25 Juni 2021
Kategorie: Artikel
Buch: Römer

Was ist Rechtfertigung?

Bibelstelle: Römer 3,21-31

Ein Auszug aus dem auslegenden Kommentar zum Römerbrief von R.C. Sproul

Im dritten Kapitel des Römerbriefs zeigt Paulus, dass sowohl Juden als auch Heiden unter dem Gericht Gottes stehen. Er erklĂ€rt, dass es keinen Gerechten gibt, auch nicht einen. Und dann kommt er zu der Schlussfolgerung, dass alle gesĂŒndigt haben und der Herrlichkeit Gottes nicht gerecht geworden sind. Das Ziel der ersten drei Kapitel ist es, jeden Menschen vor das Gericht Gottes zu stellen und zu zeigen, dass jeder Mensch, wenn er nach seinen Werken gerichtet wird, weit hinter dem zurĂŒckbleibt, was Gott verlangt.

Im Römerbrief Kapitel 3,21-31 beschreibt Paulus, wie Gott das Dilemma zwischen unserer Ungerechtigkeit und Gottes vollkommener Gerechtigkeit löst.

Jetzt aber ist außerhalb des Gesetzes die Gerechtigkeit Gottes offenbar gemacht worden, die von dem Gesetz und den Propheten bezeugt wird (V.21).

Wegen des Begriffs jetzt in diesem Text haben einige den Schluss gezogen, dass die Menschen des Alten Testaments das Dilemma der Rechtfertigung nicht lösen konnten, und dass erst jetzt, in der neutestamentlichen Epoche, die Gerechtigkeit durch den Glauben verfĂŒgbar sei. Doch das ist nicht das, was der Apostel hier sagen will. Er sagt, dass die Gerechtigkeit Gottes offenbart wurde, d. h. deutlich wurde. Sie ist das, was Abraham suchte, aber nur in vager Form empfing. Er konnte sie von weitem sehen, doch sie blieb verschleiert und vage, wahrnehmbar nur durch Verheißungen, die sich auf die Zukunft bezogen. Nun wurde diese Verheißung erfĂŒllt, denn das SĂŒhneopfer Jesu Christi wurde dargebracht.

Die von den Propheten bezeugt wird. Es ist keine brandneue, im Alten Testament völlig unbekannte Botschaft. Die Lehre, die nun im Werk Christi kristallklar wird, ist dieselbe, die Gott Abraham, Mose, David, Jeremia und Jesaja verkĂŒndigte: Der Gerechte soll durch den Glauben leben. Die Rechtfertigung geschieht allein aus Glauben. Dies war das Leitprinzip, das Martin Luther im 16. Jahrhundert aussprach, und es wurde zum Eckstein protestantischer Theologie.

NÀmlich die Gerechtigkeit Gottes durch den Glauben an Jesus Christus, die zu allen und auf alle [kommt], die glauben (V.22). Hier kommt Paulus zum Kern seiner Botschaft, zum Herzen seines Themas.

An dieser Stelle ist es notwendig, einige Begriffe zu erklÀren. Das Motto der Reformation ist Die Rechtfertigung durch den Glauben allein. Das Wort »durch« bezieht sich auf die Mittel, durch die etwas vollendet wird, das Werkzeug, das uns mit Christus verbindet. Manche denken, dass bereits der Glaube an sich (im Gegensatz zu den Werken des Gesetzes) derart verdienstvoll sei, dass er uns einen Platz im Reich Gottes einbringe. Vielmehr ist der Glaube das Mittel, das uns an Christus bindet.

Möglicherweise ist es prÀziser, die Lehre der Rechtfertigung durch den Glauben allein so zu formulieren: Die Rechtfertigung ist in Christus allein zu finden. Seine Gerechtigkeit rechtfertigt uns. Seine Verdienste sind es, die uns einen Platz im Reich Gottes bereiten. Der Glaube verbindet uns mit Ihm, so dass wir in Gottes Augen an Seiner Gerechtigkeit teilhaben. Diese Gerechtigkeit wird jeder Person geschenkt, die auf Christus vertraut.

 

Was ist rechtfertigender Glaube?

Als Luther dieses Konzept im 16. Jahrhundert verkĂŒndigte, provozierte dies ein Widerspruchsgeschrei, das die damalige christliche Kirche spaltete. Viele befĂŒrchteten, dass Luther den Gedanken lehre, dass jeder nur einen lĂ€ssigen, unbekĂŒmmerten Glauben an Jesus haben mĂŒsse und dann jede Art von Gottlosigkeit ausleben könne, wie es ihm gefĂ€llt. Solch eine Lehre wĂŒrde ernsten BemĂŒhungen von Christen um ein gottseliges Leben den Boden entziehen. Somit war Luther gezwungen, die Frage zu stellen: »Was ist rettender Glaube?« Er beschrieb den rettenden Glauben als fides viva, einen lebendigen und fruchtbaren Glauben – einen Glauben, dessen Herz fĂŒr Gott schlĂ€gt.

Manche Menschen denken, dass Protestanten fĂŒr ihre Erlösung auf Christus allein vertrauen, wĂ€hrend Katholiken vollstĂ€ndig auf sich und ihre guten Werke vertrauten. Das ist einfach nicht wahr. Die römisch-katholische Kirche hat noch nie gelehrt, dass Menschen aufgrund ihrer guten Werke, ohne die erlösende Tat Christi gerechtfertigt wĂŒrden. Doch was Rom ablehnt, ist das Konzept des Glaubens »allein«.

Ich will die Unterschiede umreißen. Es beginnt im VerstĂ€ndnis des ersten Schrittes der Rechtfertigung. Der Protestantismus lehrt, dass das Werkzeug, wodurch wir in eine gerechtfertigte Beziehung mit Jesus Christus gebracht werden, der Glaube ist.

Rom betrachtet das Problem der Rechtfertigung auf zweierlei Weise: ZunĂ€chst findet die Rechtfertigung durch die Taufe statt, wenn die Gnade der Rechtfertigung der Seele des Kindes eingeflĂ¶ĂŸt wird. Das Kind wird daraufhin so lange im Zustand der Gnade bleiben, wie es sich von TodsĂŒnden rein hĂ€lt, also von SĂŒnden, die so schwer wiegen, dass sie die FĂ€higkeit besitzen, die Gnade der Rechtfertigung zu zerstören. Wenn eine Person eine TodsĂŒnde begeht, gibt es jedoch einen zweiten Weg zur Rechtfertigung. Das Vatikanische Konzil von Trient im 16. Jahrhundert beschreibt das Sakrament der Buße als den zweiten Weg der Rechtfertigung fĂŒr diejenigen, die in ihren Seelen Schiffbruch erlitten. In diesem Sakrament der Buße gibt es unterschiedliche Teilaspekte. ZunĂ€chst muss eine bußfertige Person ihre SĂŒnden einem Priester bekennen. Dann spricht der Priester die Absolution aus. Doch das Problem im 16. Jahrhundert war nicht das SĂŒndenbekenntnis oder die priesterliche Absolution.

Das echte Problem lag im nĂ€chsten Schritt der Rechtfertigung, der nĂ€mlich lehrte, dass in der Buße der bußfertige SĂŒnder verpflichtet werde, Werke der Satisfaktion bzw. Genugtuung zu verrichten. Diese Werke wurden von der römisch-katholischen Kirche so verstanden, dass sie dem bußfertigen SĂŒnder als eine Art angemessene Verdienste angerechnet wĂŒrden – Verdienste, die vor Gott geeignet und angemessen seien, um diese Person erneut zu rechtfertigen. Die römisch-katholische Sicht lĂ€sst sich fairerweise so zusammenfassen: Rechtfertigung ereigne sich als ein Ergebnis einer Kombination aus Glauben und Werken.

Der Protestantismus sagt, dass wir dem Verdienst Christi nichts hinzufĂŒgen können. Er bleibt die einzige Quelle fĂŒr unsere Rechtfertigung. Jedoch glaubt der Protestantismus, dass der echte GlĂ€ubige eine LebensĂ€nderung zeigen und Werke erbringen wird, die der Buße wĂŒrdig sind: Werke des Gehorsams. Doch diese Werke des Gehorsams sind nicht die Grundlage seiner Errettung. FĂŒr Rom ist Glaube plus Werke gleich Rechtfertigung. FĂŒr den Protestantismus ist Glaube gleich Rechtfertigung; doch dieser Glaube bringt gute Werke hervor.

Warum muss die Rechtfertigung auf Glauben allein beruhen? Warum können nicht unsere Werke als Grundlage dienen? Im zwanzigsten Vers hat Paulus jede Möglichkeit ausgeschlossen, dass wir durch Gesetzeswerke gerechtfertigt werden könnten. Unsere Rechtfertigung geschieht durch den Glauben an Jesus Christus. Warum? Denn alle haben gesĂŒndigt und verfehlen die Herrlichkeit, die sie vor Gott haben sollten (V.23). Paulus wendet sich wieder dem Thema zu, das er bisher in diesem Brief untersucht hat: Alle Menschen sind vor Gottes Richterstuhl schuldig. Wir können uns fĂŒr gerechter als andere Menschen halten, doch gemessen an Gottes absolutem Maßstab versagen wir abgrundtief und elendig.

Paulus fĂŒhrt weiter aus: So dass sie ohne Verdienst gerechtfertigt werden durch Seine Gnade aufgrund der Erlösung, die in Christus Jesus ist (V.24). Hier verwendet er die Formulierung »ohne Verdienst«, um den Begriff gerechtfertigt nĂ€her zu bezeichnen. Rechtfertigung ist etwas, das Gott als Geschenk austeilt. Ein Geschenk kann niemals als Verpflichtung aufgedrĂ€ngt werden; und es kann nicht erworben oder verdient werden. Er betont dies, indem er ferner ausfĂŒhrt, dass wir ohne Verdienst »durch Seine Gnade« gerechtfertigt werden. Es geht also um die Kernfrage: Verdienst oder Gnade?

Was ist Erlösung? Im Neuen Testament bezeichnet das Nomen »Erlösung« oder das Verb »erlösen« vor allem die Zahlung von Lösegeld, um etwas bzw. jemanden freizukaufen, der gefesselt oder gefangengehalten wird. Seine ursprĂŒngliche Bedeutung ist der RĂŒckkauf aus der Sklaverei, aus Schulden oder aus Gefangenschaft. Genauso schildert das Neue Testament das Werk Jesu zu unseren Gunsten. Jesus ist unser Erlöser. Er zahlte das Lösegeld fĂŒr unsere Seelen.

Wir mĂŒssen hier sorgsam vorgehen, denn es gibt die unterschiedlichsten Theorien darĂŒber, was Jesus tat. Eine davon, die in der Kirchengeschichte sehr berĂŒhmt war, lautet, dass Jesus ein Lösegeld an den Satan zahlte, um uns aus Satans Besitz zurĂŒckzukaufen. Doch dies ist ein völlig unbiblisches Konzept. Das Lösegeld wurde nicht an den Satan gezahlt. Es wurde an Gott gezahlt, denn bei Ihm stehen wir in der Schuld.

Es geht auch um die Frage: Wer wird den Preis zahlen, den Gott von uns fordert? Rechtfertigung bedeutet, dass wir durch den Glauben allein ohne Verdienst gerechtfertigt werden, durch die unverdiente Gunst Gottes, die die Erlösung in Christus Jesus bewirkt. Manche Menschen widersprechen dem, weil es fĂŒr sie nach einem Drama innerhalb der Gottheit klingt: Gott der Vater hat das Ziel, uns zu vernichten, doch Gott der Sohn beruhigt Seinen Zorn, indem Er uns die Erlösung bringt. Doch dies wĂŒrde uns natĂŒrlich in gefĂ€hrliche NĂ€he zu einer LĂ€sterung der Gerechtigkeit Gottes fĂŒhren.

Ihn hat Gott zum SĂŒhnopfer bestimmt, [das wirksam wird] durch den Glauben an Sein Blut (V. 25). Es ist Gott der Vater, der den Sohn in die Welt gesandt hat. Gott der Vater ist es, der uns ohne Verdienst in Seiner Gnade durch das Verdienst Jesu Christi rechtfertigt. Es ist Gott, der Seinen eingeborenen Sohn in die Welt sendet. Somit gibt es innerhalb der Gottheit eine Übereinkunft. Gott Selbst initiiert und startet den großen Plan der Erlösung, durch welchen Er einen Weg offenbart, der den AnsprĂŒchen Seiner eigenen Gerechtigkeit gerecht wird.

Damit kompromittiert Gott sich nicht Selbst oder nimmt die Vergehen gegen Seine Heiligkeit auf die leichte Schulter. Gott handelt gemĂ€ĂŸ Seiner eigenen Gerechtigkeit, wenn Er den Preis der SĂŒnde von Seinem eingeborenen Sohn fordert.

Gottes Absicht, als Er Jesus in die Welt sandte, war, Seinen eigenen Zorn zu stillen. Jesu Opfer wurde gebracht, um alle Forderungen Gottes zu erfĂŒllen, die Gott als Strafen fĂŒr begangene SĂŒnde erhebt. Gott wird schuldige Menschen niemals einfach fĂŒr unschuldig erklĂ€ren. Das SĂŒhnopfer bezahlt die Strafe fĂŒr den, der fĂŒr schuldig befunden wurde. Der SĂŒnder wird weder reingewaschen noch entlastet, sondern fĂŒr schuldig erklĂ€rt. Er wird nicht zum Zeitpunkt seiner Verurteilung erlöst, sondern zum Zeitpunkt, als ĂŒber Jesus der Strafvollzug erging.

Als Luther im 16. Jahrhundert die Lehre der Rechtfertigung definierte, verwendete er die lateinische Formulierung simul justus et peccator, »gleichzeitig Gerechter und SĂŒnder«. Das trifft den Kern der Rechtfertigung durch Glauben allein. Aus mir selbst heraus bin ich ein SĂŒnder. Empfange ich die Segnungen der Versöhnung in Christus, werde ich vor Gottes Augen gerecht. Durch den Wert Christi bin ich gerecht, durch den Wert meiner Leistung bin ich ein SĂŒnder.

Durch den Glauben an Sein Blut. Wenn die Bibel vom Blut Jesu spricht, schreiben manche Leute dem, was durch die Venen Jesu von Nazareth floss, einen nahezu mystischen Charakter zu. Ein Priester der Episkopalkirche besprach einst diese Frage mit mir. Er sagte: »R.C., wenn Jesus Seinen Finger an einem Nagel aufgeritzt hĂ€tte, hĂ€tte dies schon die SĂŒhne bewirken können?« Er wollte keine Blasphemie aussprechen, sondern meinte es als eine ernste theologische Frage. Was dahinter steht, ist Folgendes: Wenn Jesus sich in den Finger geschnitten und dadurch Blut verloren hĂ€tte, wĂ€re dies nicht schon genug gewesen, wenn die Errettung durch das Blut Christi kommt? Nein. Jesus musste nicht einfach nur bluten, Er musste sterben; denn die von Gott vorgesehene Strafe fĂŒr die SĂŒnde ist der Tod. Wenn die Bibel also vom »Glauben an Sein Blut« spricht, meint sie vor allem den Glauben an Seinen Tod.

Um Seine Gerechtigkeit zu erweisen, weil Er die SĂŒnden ungestraft ließ, die zuvor geschehen waren, als Gott ZurĂŒckhaltung ĂŒbte. Gottes ZurĂŒckhaltung liegt in Seiner Langmut, nicht etwa in irgendwelcher GleichgĂŒltigkeit Seinerseits. Manchmal wundern wir uns, warum Gott SĂŒnde nicht sofort bestraft. Gott ignoriert unsere SĂŒnden nicht, sondern Er ist langmĂŒtig, damit wir uns der Gerechtigkeit Jesu Christi zuwenden
mögen.


 um Seine Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit zu erweisen. Das Kreuz Jesu Christi erlöst uns nicht nur, sondern es rechtfertigt Gott. Es macht ganz deutlich, dass Gott SĂŒnde sehr ernst nimmt. Wie oft hört man Leute sagen: Der Gott des Alten Testaments ist ein Gott des Zorns; der Gott des Neuen Testaments aber ist ein Gott der Gnade, GĂŒte und Liebe.

Wo finden wir in der Schrift den tiefsten Ausdruck der Liebe Gottes? Am Kreuz. Wo finden wir die schrecklichste Offenbarung des Zornes Gottes? Ebenfalls am Kreuz! Derselbe Akt zeigt Gott als Richter fĂŒr die SĂŒnde und doch gleichzeitig als einen liebenden und gnĂ€digen Gott.

Gott tat dies, um Seine Gerechtigkeit zu erweisen, damit Er Selbst gerecht sei und zugleich den rechtfertige, der aus dem Glauben an Jesus ist (V.26). Wenn Gott mich schont und mir Sein Reich und den Zutritt zum Himmel schenkt, verrÀt Er dabei nicht Seine eigene IntegritÀt. Seine Gerechtigkeit wird dabei gewahrt und aufrechterhalten.

Paulus fragt in Vers 27: Wo bleibt nun das RĂŒhmen? Es ist fast so, als blicke er durch einen leeren Raum und sage irritiert und verwundert: »Wo gibt es denn nun etwas zum RĂŒhmen? Wo ist es? Ich kann es nicht finden.« Seine eigene Antwort ist: Es ist ausgeschlossen. Warum? Er stellt die nĂ€chste Frage: Durch welches Gesetz? Das der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens!

Paulus sagt, dass die Lehre des Heils, die uns aus Gnade durch das Werk Christi zuteil wird, RĂŒhmen fĂŒr unser Christenleben ausschließt. Wenn unsere Rechtfertigung nur teilweise auf unseren guten Werken grĂŒnden wĂŒrde, dann könnten wir uns derselben rĂŒhmen. Doch das Konzept der Rechtfertigung durch den Glauben allein lĂ€sst die Stimme menschlicher Arroganz und menschlichen Stolzes verstummen.

So kommen wir nun zu dem Schluss, dass der Mensch durch den Glauben gerechtfertigt wird, ohne Werke des Gesetzes (V. 28). Dieser Vers betont deutlicher als jeder andere einzelne Vers der Bibel die Lehre der Rechtfertigung durch den Glauben allein. Doch widerspricht dem nicht Jakobus im zweiten Kapitel seines Briefes, wenn er sagt: »So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerechtfertigt wird und nicht durch den Glauben allein« (Jak. 2,24)? Könnt ihr euch die Verstörung vorstellen, die dieser Vers den Menschen in der Kirche fĂŒr Jahrhunderte bereitet hat?

Manche meinen, dies sei ein klares Beispiel dafĂŒr, dass die Bibel sich selbst widerspreche. Oder ist es möglich, dass Jakobus etwas anderes meint als Paulus? Die Frage, die Jakobus anspricht, ist eine ganz andere. Er ringt mit dem Problem: Was nĂŒtzt es, wenn ein Mensch sagt, er glaube, wenn er keine Werke hat? Jakobus hat es mit Leuten zu tun, die sagen, sie seien glĂ€ubig. Jeder kann behaupten, dass er glaube, meint er hier. Zeige mir deinen Glauben durch deine Werke. Und dann fĂ€hrt er fort und stellt fest, dass Glaube ohne Werke tot ist. Kann ein solcher Glaube irgendjemanden retten? NatĂŒrlich nicht, und Paulus wĂŒrde dem zustimmen. Nur an meinem Verhalten könnt ihr sehen, dass mein Glaube wirklich echt ist.

Oder ist Gott nur der Gott der Juden und nicht auch der Heiden? Ja freilich, auch der Heiden! Denn es ist ja ein und derselbe Gott, der die Beschnittenen aus Glauben und die Unbeschnittenen durch den Glauben rechtfertigt (V.29-30). Das Christentum ist ein Glaube, der alle nationalen, kulturellen und rassischen Unterschiede ĂŒbersteigt. Es ist auch nicht an eine bestimmte geschichtliche Epoche gebunden. Vielmehr sagt Paulus, dass es ein universaler Glaube ist. Das mag uns nicht als besonders tiefgrĂŒndige Wahrheit erscheinen; doch fĂŒr die Ohren eines Juden im ersten Jahrhundert klang dies schockierend.

Charles Hodge kommentiert die Worte von Paulus so: »Wir Heiden können nun zum Himmel aufschauen und zuversichtlich sagen: â€șDu bist unser Vater, auch wenn Abraham nichts von uns weiß und Israel uns nicht kennt (vgl. Jes. 63,16).â€č«

Im 31. Vers beendet Paulus dieses Kapitel mit einer starken BestĂ€tigung von Gesetz und Glauben: Heben wir nun das Gesetz auf durch den Glauben? Das sei ferne! Vielmehr bestĂ€tigen wir das Gesetz. Manche könnten daraus irrtĂŒmlich schließen, dass aufgrund der Offenbarung des Evangeliums und der paulinischen Entfaltung der Rechtfertigung durch den Glauben allein das Gesetz ĂŒberflĂŒssig geworden sei. Doch das eine ersetzt nicht das andere, sondern beides wurde von Gott fĂŒr bestimmte Zwecke gegeben. Funktionen des Gesetzes, wie sein offenbarender Charakter und seine moralische Unterweisung, bleiben gĂŒltig, auch wenn seine zeremonielle und theokratische Rolle erfĂŒllt worden ist. Die Tragödie der zeitgenössischen evangelischen Kirche ist ihr VersĂ€umnis, das Gesetz Gottes zu kennen und aufzurichten.

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Was ist Rechtfertigung?

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