John Owen – bestrebt, die Sünde mit der Feder zu töten

Vor fünfzig Jahren hätte man lange suchen müssen, um jemanden anzutreffen, der mit dem Namen John Owen etwas anfangen konnte. Heute wird er recht häufig von der Kanzel und in Artikeln zitiert. Das ist umso erstaunlicher, weil viele hinzufügen, wenn sie über ihn sprechen: »Aber er liest sich nicht leicht.« Schließlich lebte er im siebzehnten Jahrhundert, dachte in Latein, schrieb ausführliche und tiefgründige theologische Werke und zählte zu jener »Randgruppe« der Christen, die wir als Puritaner kennen.

Wer war dieser John Owen, und wie ist das Phänomen des neuerwachten Interesses an ihm zu verstehen?

 

Durch Gottes Gnade errettet

Die Höhepunkte im Leben von Owen sind wie folgt: Er wurde im Jahr 1616 als zweiter Sohn von Henry Owen geboren, einem Vikar der Church of England. Seine Eltern sympathisierten mit den Puritanern – das heißt, sie glaubten, dass die englische Reformation (die zur Zeit seiner Großeltern stattgefunden hatte) nicht konsequent genug war.

In einer solchen Umgebung wurde der junge und intellektuell brillante Owen erzogen, bevor er an die Universität nach Oxford ging. Aber es sollten noch einige Jahre vergehen, bis er schließlich zu einer festen Gewissheit bezüglich seiner eigenen Errettung kam. Es geschah, dass er einmal zur Aldermanbury Chapel in London ging, um einen berühmten Geistlichen zu hören. Doch stattdessen trat ein anderer Prediger als Vertretung auf die Kanzel. Owens Begleiter drängten, in eine andere Kirche zu gehen. Doch der Prediger (dessen Identität in den Wirren der Geschichte verlorengegangen ist) predigte über Matthäus 8,26: »Was seid ihr so furchtsam, ihr Kleingläubigen?« Das war der Wendepunkt in Owens Leben.

Hier lernen wir eine sehr allgemeine Lektion. Du kennst vielleicht die Namen vieler bekannter Christen. Doch kennst du auch die Namen derer, die jene Christen auf Christus hingewiesen haben? Das ist eher unwahrscheinlich. Owens Leben erinnert uns daran, dass die Bedeutung irgendeines Gläubigen niemals nur auf ihn selbst beschränkt ist. Die Frucht der verborgenen Treue lässt sich nicht nach menschlichen Maßstäben ermessen. Aber denke einmal an die Freude, wenn wir all diese Verbindungen in der Herrlichkeit sehen werden!

Im Anschluss an sein Studium diente Owen als Pastor, zunächst in Fordham und dann in Coggeshall, beides Gemeinden der Kirche von England. Er fing an, Katechismen für die Kinder und Erwachsenen seiner eigenen Gemeinde zu schreiben.

 

Ein auẞerordentlicher Puritaner

England war zu dieser Zeit in den Bürgerkrieg von 1642-1651 verwickelt, jener Krieg, der vorübergehend sogar zum Sturz der Monarchie führte. Dank Gottes Vorsehung lernte Owen die führenden Persönlichkeiten in Oliver Cromwells New Model Army kennen (er wollte Cromwell selbst als Kaplan dienen, scheint aber später maßgeblich dazu beigetragen zu haben, ihn von der Annahme der Krone abzubringen). Er wurde regelmäßig eingeladen, um vor dem Parlament zu predigen – tatsächlich predigte er dort am 31. Januar 1649, einen Tag nach der Hinrichtung Charles I.

Aufgrund seiner erstaunlichen Fähigkeiten wuchs auch John Owens Bekanntheit; und so wurde er zum Dekan der Christ Church der Universität Oxford ernannt und 1652 sogar zum Vizekanzler (Präsidenten) der gesamten Universität. Abwechselnd predigten er und Thomas Goodwin zu den jungen Studenten. Gemessen an dem heutigen Verständnis von Jugendarbeit ist es verblüffend, dass Owens berühmtes Werk »Von der Abtötung der Sünde« – im Verlag Voice of Hope erschienen als »Was jeder Christ wissen muss …«  – ursprünglich an Jugendliche gerichtet war! Aber Owen wusste, was er tat.

Während dieser Periode wurde England vom Lordprotektor Cromwell geführt. Allerdings nicht für lange Zeit. Cromwell starb 1658, und sein Sohn und Nachfolger Richard besaß nur wenig von den Führungsqualitäten seines Vaters. 1660 wurde die Monarchie wieder eingeführt, und innerhalb von zwei Jahren wurden nonkonformistische Geistliche wie Owen aus ihrem Dienst entlassen. Größtenteils war er nun im öffentlichen Leben unerwünscht – obwohl seine intellektuellen Fähigkeiten gelegentlich noch als nützlich angesehen wurden. Doch eine Einladung der First Church of Boston in Massachusetts lehnte er ab.

In den Folgejahren wurde Owen von einflussreichen Freunden unterstützt und diente heimlich als Geistlicher. Erst die Duldungserklärung in den 1670ern ermöglichte es ihm, wieder ein öffentliches Amt zu bekleiden. Dies tat er in London, zuerst in einer kleinen Gemeinde, bestehend aus einigen Dutzend seiner alten Freunde. Später schlossen sie sich einer größeren Gemeinde an. (Nebenbei bemerkt glaubte er, dass die ideale Größe einer Gemeinde 300 Mitglieder ausmache). Hier blieb er bis zu seinem Tod am 24. August 1683. Sein Grab befindet sich in Bunhill Fields in London (wo auch Thomas Goodwin, John Bunyan, Isaac Watts und andere Dissidenten der Kirche von England auf ihre Auferstehung warten).

 

Eine Hinterlassenschaft von sieben Millionen Wörtern

Viele Puritaner führten Tagebuch. Sofern John Owen dazugehörte, ist es entweder verlorengegangen oder (was wahrscheinlicher ist) vernichtet worden. Wir können nur vermuten, welche Abenteuer es wohl beinhaltete. Hier war jemand, der sich unter den Reichen und Berühmten aufhielt, als Ratgeber der politischen und militärischen Führer seiner Tage. Er kannte John Bunyan und war vermutlich einer der ersten, der Die Pilgerreise gelesen hatte, denn er empfahl das Buch seinem eigenen Verleger, Nathaniel Ponder (der schließlich als »Bunyan Ponder« bekannt wurde, weil sich das Buch so gut verkaufte).

Wie liest sich wohl das Tagebuch eines Christen, der seine Frau und zehn seiner elf Kinder verlor? Hat er die Ereignisse des 30. Januar 1649 aufgezeichnet, als König Charles I. öffentlich hingerichtet wurde? War er überhaupt anwesend, so wie Philip Henry – der Vater des berühmten Bibelauslegers Matthew Henry –, der das »düstere Stöhnen« kommentierte, das aus der Menge kam und von dem er hoffte, dass er es nie wieder hören würde? Oder war der 32-jährige Prediger zu sehr damit beschäftigt, die Predigt für den kommenden Tag vorzubereiten, die er vor den Mitgliedern des Parlaments halten würde, die für die Verurteilung des Königs verantwortlich gewesen waren? Und wie hat der ältere John Owen wohl den Moment beschrieben, als während einer privaten Bibelstunde plötzlich bewaffnete Soldaten ins Haus eindrangen? Wie entmutigend muss es für den größten englischen Theologen seiner Tage oder aller Zeiten gewesen sein, einer Gemeinde zu predigen, die aus weniger als fünfzig Mitgliedern bestand? Wenn wir dies wüssten, was könnten wir daraus lernen?

Doch Owen zeigte kein großes Interesse, diese persönlichen Details mitzuteilen. Stattdessen hinterließ er – in insgesamt 24 Bänden, die voll von biblischer Auslegung sind – geistliche und pastorale Theologie. Dies war die Frucht seines reichen Lebens. John Owen war jemand, dessen Geist durch die Schrift erleuchtet war. Seine Hingabe galt Christus. Sein Wille ordnete sich dem Heiligen Geist unter, und sein ganzes Leben lang bekämpfte er seine eigene Sünde und sorgte sich um die Gemeinden. Sein Erbe umfasst sieben Millionen Wörter, die von der Dreieinigkeit gesättigt sind, Christus in den Mittelpunkt stellen, den Heiligen Geist ehren, das Herz durchforschen, Irrtümer korrigieren, die Gemeinde erbauen, die Gnadenmittel erklären und biblische und theologische Auslegungen beinhalten. Dass er mit den Schreibmöglichkeiten des siebzehnten Jahrhunderts so viele Werke schreiben konnte, ist an sich schon ein Wunder.

Angesichts all dessen besteht kaum ein Zweifel, dass er erstaunt gewesen wäre, zu entdecken, dass sein Name heute bekannter ist und seine Schriften weiter verbreitet sind als zu seinen Lebzeiten.

 

Ein Theologe der Dreieinigkeit

Wie kommt es, dass Owen heute »noch [redet], obwohl er gestorben ist« (Hebr. 11,4)? Dafür gibt es sowohl offensichtliche als auch verborgene Gründe. Die offensichtlichen Gründe sind diese:

Owen schrieb als jemand, der Gott persönlich kannte. Nirgendwo ist dies besser ersichtlich als in seinem Werk On Communion with God the Trinity (zu dt.: Über die Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott). Hier erklärt er ein sehr einfaches Prinzip, das von großer Bedeutung für die Anbetung und das Leben ist: Alles, was der dreieinige Gott tut, das tut Er als ein Herr. Und dennoch hat jede Person der Dreieinigkeit eine unterschiedliche Rolle in der Schöpfung, Erlösung und Wiederherstellung. Der Vater sendet den Sohn; der Sohn stirbt für Sein Volk; der Heilige Geist wendet dies auf die Gläubigen an. Wir preisen den Vater für die Sendung des Sohnes; wir preisen den Sohn (nicht den Vater oder den Geist), dass Er für uns starb; wir preisen den Heiligen Geist dafür, dass Er den Sohn verherrlicht. Wenn wir dies tun, dann dämmert es uns, wie multidimensional, wie einheitlich und doch vielfältig das Werk der Dreieinigkeit ist. Wie wunderbar ist es doch, zu jeder Person der Dreieinigkeit eine bestimmte Beziehung zu pflegen wegen dem, was sie für uns getan hat, während wir gleichzeitig Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott haben. Dies ist ein Geheimnis; aber es erweitert unsere Erfahrung, Ihn zu lieben, zu loben, Ihm zu vertrauen, zu dienen, Ihn zu verherrlichen und uns an Ihm zu erfreuen. Die Anbetung wird dadurch genährt, und das Christenleben wird ein Privileg von großem Ausmaß.

Dann schrieb Owen als jemand, der Christus gut kannte. Seine Auslegung von »Die Herrlichkeit Christi« ist buchstäblich einzigartig in der christlichen Literatur. Dennoch erkannte er wie viele andere vor ihm, dass er lediglich einen kleinen Aspekt von Christus beleuchtet hatte. An dem Tag, an dem er starb, informierte ihn ein Freund, dass das Buch auf dem Weg zur Veröffentlichung sei. Owens Antwort? »Ich freue mich, das zu hören; aber, o Bruder, … der langersehnte Tag ist nun endlich gekommen, an dem ich die Herrlichkeit auf eine Weise sehen werde, wie ich es niemals in dieser Welt getan habe oder es mir möglich gewesen wäre.«

In »Der Heilige Geist« gab er der Gemeinde auch eine der besten Auslegungen über die Person und das Wirken des Heiligen Geistes. Die Tatsache, dass so viele Christen immer noch denken, dass die Bedeutung vom Wesen und Werk des Heiligen Geistes erst vor kurzem wiederentdeckt worden sei, ist nur ein weiterer Beweis dafür, wie wenig wir doch unsere eigene Geschichte kennen. Und es gibt gute Neuigkeiten: Owens Ausführungen über den Heiligen Geist sind leicht lesbar!

Doch Owen kannte auch das menschliche Herz sehr gut. Er empfand die forschenden Strahlen von Gottes Wort in seiner eigenen Seele, wie sie die Sünde aufspürten, die in seinem Herzen lauerte. Dies ermöglichte ihm, ein weiser »Seelenarzt« zu werden. Trotzdem schaffte er es zugleich, den wahrscheinlich längsten technisch-exegetischen und theologisch-pastoralen Kommentar zum Hebräerbrief zu schreiben, der jemals verfasst wurde – insgesamt viertausend Seiten!

 

Ein leidender Gelehrter

Aber es gibt auch noch verborgene Gründe, warum Owens Einfluss anhält. Owens eigener Hintergrund hilft uns zu verstehen, warum wir etwas in seinen Schriften entdecken, das wir kaum noch in zeitgenössischen Büchern finden: Seine Bücher enthalten große Gelehrsamkeit und tiefgründige Gedanken, aber diese sind gepaart mit geistlicher Erkenntnis aus einzigartiger persönlicher Erfahrung.

Owen war ein Mann mit außergewöhnlichen intellektuellen Fähigkeiten, der, obwohl er von Kindesbeinen an die reformierte Theologie eingesogen hat, dennoch der Freude in Gott ermangelte, die mit der Gewissheit des Heils einhergeht. Aber Gott segnete diesen Mann und demütigte ihn, indem er das lebensverändernde Wort von einem »Niemand« empfing.

Er war ein Mann, der nahezu all seinen geliebten irdischen Besitz verlor – seine Frau und seine Kinder; ein Prediger, der in seinen frühen Jahren eine große Gemeinde begleitete und ein national anerkannter Prediger einer großen Universität war, aber dessen spätere Gemeinde klein war und teilweise buchstäblich im Untergrund lebte.

Er war jemand, der es gewohnt war, sich unter militärischen Generälen, Politikern und dem Adel zu bewegen, der es aber liebte, John Bunyan zu beherbergen und ihn predigen zu hören. Als er von König Charles II. gefragt wurde, warum er »diesem Kesselflicker« zuhörte, antworte er: »Eure Majestät, wenn ich die Fähigkeit zu predigen von diesem Kesselflicker besäße, dann würde ich freudig all meine Gelehrsamkeit dafür hergeben.« Er war ein Mann, der es mit jedem großen Intellektuellen seiner Tage aufnehmen konnte, der aber gleichzeitig das Wort Gottes Teenagern, verfolgten Gläubigen und Abgeordneten des Parlaments erklären konnte.

 

Eine brennende und scheinende Leuchte

John Owen kannte Gott und erlebte Seine Hand über seinem Leben. Deshalb informieren und erweitern Owens Schriften auch heute noch die Gedanken und Seelen der fähigsten Theologen und Geistlichen, während sie gleichzeitig dem gewöhnlichen Gläubigen von Nutzen sind. Aus diesem Grund können wir heute den Worten von Owens Assistent, David Clarkson, zustimmen, die dieser auf Owens Beerdigung sprach:

»Eine große Leuchte ist gefallen; ein Beispiel der Heiligkeit und Gelehrsamkeit; ein Pastor, ein Gelehrter, ein Geistlicher von einzigartiger Größe; seine Heiligkeit gab seinen anderen Errungenschaften einen göttlichen Glanz; sie leuchtete in seinen Studien auf und verbreitete sich in seinen Gesprächen. Ich muss Ihnen, die ihn kannten, nichts davon erzählen, dass es sein großer Wunsch war, die Heiligkeit in Kraft, im Leben und in der Ausübung des Dienstes unter Ihnen zu fördern. Es war seine Sorge und sein Bestreben, geistlichen Verfall in seiner eigenen Herde zu verhindern oder zu heilen. Er war eine brennende und scheinende Leuchte, und für eine Weile habt ihr euch in seinem Licht gesonnt. Aber ach, es war nur für eine Weile, und wir können uns jetzt nicht länger daran erfreuen.« (David Clarkson)

Clarkson hat gut und richtig gesprochen – vielleicht den letzten Satz ausgenommen. Denn im Grunde hat Owen ein Licht auf die Majestät Gottes geworfen, auf die Freundlichkeit des Vaters, die Herrlichkeit des Herrn Jesus Christus, den inwendigen Dienst des Heiligen Geistes, die Sündhaftigkeit der Sünde, die Größe der Gnade, die Privilegien des Christenlebens und die Herrlichkeit, die uns noch erwartet. Er war tatsächlich, wie Johannes der Täufer, die brennende und scheinende Leuchte. Und wir können und sollten uns immer noch daran erfreuen.

 


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Evangelium 21

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John Owen – bestrebt, die Sünde mit der Feder zu töten

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