie sich an Christus fest. Sie fand Trost in der Gewissheit, dass ihr Mann nun bei dem Herrn war und dass er es dort »weit besser« hatte als hier. Auch nach dem Tod ihres Mannes arbeitete Susannah weiter. Sie schrieb Bücher und Artikel, beantwortete viele Briefe und kümmerte sich um die Herausgabe der vierbändigen Autobiografie von Charles Haddon Spurgeon.

Diese Arbeit war für sie nicht leicht. Beim Lesen seiner Briefe und Aufzeichnungen wurden viele Erinnerungen wach, und sie verspürte erneut den schmerzlichen Verlust ihres Mannes. Manchmal fehlte ihr die Kraft weiterzuschreiben, doch sie fand immer wieder Trost und Kraft im Herrn, den sie von Herzen liebte. Ihm wollte sie dienen und anderen Menschen zum Segen sein. Darin zeigte sich, wie treu der Herr sie in Seiner Gnade durch all die schweren Jahre hindurchgetragen hatte.

Ein bleibendes geistliches Vermächtnis

Wenn wir auf das Leben von Susannah Spurgeon zurückblicken, dann begegnen wir nicht etwa einer Frau, die nach Größe strebte. Sie war nicht sehr bekannt. Keine Menschenmenge jubelte ihr zu. Ihr Leben verbrachte sie größtenteils im Verborgenen. Doch welch eine Schönheit spiegelt sich in der Geschichte ihres Lebens wider! Wahre Gottesfurcht zeigt sich nicht in sichtbaren Taten oder großen Worten. Sie zeigt sich in einem Menschen, der auch dann an Christus festhält, wenn der Weg dunkel wird. Der Glaube bewährt sich nicht an leichten und sonnigen Tagen, sondern mitten im Leid, in Prüfungen und in einsamen Stunden. Dort zeigt sich, ob Christus dem Herzen wirklich genug ist. Für Susannah wurde genau das zur Realität ihres Lebens. Christus genügte ihr. Sie war eine echte Sprüche-31-Frau – eine Frau, die den Herrn fürchtete und deren treue Hingabe wahre Schönheit offenbarte.

Achtundzwanzig Jahre lang leitete sie den »Book Fund«. In dieser Zeit wurden fast 200 000 Bücher an mehr als 25 000 Prediger des Wortes Gottes verteilt. Hinzu kamen 100 000 Exemplare von Charles’ Predigten, die in viele Länder versandt wurden. Dadurch wurde nicht nur der Name Spurgeon bekannt, sondern vor allem das kraftvolle Evangelium von Jesus Christus weitergetragen. Genau darin lag Susannahs Anliegen. Sie wollte weder sich selbst noch ihren Mann in den Mittelpunkt stellen. Ihr Wunsch war es, dass Menschen Christus erkennen, geistlich gestärkt werden und Gottes Wort verbreitet wird.

Einmal schrieb Susannah: »Die Seele, die gelernt hat, in allem Gottes Hand zu sehen, wird nicht von Angst beherrscht.« Diese Worte zeigen, dass sie in ihrem Leben gelernt hatte, unserem Herrn trotz Krankheit, Leid und schwerem Verlust zu vertrauen und bei Ihm Trost und Halt zu finden.

Ein Vorbild für treues Dienen

Ihr Leben erinnert uns daran, dass Gott oft in besonderer Weise solche Menschen gebraucht, die im Hintergrund dienen und Ihm einfach treu nachfolgen. Nicht jeder steht im Vordergrund. Nicht jeder wird bekannt. Aber Gott sieht und gebraucht Menschen, die Ihn lieben und Ihm von Herzen dienen wollen, auch wenn sie von anderen kaum beachtet werden. Damit ist Susannah Spurgeon auch heute ein geistliches Vorbild für viele Frauen.

Eine solche geistliche Haltung ist in unseren Gemeinden heute dringend nötig. Wir leben in herausfordernden Zeiten, in denen Selbstdarstellung, Sichtbarkeit und menschliche Anerkennung einen immer größeren Stellenwert einnehmen. Viele Menschen suchen Aufmerksamkeit und möchten gesehen werden. Das Wort Gottes ruft uns dagegen zu einem anderen Leben auf – einem Leben der Demut, der Treue und des Dienens.

Paulus schreibt in 1. Timotheus 2,10, dass sich gläubige Frauen »durch gute Werke [schmücken]« sollen, »wie es sich für Frauen geziemt, die sich zur Gottesfurcht bekennen«. Im nächsten Vers fügt er hinzu: »Eine Frau soll in der Stille lernen, in aller Unterordnung.« Damit beschreibt Paulus nicht etwa eine Frau von geringerem Wert, sondern die Haltung eines Herzens, das den Herrn liebt und sich Seinem Plan unterordnet. Wahre Schönheit zeigt sich nicht durch ein ansprechendes Äußeres, sondern durch ein Leben, das von Demut, Gottesfurcht und treuer Hingabe an Gott geprägt ist. Dies erkennen wir im Leben von Susannah. Sie hat sich Christus aufopferungsvoll und treu hingegeben, trotz aller Leiden und persönlicher Entbehrungen. Und so wurde sie für viele Menschen zu einem reichen geistlichen Segen.

Der Blick auf Christus

Wenn wir diesen Lebensabschnitt und Dienst betrachten, sollten wir aber nicht bei Susannah Spurgeon stehenbleiben, sondern auf den Einen schauen, der ihr Vorbild war und den sie repräsentieren durfte: Jesus Christus. Er kam nicht mit äußerem Glanz in diese Welt. Er suchte keine Ehre bei Menschen. Er diente. Er litt. Er ging den Weg ans Kreuz, damit verlorene Sünder gerettet werden können. Jesu Opfer für die Seinen war unvergleichlich größer als das größte Opfer, das ein Christ Ihm jemals darbringen könnte. Deshalb setzen wir unsere Hoffnung nicht auf einen Menschen – wie treu und vorbildlich er auch sein mag –, sondern allein auf Christus und Sein Evangelium.