»Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber ist nahe. So lasst uns nun ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts!«
Römer 13,12
Der Apostel Paulus sagte bei einer Anklage vor dem Hohen Rat in Apostelgeschichte 23,6: »… ich bin ein Pharisäer und der Sohn eines Pharisäers.« Er wurde als Mitglied dieser religiösen Gruppe geboren und erzogen, und sein Eifer war unübertroffen. Seine gesamte Energie war auf eine strenge Anwendung des jüdischen Gesetzes, der religiösen Zeremonien und der anspruchsvollen Traditionen der Pharisäer gerichtet. Diese widmeten ihre besondere Aufmerksamkeit den formalen und zeremoniellen Details des mosaischen Gesetzes, wobei sie oft die wichtigeren Moralvorschriften vernachlässigten.
Sie waren wie besessen von den äußeren Elementen des Gesetzes (Ritualismus, Symbolismus, Formalismus und alles andere, was sichtbare Zeichen der Frömmigkeit enthielt). Sie liebten es, betend in den Synagogen oder an den Straßenkreuzungen zu stehen, um gesehen zu werden (Mt. 6,5). Jesus sagt: »Alle ihre Werke tun sie aber, um von den Leuten gesehen zu werden. Sie machen nämlich ihre Gebetsriemen breit und die Säume an ihren Gewändern groß, und sie lieben den obersten Platz bei den Mahlzeiten und die ersten Sitze in den Synagogen und die Begrüßungen auf den Märkten, und wenn sie von den Leuten ›Rabbi, Rabbi‹ genannt werden« (Mt. 23,5-7).
Doch sie waren nachlässig oder hegten gar Verachtung gegenüber den verborgenen Tugenden und gerechten Charaktereigenschaften, die vom Gesetz geboten waren – fromme Wertorientierungen wie Barmherzigkeit, Mitleid, Aufrichtigkeit und Herzensreinheit. Kurz: Ihnen ging es mehr darum, Ehre zu empfangen, als darum, ehrbar zu sein. Jesus verurteilte sie dafür streng: »Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, dass ihr die Minze und den Anis und den Kümmel verzehntet und das Wichtigere im Gesetz vernachlässigt, nämlich das Recht und das Erbarmen und den Glauben!« (Mt. 23,23). Über ihre pathologische Fixierung auf zeremonielle Kleinigkeiten spottend, nannte Er sie blinde Führer, die die Mücke aussieben, das Kamel aber verschlucken. Denn die Mücke ist das kleinste Tier, das im mosaischen Gesetz als unrein genannt wird und das Kamel ist das größte (vgl. 3.Mo. 11).
Gesetzlichkeit: Die Torheit der Pharisäer
Die Maxime der Pharisäer scheint gewesen zu sein, sich Gottes Gunst zu verdienen und somit ewiges Leben zu erben, indem ihr Eifer und ihre Hingabe an die Feinheiten der pharisäischen Tradition die Frömmigkeit ihrer Nächsten übertraf. Das machte sie natürlich aggressiv, ehrgeizig und arrogant – stolz auf sich selbst, während sie alle anderen geringschätzig behandelten. Sie waren solche, »die auf sich selbst vertrauten, dass sie gerecht seien, und die Übrigen verachteten« (Lk. 18,9).
Ihr gesamtes Glaubenssystem wurzelte im verheerenden Irrtum der Gesetzlichkeit: der Vorstellung, dass Menschen durch das, was sie tun oder nicht tun, Gottes Gunst erlangen könnten. Und die besondere Form der Gesetzlichkeit der Pharisäer war die schlimmste – ein gnadenloser, harter, unbarmherziger Stil künstlicher Heiligkeit, der eine herablassende Verachtung für so ziemlich alle Menschen außer ihnen selbst begünstigte. Es war ein systematischer, selbstgerechter Verstoß gegen das Zweite Gebot: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!« (3.Mo. 19,18; Mt. 22,39).
Nach seiner Bekehrung hatte der Apostel für jede Art der Gesetzlichkeit nichts mehr übrig als Verachtung. Es war nicht etwa so, dass er das Gesetz an sich verachtete. Tatsächlich schreibt er: »So ist nun das Gesetz heilig, und das Gebot ist heilig, gerecht und gut« (Röm. 7,12). Denjenigen, die im Namen der Gnade das Gesetz abschaffen wollen, antwortet Paulus: »Heben wir nun das Gesetz auf durch den Glauben? Das sei ferne! Vielmehr bestätigen wir das Gesetz« (Röm. 3,31). Paulus war kein Antinomist.
Dennoch lehnte er die Überzeugungen der Pharisäer bezüglich des Gesetzes vehement ab. Sie betrachteten das Gesetz als Weg zum Leben. In Wirklichkeit kann das Gesetz für Sünder aber nicht mehr tun, als sie zum Tod zu verurteilen (Röm. 7,10). »Das Gesetz bewirkt nämlich Zorn; denn wo kein Gesetz ist, da ist auch keine Übertretung« (4,15). In der Tat war der zentrale Sinn des Gesetzes, Sündern die übermäßige Sündhaftigkeit der Sünde aufzuzeigen (7,13), ihnen jedes Selbstvertrauen zu nehmen (V. 18) und sie so in die Abhängigkeit von der Gnade Gottes zu treiben, indem es sie hinleitet zur Rechtfertigung aus Glauben (Gal. 3,24).
Doch die Pharisäer setzten all ihr Vertrauen auf ihre eigene Kenntnis des Gesetzes, ihre Lippenbekenntnisse zu dessen moralischen Normen und ihre fanatische Besessenheit von dessen zeremoniellen Elementen. Sie dachten, sie könnten sich durch ihr penibles Kultivieren eines frommen Scheins eine Vorrangstellung unter den Menschen, besondere Ehre von Gott und im Endgericht das ewige Leben verdienen. Sie hatten die Hauptlektionen des Gesetzes vollkommen verdreht.
Nachdem Paulus die geistlichen Augen geöffnet worden waren, wurde er zu einem glühenden Gegner jeder Art der Gesetzlichkeit. Die Themen der Gnade Gottes und der christlichen Freiheit durchdringen fast alles, was er je geschrieben hat. »… wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit« (2.Kor. 3,17).
Das Thema taucht in seinen Schriften deswegen so häufig auf, weil er immer wieder die Lehren von der Gnade Gottes und der Rechtfertigung allein aus Glauben (sola fide) vor unaufhörlichen Angriffen durch falsche Lehrer verteidigen musste. Die ersten Gemeinden wurden von einer Gruppe von Pseudochristen angegriffen, die sich zum Ziel gesetzt hatten, Paulus’ Evangelium mit gesetzlichen Lehren zu untergraben.
Über die Begründer und Anführer dieser Sekte wissen wir nur sehr wenig, außer dass sie ehemalige Pharisäer aus Judäa waren (Apg. 15,1.4). Sie gaben vor, sich zum Christentum bekehrt zu haben, begannen dann aber damit, ihre speziell pharisäische Art des Christentums von einem Ende des Römischen Reiches bis zum anderen zu verbreiten. Sie nahmen insbesondere Paulus ins Visier. Sie schienen ihm überallhin zu folgen. Wenn er eine neue Gemeinde gegründet hatte und weitergezogen war, ließen sie sich dort nieder, um seine apostolische Autorität in Frage zu stellen und üble Lügen über ihn zu verbreiten. Manchmal schafften sie es, seine eigenen Mitstreiter, Jünger und geistlichen Kinder gegen ihn aufzuhetzen (s. Gal. 4,11-20).
Diese Anhänger einer Gesetzlichkeit beharrten darauf, dass Heiden erst dann Erlösung finden könnten, wenn sie sich zuvor zum Judentum bekehrt hätten. Da Paulus besonders beauftragt war, den Heiden zu dienen (Röm. 11,13), waren die von ihm gegründeten Gemeinden voller nichtjüdischer Bekehrter. Diesen sagten die Anhänger der Gesetzlichkeit: »Wenn ihr euch nicht nach dem Gebrauch Moses beschneiden lasst, so könnt ihr nicht gerettet werden!« (Apg. 15,1). Und die falschen Lehrer waren mit der reinen Forderung der Beschneidung noch nicht zufrieden. Sie behaupteten, dass es »notwendig« sei, dass christliche Gemeinden ihre heidnischen Mitglieder anweisen sollten, das ganze Gesetz des Mose zu halten (V. 5). Ihre Botschaft war nicht das Evangelium, sondern reines Gesetz.
Paulus widersetzte sich diesem Irrtum mit jeder Faser seines Wesens. Sein Brief an die Galater ist ein heftiger Angriff gegen die Gesetzeslehre, gefolgt von einer ausführlichen Widerlegung derselben. Er beginnt mit einem doppelten Fluch über die Irrlehrer und ihr falsches Evangelium (Gal. 1,8-9). Er lässt in seiner Kritik nie nach und entschärft auch nicht seine Verurteilung der falschen Lehrer. Schließlich sagt er gegen Ende des Briefs den Mitgliedern dieser Gemeinden: »So steht nun fest in der Freiheit, zu der uns Christus befreit hat, und lasst euch nicht wieder in ein Joch der Knechtschaft spannen! Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, wird euch Christus nichts nützen« (5,1-2).
Als jemand, der aus dem Pharisäertum gerettet wurde, hasste Paulus ganz klar jede Spur von Gesetzlichkeit. Er hätte sich dazu nicht deutlicher ausdrücken können. »Wenn ihr aber vom Geist geleitet werdet, so seid ihr nicht unter dem Gesetz« (V. 18). Seine Schriften sind voller derartiger Ermahnungen gegen die Gesetzlichkeit. Einer der bekanntesten Verse aus den gesamten paulinischen Schriften ist Römer 6,14: »… weil ihr nicht unter dem Gesetz seid, sondern unter der Gnade«.
Antinomismus: Der vorherrschende Irrtum unserer Zeit
Leider werden Aussagen wie diese oft aus ihrem Kontext gerissen und als Belegtexte für verschiedene Arten des modernen und postmodernen Antinomismus verwendet – als ob Paulus gemeint hätte, Christen seien frei von jeder Art moralischer Vorschriften, gesetzlicher Vorgaben oder Verhaltensregeln. Dies ist ein unter evangelikalen Freigeistern und geistlich Liberalen zunehmend beliebter Weg, diese Texte auszulegen.
Unter den heutigen evangelikalen Vorreitern gibt es einige, die sich bei jeder Erwähnung biblischer Gebote oder der Ermahnung an Christen, dass »die, welche an Gott gläubig wurden, darauf bedacht sind, eifrig gute Werke zu tun« (Tit. 3,8), empören und beklagen. Ich bin schon oft bekennenden Christen begegnet, die offenbar denken, dass es nicht eine Pflicht, sondern eine Sünde sei, sich »gegenseitig an[zu]spornen zur Liebe und zu guten Werken« (Hebr. 10,24).
»Das ist Gesetz und nicht Gnade!«, protestieren sie – als ob jede Erwähnung biblischer Gebote an sich schon Gesetzlichkeit sei. Einige der heutigen Antinomisten scheinen entschlossen zu sein, praktisch überall pietistischen Moralismus zu entdecken. Sie machen sich Sorgen, weil sie Angst haben, dass sich andere Christen zu große Sorgen darum machen könnten, ob sie richtig stehen oder das Richtige tun. Sie denken offenbar, dass es im Evangelium nur darum ginge, die Sorge des Sünders um seine Rechtfertigung komplett zu tilgen. Ein populärer Autor schreibt:
Die gute Nachricht lautet, dass Christus uns davon befreit hat, uns auf widerwärtige Weise auf unser Gutsein, unsere Hingabe und unsere Korrektheit zu konzentrieren. Religiosität hat uns auf fast unerträgliche Weise zwanghaft werden lassen. Jesus hat uns zum Tanz eingeladen … und wir haben ihn in einen Soldatenmarsch verwandelt, indem wir permanent prüfen, ob wir alles richtig machen und ob wir im Gleichschritt und auf gleicher Höhe mit den anderen Soldaten sind. Wir wissen, dass Tanzen mehr Spaß machen würde, aber wir glauben, dass wir durch die Hölle müssen, um in den Himmel zu kommen; also marschieren wir weiter.
Es ist durchaus richtig, dass jemand, der zwanghaft um »Korrektheit« bemüht ist, weil er denkt, dass er dadurch bei Gott Verdienste oder für sich selbst Ehre erwerbe, sich einer Form der Gesetzlichkeit schuldig macht, die sich nur unwesentlich vom Pharisäertum unterscheidet. Die egoistische Frucht eines so bösen Beweggrundes macht ein solches Denken »widerwärtig«. Doch es ist geistlich unverantwortlich und gefährlich, zu meinen, es sei an sich schon Moralismus, einen Hunger und Durst nach Gerechtigkeit zu fördern (s. Mt. 5,6).
Wenn die Beweggründe für den Gehorsam gegenüber Gott eine echte Liebe zu Christus und der Wunsch, Ihn zu ehren, sind, ist es ungerecht und unbarmherzig, die Hingabe eines Christen in der Heiligung und einen Eifer nach guten Werken schlecht zu machen, indem man diese Wünsche mit dem Etikett der Frömmelei versieht. Jesus hat Selbst gesagt: »Liebt ihr Mich, so haltet Meine Gebote!« (Joh. 14,15); und Er war kein moralistischer Pietist. (Vielleicht ist es ja auch erwähnenswert, dass das Bild von den Soldaten, die in den geistlichen Kampf ziehen, eines ist, das im Neuen Testament für die Gemeinde verwendet wird – die Analogie des Tanzes dagegen nicht.)
Die geistliche Schwäche der heutigen evangelikalen Megachurches und deren Leiter sollte jeden aufrichtigen Christen davon überzeugen, dass die unmittelbarste Bedrohung für unser christliches Zeugnis momentan kaum in einer ungesunden Fixierung auf übermäßige Korrektheit besteht. Gleichgültigkeit gegenüber persönlicher Heiligung, Desinteresse an solider biblischer Lehre und eine unbekümmerte Empfänglichkeit für säkulare Werte sind weit drängendere Probleme.


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