»So hatten nun die Gemeinden Frieden in ganz Judäa und Galiläa und Samaria und wurden auferbaut und wandelten in der Furcht des Herrn und wuchsen durch den Beistand des Heiligen Geistes.«
Apostelgeschichte 9,31
Frieden nach Verfolgung, Wachstum nach Bedrängnis – so beschreibt die Schrift eine Zeit besonderer Gnade in der Geschichte der ersten Christen. Wenn wir die Apostelgeschichte lesen, sehen wir nicht nur Berichte über vergangene Gemeinden, sondern Gottes Handeln: Er führt Seine Gemeinde nicht immer auf leichten Wegen. Oft lässt Er Not und Prüfung zu, doch das Leiden ist nicht sinnlos. Durch schwere Wege lernt die Gemeinde, sich ganz allein auf Christus zu stützen. So zeigt sich dieses geistliche Prinzip: Gott führt Seine Gemeinde durch Leiden zur Reife.
Darum wollen wir diese Schriftstelle näher betrachten. Zuerst richten wir unseren Blick auf die Vergangenheit der in diesem Vers erwähnten Gemeinden, dann auf ihre gegenwärtige Lage, und schließlich auf das schöne Bild, das der Heilige Geist vom gesunden Zustand jener Gemeinden zeichnet. Möge der Herr diese Betrachtung an unseren Herzen segnen!
DIE VERGANGENHEIT DER GEMEINDE – GOTT FÜHRT DURCH LEID
Zunächst wollen wir einen kurzen Blick auf die Zeit vor unserem Text werfen, denn nur so erkennen wir die ganze Schönheit des tröstlichen Bildes.
»So hatten nun die Gemeinden Frieden in ganz Judäa und Galiläa und Samaria.« Diese friedvolle Gegenwart stand im scharfen Gegensatz zu der stürmischen Vergangenheit. Wie wohltuend musste es für die Kinder Gottes sein, nun frei im Glauben leben zu dürfen – innerlich getragen vom Frieden Gottes und äußerlich bewahrt vor Verfolgung.
Kein Wunder, dass ihre Herzen voll Freude waren und ihr Lob zu Gott aufstieg. Denn sie wussten, durch wie viele Leiden und Kämpfe der Herr sie geführt hatte, ehe Er ihnen diese Zeit der Ruhe schenkte.
Wir dürfen die Zeiten der Anfechtung und des Leidens nie vergessen, durch die der Herr uns getragen und aus denen Er uns befreit hat – ob persönlich, in der Familie oder in der Gemeinde. Wenn Gott in Seiner Gnade unsere Fesseln löst, Krankheit heilt und neue Kraft schenkt, sollen wir dankbar daran zurückdenken und Seine Güte preisen.
Vergessen wir das, verblasst die Erinnerung an Seine Hilfe. Sehen wir Seine Rettung nicht mehr vor dem dunklen Hintergrund der Not, verlieren wir viel von dem Segen, den Gott uns schenken will, und unser Friede und unsere Freude bleiben weit hinter Seiner Fülle zurück.
Im Abschnitt vor unserem Text wird uns die blutige Verfolgung geschildert, die über die Gemeinde hereinbrach. Ihren ersten offenen Ausbruch erlebte sie bei der Steinigung des vom Geist Gottes erfüllten Stephanus. Saulus, damals noch ein Feind Christi, stand dabei und bewachte die Kleider der Mörder. Im folgenden Kapitel sehen wir, wie Saulus mit wachsendem Eifer die Gemeinde verfolgte. Ausgestattet mit der Vollmacht der religiösen Führer zog er umher, spürte Männer und Frauen auf, die Christus nachfolgten, ließ sie binden und nach Jerusalem bringen, um sie bestrafen zu lassen.
So tobte unter satanischem Antrieb die Verfolgung, und groß waren Angst und Not unter den Kindern Gottes in jenen Tagen.
DER GEGENWÄRTIGE ZUSTAND DER GEMEINDE – GOTT SCHENKT FRIEDEN
Die Verfolgung war schwer und weitreichend. Während die Apostel in Jerusalem blieben, zerstreute sich die große Zahl der Jünger – mehrere Tausende – über Judäa und Samaria, um ihr Leben zu retten (Apg. 8,1). Unter solcher Not riefen sie gewiss Tag und Nacht zu Gott um Hilfe und flehten Ihn an, Seine schützende Hand über Seine wehrlosen Schafe zu halten.
Und der Herr ließ ihr Rufen nicht unerhört. Als sich Seine Absicht in der von Ihm zugelassenen Verfolgung erfüllt hatte und die Zerstreuten an vielen Orten Wurzel gefasst hatten, legte sich der Sturm, und es kehrte Ruhe ein. Darum heißt es: »So hatten nun die Gemeinden Frieden in ganz Judäa und Galiläa und Samaria.«
Auch uns hat Gott Frieden in unseren Grenzen geschenkt – ja, in mancher Hinsicht sogar mehr, als jene Gemeinden damals erfuhren. Sie besaßen keine staatliche Anerkennung, doch uns hat der Herr das Wohlwollen der Obrigkeiten geschenkt. Denn dasselbe Wort Gottes, das uns lehrt, Gott zu fürchten, verpflichtet uns auch, der Obrigkeit in allen rechtmäßigen bürgerlichen Dingen gehorsam zu sein.
Wie anders war es noch vor Jahrzehnten: Wir standen offenen Gegnern gegenüber. Einer von ihnen, ein einflussreicher Mann und Bürgermeister von Hamburg, erklärte, er werde diese Bewegung nicht dulden und alles daransetzen, sie zu ersticken. Drohend sagte er: »Herr Oncken, sehen Sie diesen kleinen Finger? Solange ich ihn bewegen kann, werden Sie den Druck spüren. – Wenn Sie nach Amerika gehen wollen, erhalten Sie mitsamt Ihrer Familie freie Überfahrt. Aber hier werden wir Sie und Ihr Werk nicht dulden.«
Ich antwortete: »Ja, Herr Senator, ich verstehe Sie. Doch während Sie nur Ihren kleinen Finger sehen, sehe ich einen großen Arm, und das ist der Arm Gottes. Solange dieser sich bewegen kann, werden Sie mich nicht zum Schweigen bringen. Kein menschliches Mittel vermag Gottes Werk zu zerstören.« Der Senator beharrte zwar auf seinem Widerstand, doch ich erwiderte: »Es wird vergeblich sein«.
Und tatsächlich brachte Christus die Feinde zum Schweigen. Während wir unter der Verfolgung unsere Schwachheit spürten und manche in Kerkern leiden mussten, hatte der Herr längst Seine Wege bereitet und zu Seiner Zeit Hilfe gesandt – herrlich, unerwartet und weit über alles Bitten und Verstehen.
So geschah es auch in Hamburg, dass gerade jener Beamte, der einst ein erbitterter Gegner gewesen war, später zu einem wohlwollenden Förderer wurde, durch den Gott uns Schutz gewährte. Wunderbar sind Gottes Wege und mächtig Sein Walten. Preis sei Seinem Namen für das kostbare Geschenk des Friedens, den Er uns innen wie außen geschenkt hat.
DER GESUNDE ZUSTAND DER GEMEINDE
Nun kommen wir zum letzten Teil unserer Betrachtung. In den Worten unseres Textes erkennen wir den gesunden Geist der ersten apostolischen Gemeinden – jener Gemeinden, die nach dem Willen Gottes aus Seiner Hand hervorgegangen sind und deren Nachfolger wir sein wollen.
1. Wachstum
Der Heilige Geist Selbst hat ihnen in der Heiligen Schrift ein bleibendes Zeugnis gegeben: »… und [sie] wurden auferbaut und wandelten in der Furcht des Herrn und wuchsen durch den Beistand des Heiligen Geistes.«
Als ihnen äußerer Friede geschenkt worden war, blieben sie nicht stehen, sondern erbauten sich weiter und wuchsen. Ihr Herz war auf die Ausbreitung des Reiches Christi gerichtet. Sie ruhten sich weder in ihrer eigenen Errettung noch in den bisherigen Siegen des Evangeliums aus, sondern verlangten danach, dass immer mehr Menschen gerettet würden.
Darum dienten sie Christus als Seine Zeugen, mit klarem Verstand und brennendem Herzen, wie es geschrieben steht: »Diejenigen nun, die zerstreut worden waren, zogen umher und verkündigten das Wort des Evangeliums.« Jene ersten Bekehrten aus dem Judentum, die Christus angezogen hatten, gingen hinaus und verkündigten Ihn. Sie hielten fest am Wort ihres Herrn: »Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes …« Nicht Besitz oder Sicherheit, sondern das Zeugnis von Christus blieb ihr erstes Anliegen.
Alle Kinder Gottes sind zur Arbeit im Weinberg des Herrn berufen. Auch wer noch schwach in seinem Schriftverständnis ist, weiß doch, wer der Herr ist und was er Ihm verdankt. Jeder kann bezeugen, dass die Kraft Seines Blutes die Schuld tilgt, dass Er uns das befleckte Kleid unserer eigenen Gerechtigkeit ausgezogen und uns mit Seiner vollkommenen Gerechtigkeit bekleidet hat. Wer aus der Gnade lebt, kann von dieser freien Gnade sprechen.
Darum verkündigen wir den lebendigen Christus, unseren Fürsprecher beim Vater. Gottes Gabe wird nicht durch menschliche Leistung verdient. Glaube und Buße sind nicht unser Werk, sondern der Weg, auf dem Christus uns geschenkt wird.
Von diesen gesunden Gemeinden wird uns beständiges Wachstum berichtet, unterstützt vom Zeugnis aller Glieder. Der Herr fügte täglich hinzu, die gerettet wurden, und das einfache, dankbare Zeugnis der Bekehrten brachte durch Gottes Gnade reiche Frucht.
So stellt sich die Frage an uns: Gehen auch unsere Gemeinden diesen Weg? Wir bekennen denselben Grundsatz, doch wie steht es mit der Praxis? Vom apostolischen Maß sind wir oft noch weit entfernt. Jene ersten Christen wussten, dass ihr Auftrag nicht darin bestand, ihren Besitz zu mehren, sondern treu für Christus zu wirken. Solange wir diesem Vorbild nicht entschlossen folgen, werden wir der großen Not der Menschen nicht wirksam begegnen können.
2. Gottesfurcht
Das zweite Kennzeichen gesunder Entwicklung in unserem Text lautet: »[Sie] wandelten in der Furcht des Herrn.« Damit ist keine ängstliche, sklavische Furcht gemeint, sondern die selige Ehrfurcht kindlicher Liebe zu Gott und willigen Gehorsams. Je gewisser wir uns der Gnade Gottes sind und je klarer wir unsere Hoffnung in Christus erkennen, desto mehr prägt diese heilige Furcht unser Leben. Es ist die zarte Scheu, Ihn zu betrüben.
Denn wer erkennt, wie sehr Gott ihn geliebt und wie herrlich Er Sein Heil bereitet hat, der kann nicht gleichgültig bleiben, sondern will sich Ihm mit Leib und Seele hingeben. Die Liebe Christi, durch den Heiligen Geist in unsere Herzen ausgegossen, bewegt uns dazu, Den zu lieben, der uns zuerst geliebt und reich gesegnet hat.
3. Trost und Freude
Schließlich, drittens: Sie hatten den Trost des Heiligen Geistes. Der griechische Text von Apostelgeschichte 9,31b wird von manchen Theologen auch wie folgt übersetzt: »[Sie] wurden erbaut und wandelten in der Furcht des Herrn und im Trost des Heiligen Geistes …«, da das griechische Wort paraklesis auch Trost und Ermunterung bedeutet. Gewiss, jedes Kind Gottes empfängt Seine Tröstungen, doch dieses Leben im Trost ist oft nicht unser gewöhnlicher Zustand. Wir stehen damit nicht wie die Christen zur Zeit der Apostel auf jener Höhe der geistlichen Freude, die Gott schon in diesem Leben für uns bestimmt hat.
Den Trost des Heiligen Geistes zu haben, bedeutet die Fülle wahren Glücks: Frieden im Herzen, Freude im Glauben, eine beständige Gewissheit der Gnade, Anteil an Christus und die lebendige Hoffnung auf die ewige Herrlichkeit.
Viele geben sich mit einzelnen Augenblicken des Trostes zufrieden, während die Zweifel bald wiederkehren. Die apostolischen Gemeinden dagegen wandelten in der Furcht des Herrn und im Trost des Heiligen Geistes; ihr Leben war von dieser Gewissheit erfüllt.
Auch wir dürfen schon hier zu einer solchen Klarheit des Glaubens geführt werden, dass Zweifel und Furcht weichen und das Licht der Gnade unsere Herzen erfüllt. Denn wir sollen unserer Teilhaberschaft an der ewigen Herrlichkeit gewiss werden, gegründet auf Christus Selbst. Hat Er doch in Seinem hohenpriesterlichen Gebet gesprochen: »Und Ich habe die Herrlichkeit, die Du Mir gegeben hast, ihnen gegeben.«
Erfüllt vom Trost des Heiligen Geistes, konnte der Apostel Paulus mit fester Gewissheit bekennen, dass niemand Anklage gegen Gottes Auserwählte erheben kann, weil Gott Selbst sie rechtfertigt. Niemand kann verdammen, denn Christus ist gestorben und auferstanden, und Er tritt zur Rechten Gottes für uns ein. Und nichts vermag uns zu scheiden von der Liebe Gottes in Christus Jesus – weder Drangsal noch Angst, weder Verfolgung noch Hungersnot, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Tod noch Leben (vgl. Röm. 8,33-39).
War das ein fleischliches Rühmen? Nein, es war die glückselige Gewissheit der Gnade, die allein zur Verherrlichung Gottes dient. Der Apostel suchte nicht sich selbst, sondern lebte im Blick auf seinen versöhnten Vater im Himmel, auf seinen treuen Herrn und auf den Heiligen Geist, durch den er versiegelt war auf den Tag der vollkommenen Erlösung.
Wo der Trost des Heiligen Geistes das Herz erfüllt, dort weichen quälende Zweifel: Die Sünden sind durch Jesus Christus vergeben, die Gotteskindschaft steht fest, und der Geist gibt unserem Geist Zeugnis, dass wir aus Gott geboren sind und unsere Heimat bei Ihm haben.
Wie stark diese Tröstungen sein können, lässt sich kaum beschreiben. Der Heilige Geist, der das neue Leben wirkt, nimmt Wohnung in uns, reinigt unser Herz und verwandelt uns mehr und mehr in das Bild Christi. So aufopfernd wie die Liebe des Vaters, der Sein Alles dahingab, um uns zu erretten, und so rein wie die Liebe des Sohnes, der Seinen Thron und die Herrlichkeit des Himmels verließ, um uns dem ewigen Verderben zu entreißen, so unaussprechlich wohltuend ist auch die Liebe des Heiligen Geistes, die uns mit Trost und Freude erfüllt, uns bewahrt und zum Ziel führt.
Darum lasst uns mit nichts Geringerem zufrieden sein als mit dem, was Gott verheißen hat und was jene ersten Christen kannten: erfüllt zu sein mit dem Trost des Heiligen Geistes und im Frieden Gottes zu leben. Aus solcher Gewissheit fließt ein lebendiges Zeugnis, durch das viele zu Gott geführt werden.
Was wir heute brauchen – sowohl Prediger als auch die Gemeinden, denen sie dienen –, ist ein neues, kräftiges Wirken des Heiligen Geistes, damit auch wir die Fülle Seiner Tröstungen erfahren. Wo Herzen davon erfüllt sind, kann das Zeugnis nicht schweigen.
Gott sei uns gnädig und lasse Sein Reich unter uns wachsen. Er erfülle Sein Volk neu durch Seinen Geist – Älteste, Prediger und alle treuen Zeugen, jung und alt. Möge Er neue Kraft schenken zum treuen Kampf, Ausdauer im Dienst und Frucht zum Heil vieler verlorener Menschen.


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