Die Gnadenlehre führt nicht in Sünde

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Buch: Römer

Denn die Sünde wird nicht herrschen über euch, weil ihr nicht unter dem Gesetz seid, sondern unter der Gnade. Wie nun? Sollen wir sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade sind? Das sei ferne! 

Römer 6.14-15

Substanz und Essenz des wahren Evangeliums ist die Lehre von Gottes Gnade. Wenn du Gottes Gnade aus dem Evangelium herausnimmst, entfernst du Blut und Leben daraus, und nichts bleibt übrig, das es zu predigen lohnt, zu glauben lohnt, für das es sich zu kämpfen lohnt. Gnade ist die Seele und die Musik des Evangeliums; ohne sie ist es stumm.

Die Lehre von der Gnade Gottes besagt, dass Gott mit sündigen Menschen auf der Grundlage reiner Barmherzigkeit umgeht. Die Menschen sind vor Seinen Augen schuldig; deshalb schafft Er mit dem Tod Seines geliebten Sohnes ein Sühneopfer, das von ihrer Vergangenheit oder irgendwelchen guten Werken, die sie vorzuweisen hätten, überhaupt nicht abhängig ist. Er nimmt all diejenigen an, die ihr Vertrauen auf diese Versöhnung setzen; Er wählt den Glauben als Weg zur Errettung, so dass diese ganz aus Gnaden sei. Darin handelt Gott aus einem Motiv heraus, das in Ihm Selbst zu finden ist. Diese Gnade Gottes fließt von alters her zum Sünder hin und beginnt, in ihm zu wirken, während nichts Gutes in ihm ist; sie wirkt das Gute und Angenehme in ihm und fährt fort, so in ihm zu wirken, bis das Werk der Gnade vollendet ist, wenn der Gläubige in die Herrlichkeit aufgenommen wird, für die er geschaffen ist. Die Gnade beginnt zu retten und bleibt dabei, bis alles getan ist. 

Alles an der Errettung ist aus Gnade und nur aus Gnade. Alles ist aus freier Gunst, nichts aus Verdienst. »Denn aus Gnade seid ihr errettet durch den Glauben, und das nicht aus euch – Gottes Gabe ist es« (Eph. 2,8). Diese Lehre ist Zielscheibe für alle Schüsse fleischlicher Logik. Nicht errettete Herzen mögen sie nicht und werden sie nie mögen; sie ist so demütigend für den menschlichen Stolz und lässt das Edle an der menschlichen Natur so gering erscheinen. Dass Menschen wie verurteilte Kriminelle durch königliches Vorrecht Schuldenerlass empfangen oder in ihren Sünden verderben müssen, das ist eine Lehre, die sie nicht ertragen können. Statt das silberne Zepter von Gottes Barmherzigkeit zu berühren und unverdiente Gunst anzunehmen, nur weil Gott sie gewähren will, wenden sie sich ab und kämpfen gegen das Reich der Gnade. 

Fleischliche Menschen suchen sich Waffen, um gegen das Evangelium der Gnade zu kämpfen, und eine der größten Kanonen, die sie je an die Front brachten, ist die Erklärung, dass die Gnadenlehre zur Sünde verleite. Wenn schlimmen Sündern umsonst vergeben werde, würden die Menschen noch schlimmere Sünder werden. Und manche folgern: »Wenn Gottes Gnade den erlösten Sündern sicher ist, könnten sie dazu verleitet werden, so zu leben, wie es ihnen gefällt, und sich trotzdem als errettet ansehen.« Ich habe dieses immer und immer wieder angeführte Argument so oft gehört, dass ich es mit seiner Nichtsnutzigkeit und falschen Anklage nicht mehr hören kann. Es basiert zum einen auf einem großen Fehler, der von einem falschen Verständnis herrührt, und zum anderen auf einer großen Lüge, weil die Menschen es im Grunde besser wissen.

Es mag so aussehen, dass die Lehre von der freien Gnade ein Freibrief für die Sünde sei; aber ein genaueres Verständnis vom menschlichen Wesen belehrt da eines Besseren. Gefallen, wie die menschliche Natur ist, ist sie immer noch menschlich und wendet sich leicht bestimmten Formen des Bösen, wie z. B. der Undankbarkeit, zu. Es ist kaum menschlich zu nennen, wenn man denjenigen immer wieder beleidigt, der nicht aufhört, mit Gutem zu reagieren. 

Ich muss leider sagen, dass ich Menschen kenne, die einen angeblich üblen Einfluss der Gnadenlehre anprangern, die aber selbst aufgrund ihrer unmoralischen Gesinnung in keiner Weise qualifiziert sind, über das Thema zu richten. Es ist schlecht um die Moral bestellt, wenn unmoralische Menschen sich als ihre Wächter darstellen. Dieser Lüge kann man ja nur mit der Frage begegnen: »Was hast du mit Moral zu tun oder die Moral mit dir?« Die Leute, die es mit guten Werken so peinlich genau nehmen, sind oft nicht diejenigen, die sie auch praktizieren. Die Gesetzlichen sollten doch auf ihre eigenen Hände und Zungen achten und das Evangelium der Gnade und seine Befürworter für sich selbst geradestehen lassen.

Wenn ich auf die Geschichte der Puritaner zurückschaue, lese ich in ihren Büchern eine Widerlegung dieser so oft wiederholten Verleumdung. Wer wagt zu behaupten, dass diejenigen, die an die Gnade Gottes glaubten, sündiger gewesen wären als andere Sünder? Ich fordere diejenigen, die Steine werfen, heraus, zuerst ihre eigene charakterliche Überlegenheit zu beweisen. Wann waren die heiligen Puritaner Verteidiger der Ungerechtigkeit? Die Puritaner fand man so oft auf ihren Knien, wie sie zu Gott um Rettung aus der Versuchung schrien; und in Verfolgungszeiten konnte man sie im Gefängnis antreffen, weil sie es um der Wahrheit willen freudig ertrugen, dass man ihnen alles genommen hatte. Die Puritaner waren sehr gottesfürchtige Menschen. Kann man so widersprüchlich urteilen, dass man sie spöttisch nach ihrer Reinheit benennt – und auf der anderen Seite behauptet, ihre Lehren führten zur Sünde?

Die Puritaner sind auch nicht der einzige Beweis dafür, dass dieser Vorwurf keine Grundlage hat. Die ganze Geschichte bestätigt diese Regel. Wenn gesagt wird, dass die Gnadenlehre zur Sünde verführe, weise ich auf die Fakten hin und überlasse die Antwort jedem selbst. Wenn wir je ein reines und gottesfürchtiges Land erleben wollen, ohne Trunkenheit und soziales Elend, kann das nur durch die Verkündigung der Gnade Gottes geschehen. Die Menschen brauchen Vergebung durch Gnade, Erneuerung durch Gnade, Umwandlung durch Gnade, Heiligung durch Gnade, Bewahrung durch Gnade. Aber solange man ihnen nur Pflichterfüllung beibringt und sie ihrer eigenen Stärke überlässt, ist alle Arbeit umsonst. Ein totes Pferd kannst du lange antreiben; es wird sich doch nicht rühren. Menschen das Laufen beizubringen, die keine Füße haben, ist ein schlechtes Unterfangen; und ebenso verhält es sich mit der Unterweisung in Moral, bevor die Gnade ein Herz geschenkt hat, das Heiligkeit liebt. Allein das Evangelium der Gnade Gottes gibt dem Menschen Motivation und Kraft, und deshalb müssen wir das Evangelium als den wahren Reformer der Menschen erkennen.

Die Gnadenlehre und der ganze Plan der Erlösung durch Gnade sind überaus förderlich zur Heiligkeit. Wann immer nötig, hilft sie uns zu antworten: »Das sei ferne!« auf die Frage: »Sollen wir sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade sind?« (Röm. 6,15). Das sage ich in aller Klarheit und Deutlichkeit.

Erlösung von der Macht der Sünde

Mancher behauptet, wir würden unter der »Errettung«, die wir auch dem gemeinsten Menschen predigen, lediglich die Befreiung von der Hölle und den Zugang zum Himmel verstehen. Nun, das schließt sie mit ein, und darin resultiert sie; aber das ist es nicht, was wir damit meinen. Was wir unter Errettung verstehen, ist dies: Die Erlösung von der Liebe zur Sünde, die Rettung von der Gewohnheit der Sünde und die Befreiung von dem Wunsch zu sündigen. Wenn es wahr ist, dass die Gnade von Sünde befreit, wie sollte dieses Geschenk dann Sünde produzieren? Ich sehe darin überhaupt keine Gefahr. Ganz im Gegenteil! Dem Mann, der die gnadenreiche Verheißung des Sieges über Sünde verkündigt, sage ich: »Beeile dich! Geh überall in der Welt umher und verkündige den übelsten Menschen, dass Gott sie durch Seine Gnade von der Liebe zur Sünde freisetzen und neue Geschöpfe aus ihnen machen will!« Das Evangelium bezeugt nirgends, dass die Gottlosen durch den Glauben ihre Sünden weiterhin genießen und der Strafe entgehen werden.

Das Evangelium bezeugt stattdessen, dass die Gottlosen durch den Glauben an den Herrn Jesus in die Lage versetzt werden, ihr Leben zu ändern, so dass sie für Gott leben, statt der Sünde und dem Satan zu dienen. Sogar die toten, vertrockneten Knochen einer Seele können durch Seinen Geist zum Leben erweckt werden. Diese Erneuerung wird sich erweisen in heiligen Gedanken, reinen Worten und gerechten Taten zur Ehre Gottes. In Seiner großen Liebe ist Gott dazu bereit, all dies an allen Gläubigen zu bewirken. Welcher Schaden sollte denn daraus erwachsen? Das sollte doch ruhig einmal der allerschlaueste unter den Gegnern versuchen, aus moralischen Gründen zu missbilligen, dass Gott den Menschen ein neues Herz und einen gerechten Geist gibt, wie es Ihm wohlgefällt.

Liebe hat große Macht über die Menschen

Im 18. Jh. träumten die Menschen davon, dass Verbrechen mit Strenge bekämpft würden, und sie verließen sich auf den Nutzen härterer Strafen; aber die Erfahrung belehrte sie eines Besseren. Unsere Vorväter fürchteten die Ausgabe von Falschgeld – ein Verbrechen, das häufig begangen wurde und tatsächlich ein schlimmer Betrug ist. Zudem fügt es dem Vertrauen unter den Menschen Schaden zu. Um damit aufzuräumen, stuften sie die Fälschung der aktuellen Silber-, Kupfer- und Messingmünzen sowie die Ausgabe oder Bezahlung mit ihnen als Hochverrat ein und erklärten ein dreifaches Vergehen zu einem Kapitalverbrechen: der Counterfeiting Coin Act. Wie viele Hinrichtungen hat es wegen dieses Gesetzes gegeben! Welch ein Jammer! Und doch reichte der ständige Gebrauch der Galgen nicht aus, um dieses Verbrechen auszurotten. Viele Vergehen wurden durch die Strafe geschaffen, die eigentlich zu ihrer Ausrottung gedacht war.

Es ist bemerkenswert, dass der Mensch gerade dann, wenn man ihm etwas verbietet, den Wunsch verspürt, es zu tun, auch wenn er bis dahin nie daran gedacht hatte. Das Gesetz befiehlt Gehorsam, aber es fördert ihn nicht. Oft bewirkt das Gesetz Ungehorsam, und eine zu strenge Bestrafung hat schon häufig ein Vergehen herausgefordert. Das Gesetz versagt, aber die Liebe gewinnt.

Liebe macht die Sünde auf jeden Fall unattraktiv. Jemanden zu bestehlen ist schlecht; aber einen Freund zu bestehlen, der einem oft aus der Not geholfen hat, ist ein schlimmes Verbrechen. Liebe versetzt der Sünde mit glühendem Eisen ein Brandmal auf die Stirn. Einen Feind zu töten ist eine schwerwiegende Straftat; aber seinen Vater zu erschlagen, dem man das Leben verdankt – eine solche Grauenhaftigkeit schreit zum Himmel. Das Licht der Liebe lässt die Sünde ganz besonders sündig erscheinen.

Und das ist nicht alles. Liebe drängt zwingend und mächtig zur höchsten Form der Tugend. Taten, die man aufgrund des Gesetzes keinem Menschen zumuten könnte, werden aus Liebe voller Freude vollbracht. Wer sich weigern würde, durch den Zwang eines Gesetzes sein Leben aufs Spiel zu setzen, würde dies aus Liebe freiwillig tun, um Mitmenschen zu retten. »Nun stirbt kaum jemand für einen Gerechten; für einen Wohltäter entschließt sich vielleicht jemand zu sterben« (Röm. 5,7). Güte gewinnt das Herz, und man ist bereit, für einen Freundlichen und Großzügigen zu sterben. Seht doch, wie Menschen ihr Leben für ihre Staatsoberhäupter gelassen haben! Als ein Arzt tief in das Fleisch eines verwundeten französischen Soldaten schnitt, um an die Kugel zu gelangen, schrie der Patient auf: »Noch ein Stückchen tiefer, und sie verletzen den Kaiser!« Pflichtgefühl hält nur gerade eben die Festung; aber Liebe wirft den eigenen Körper der tödlichen Kugel in den Weg. Wer würde auf den Gedanken kommen, aufgrund eines Gesetzes sein Leben zu opfern? Nur die Liebe misst dem eigenen Leben weniger Bedeutung bei als dem Dienst an dem Geliebten. Liebe zu Jesus erzeugt ein Heldentum, von dem das Gesetz nichts weiß. Die ganze Geschichte der Gemeinde Jesu ist, solange sie ihrem Herrn treu war, ein Beweis
dafür.

Auch Güte hat, gemäß dem Gesetz der Liebe, schon oft die Unwürdigsten verändert und damit bewiesen, dass sie nicht zum Bösen reizt. Ein Trinker wachte eines Morgens aus seinem Rausch auf, voll bekleidet, eben wie er am Abend zuvor ins Bett gefallen war. Er sah, wie ihm sein einziges Kind, seine Tochter Millie, das Frühstück brachte. Während er zur Besinnung kam, fragte er: »Millie, warum bleibst du bei mir?« Sie antwortete: »Weil du mein Vater bist, und weil ich dich liebe.« Da erkannte er sich selbst als den zerlumpten Nichtsnutz, der er war, und antwortete: »Millie, liebst du mich wirklich?« Das Kind erwiderte: »Ja, Vater, und ich werde dich nie verlassen. Bevor Mutter starb, sagte sie: ›Millie, bleib bei deinem Vater und bete immer für ihn. Eines Tages wird er das Trinken aufgeben und dir ein guter Vater sein.‹ Also werde ich dich nie verlassen.« Es ist wunderbar, dass wir hinzufügen können, dass Millies Vater das Trinken ließ und ein gläubiger Mann wurde. Millie versuchte die selbstlose Liebe zu praktizieren, nicht wahr? Nach der Art unserer Moralisten hätte sie sagen müssen: »Vater, du bist ein furchtbarer Schuft! Jetzt habe ich es lange genug bei dir ausgehalten.« Aber die Kraft der Liebe machte einen besseren Mann aus ihm.

Die Gnade Gottes hat eine seltsam unwiderstehliche Macht und führt Menschen zur Umkehr, indem sie sie »mit menschlichen Banden …, mit Seilen der Liebe [zieht]« (Hos. 11,4). Der Herr weiß, dass der Schlüssel zum Herzen der Menschen, wie schlecht sie auch sein mögen, die Liebe ist. Er weiß, dass Seine allmächtige Gnade, wenn auch auf oft unergründliche Weise, am Ende triumphieren wird.

Gnade deckt die Bosheit der Sünde auf

Die Befürchtung, dass die Gnadenlehre Menschen zur Sünde führen werde, ist völlig unbegründet. Es ist nämlich so, dass jede Bosheit vor oder bei der Vergebung dem Menschen überaus bitter gemacht wird. Wenn Gott anfängt, an einem Menschen zu wirken, veranlasst Er ihn normalerweise dazu, sein böses Wesen in all seiner Hässlichkeit zu erkennen. Er lässt ihn seine Sünde erkennen, bis er mit David ausruft: »Meine Sünde ist allezeit vor mir« (Ps. 51,5). 

In meinem eigenen Fall sah meine Seele, als ich von Sünde überführt wurde, nur Finsternis und ein schreckliches Unwetter. Es war mir, als wären meine Augen bedeckt. Die Schuld legte sich so dicht um mich, dass ich vor der zu erwartenden Verdammnis keine Ruhe finden konnte. Ich fühlte, dass ich Gott beleidigt hatte und dass dies das Schrecklichste ist, was ein menschliches Wesen tun kann. Bis zu dieser Stunde ruft der Anblick von Sünde schlimmste Gefühle in mir hervor, gerade so, wie ein Kind, dass sich einmal verbrannt hat, tiefe Panik vor dem Feuer empfindet. 

Die Gnade bewirkt, dass wir der Sünde überdrüssig werden und sowohl die Sünde selbst als auch ihre vermeintlichen Freuden verabscheuen. Wir möchten sie völlig aus dem Herzensboden unseres Wesens ausreißen. Eine der Früchte des Geistes ist ganz gewiss, Heiligkeit zu lieben und alle falschen Wege zu verabscheuen. Eine tiefe innere Verwandlung verbietet dem Kind Gottes zu sündigen. Es hat in sich das Gericht über die Sünde und ihre Verdammung erfahren, und deshalb ist sie ihm ein Gräuel. Die Furcht, dass die Gnade missbraucht werden könnte, ist darum völlig unbegründet.

Die Gnade macht den Menschen zu einerneuen Kreatur

Die Gnadenlehre ist ungefährlich in den Händen eines Menschen, der vom Heiligen Geist bewegt und eine neue Schöpfung nach dem Bild Gottes geworden ist. Der Geist Gottes ist eingezogen und hat den Menschen umgewandelt, ihm die Unwissenheit weggenommen, seine Gefühle verändert, seinen Verstand erleuchtet, seinen Willen Ihm unterworfen, seine Wünsche veredelt, sein Leben verwandelt. Er ist jetzt tatsächlich ein im Geist Neugeborener. Dieser Wandel wird in der Schrift mit der Auferstehung von den Toten verglichen, mit einer Schöpfung und mit einer Neugeburt. »Ihr müsst von Neuem geboren werden«, sagte Christus zu Nikodemus (Joh. 3,7), und gottselige Menschen sind von Neuem geboren. 

Dem wahren Gläubigen ist die überfließende Gnade des Vaters ein Band zur Gerechtigkeit, das zu durchtrennen er nie in Betracht ziehen würde. Gottesfürchtige Menschen empfinden echte Dankbarkeit und streben nach vollkommener Heiligkeit in der Furcht des Herrn (2.Kor. 7,1). Alle Wesen leben gemäß ihrer Natur, und der errettete Mensch bildet in seinem veränderten Sinn heilige Instinkte aus. Er verlangt nach Heiligkeit, kämpft gegen Sünde, arbeitet daran, in allen Dingen rein zu sein, und bietet all seine Kraft für das auf, was rein und vollkommen ist. Das neue Herz macht den ganzen Unterschied. Die Segnungen des Allmächtigen führen nicht zur Sünde, sondern geben vielmehr erhabenste Ziele vor.

Reinigung durch Sühne

Das Blut Jesu Christi reinigt ebenso gut, wie es vergibt. Der Sünder erfährt, dass es das Leben seines besten Freundes, des Sohnes Gottes, gekostet hat, damit ihm freie Vergebung zuteil würde. Der Blick auf den Herrn, den er durchbohrt hatte, bewirkt eine heilige Reue über die Sünde. Im Herzen des Sünders, dem vergeben wurde, ist die Liebe zu Jesus entbrannt, und deshalb fühlt er eine tiefe Abneigung gegen die abscheuliche Bosheit der Sünde; jede Art des Bösen ist ihm verhasst. 

Der bußfertige Sünder hört mit Entsetzen, wie der Sohn Gottes wegen seiner eigenen Sünde schrie: »Eli, Eli, lama sabachthani?« Aus dem Tod Jesu muss gefolgert werden, dass Sünde aus der Sicht des Herrn überaus sündig ist; denn wenn die ewige Gerechtigkeit nicht einmal den geliebten Sohn Jesus verschonen konnte, als die Sünde auf Ihm lag, wieviel weniger würde sie schuldige Menschen verschonen? Es muss etwas unaussprechlich Vergiftetes sein, das selbst den sündlosen Jesus zu solch furchtbaren Leiden veranlasste. 

Man kann sich nichts vorstellen, das größere Macht auf gottselige Menschen ausüben könnte als der Blick auf den gekreuzigten Erlöser, der mit allen Seinen Wunden und mit jedem Tropfen Blut, das aus Seinem Leib floss, die Sünde anprangert. Was? Leben in der Sünde, die Jesus umbrachte? Vergnügen finden an dem, was Ihm den Tod einbrachte? Unmöglich! Ihr seht also, wenn die freie Gnade von der durchbohrten Hand gereicht wird, verleitet sie wohl niemals zu Nachgiebigkeit gegenüber dem eigenen Ich, ganz im Gegenteil!

Tägliche Hilfe von Gottes Geist

Gott der Heilige Geist wohnt in jedem Menschen, den Gott aus Gnade gerettet hat. Ist das nicht eine wunderbare Art und Weise der Heiligung? Wodurch sonst könnten die Menschen von der Sünde abgehalten werden als dadurch, dass Gott Selbst in ihren Herzen wohnt?! Der Heilige Geist leitet die Gläubigen an, viel zu beten; und welch eine heilige Kraft findet sich in dem Kind der Gnade, das mit seinem himmlischen Vater spricht! 

Die in Versuchung geratene Seele flieht zu ihrem Gott und äußert ihren Kummer, erblickt dabei die blutenden Wunden ihres Erlösers und geht gestärkt aus diesem Anblick hervor, um der Versuchung zu widerstehen. Auch das Wort Gottes ist mit seinen Grundsätzen und Verheißungen eine nie versiegende Quelle der Heiligung. Wenn wir nicht täglich in der Heiligen Schrift lesen, können wir bald schwach und unentschlossen werden. Aber die Gemeinschaft mit Gott erneuert uns im leidenschaftlichen Ringen mit der Sünde. Auch der Geist erquickt das Gewissen des Gläubigen oft, so dass er Dinge, die ihm in der Vergangenheit nicht sündig zu sein schienen, jetzt als Sünde erkennt, als ob er sie in klarerem Licht sähe. Das Gewissen ist von Natur aus hart und gefühllos; aber das gottselige Gewissen wird immer zarter, bis es schließlich so empfindsam ist wie eine offene Wunde. Wer am meisten Gnade erfahren hat, ist sich mehr als alle anderen dessen bewusst, dass er noch mehr Gnade braucht. Hast du diese Gnade in deinem Leben erfahren? Das ist das Mittel, durch das der Heilige Geist dich davor bewahrt, deine Freiheit jemals in Freizügigkeit zu verkehren.

Teilhaber an der Gnade Gottes

Wer an die Gnadenlehre glaubt, ist über die Grundsorgen der Welt um Essen und Kleidung erhaben. Sein Sinn wird zur Betrachtung edler Themen geführt: der ewige Bund, seine Bestimmung, die unwandelbare Liebe, seine Berufung, Gott in Christus, das Werk des Geistes, die Rechtfertigung, die Heiligung, seine Annahme bei Gott. Andere spielen noch mit kleinen Sandhäufchen am Strand; aber der wahre Christ wandelt in der freien Gnade zwischen Hügeln und Bergen umher. Die Themen aus der Heiligen Schrift über Gott und Sein Wirken türmen sich auf wie die Alpen. Dies ist der Weg, von Bosheiten und erniedrigenden Lüsten befreit zu werden. 

Gedankenlosigkeit ist die fruchtbare Mutter von Missetaten. Es ist ein hoffnungsvolles Zeichen, wenn sich Menschen mit erhabenen Wahrheiten befassen. Der Mensch, der von Gott zu denken gelehrt wurde, wird nicht so bereitwillig sündigen wie derjenige, dessen Geist unter dem Fleisch begraben liegt. Jetzt lebt er in der Gegenwart Gottes, und das Leben ist Realität für ihn, ernst und erhaben. Er hat nicht im Sinn, mit dem Rechen der Begierde Gold zusammenzuraffen, denn er ist errettet und muss einfach nach dem ewigen Lohn streben. Er erkennt, dass er für göttliche Zwecke und Aufgaben geboren wurde; darum fragt er: »Herr, was willst Du, dass ich tun soll?« (Apg. 9,6). Er erkennt, dass die Liebe, mit der Gott ihn liebt, durch ihn weiterfließen kann zu andern. Wir alle sind wie leuchtende Lampen, die in der Finsternis scheinen und andere Lampen anzünden sollen.

Viele neue Hoffnungen gewinnt der Mensch, der aus Gnade errettet ist. Seine neue Denkweise richtet sich auf die Ewigkeit. Wie Gott ihn schon in der Zeit liebt, wird ihn eben diese Liebe auch in der Ewigkeit segnen – das glaubt er. Er fürchtet die Zukunft nicht, weil er weiß, dass sein Erlöser lebt. Und so geht er mit freudigem Herzen und leichtem Schritt voran in die ewige Zukunft, so fröhlich wie zu einer Hochzeitsfeier.

Streck deine Glaubenshand aus und ergreife diesen deinen Teil! Vertraue Jesus von ganzer Seele und empfange dein Erbe!

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Die Gnadenlehre führt nicht in Sünde

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