Ein wahrer Christ & Evangelist

Autor: Ian Hamilton

In diesem Artikel werden wir über ein Leben nachdenken, das Gott dazu benutzte, im 18. Jahrhundert Zehntausende zu prägen – das Leben von George Whitefield. Ich erinnere mich lebhaft daran, wie ich das Leben und den Dienst dieses bemerkenswerten Mannes kennenlernte. Es war 1970, und ich war ein junger Christ, als ein Freund mich anlässlich des zweihundertsten Todestages Whitefields zu einem Vortrag mitnahm. Über eine Stunde lang hörte ich von Whitefields früherem Leben, seiner Bekehrung in Oxford, seinen sieben Besuchen in Amerika und seinen vielen Besuchen in Schottland und anderen Teilen des Vereinigten Königreichs. Von Anfang bis Ende war ich gepackt, denn ich hörte von einem Mann, der die Ozeane und ganz Großbritannien durchquerte. Wenn ich über die Bedeutung von Whitefields Leben nachdenke, fallen mir zwei Dinge auf. 

Whitefield war ein wahrer Christ

Als er Howell Harris, dem sehr engagierten walisischen Evangelisten, zum ersten Mal vorgestellt wurde, fragte Whitefield ihn: »Weißt du, dass deine Sünden vergeben sind?« Er hätte seine Erfolge im Dienst, die Art und Weise, wie die Kirche von England ihn behandelte, seinen gemeinsamen Dienst mit John Wesley, seine Zukunftspläne oder eine Reihe anderer Themen zur Sprache bringen können. Doch Whitefield fragte Harris ganz direkt nach der Vergebung seiner Sünden.

Ich glaube, hier muss jede Bewertung von Whitefield ansetzen. Whitefield hat nie versucht, sein Bekenntnis zum reformierten Glauben, das in neununddreißig Artikeln niedergeschrieben wurde, zu verbergen. Doch vor allem war er ein aufrichtiger Christ, ein wiedergeborener Sünder, ein neuer Mensch in Christus.

Während seiner Zeit in Oxford hatte Whitefield die Gnade Gottes in der Wiedergeburt erfahren. Von diesem Moment an glaubte Whitefield, dass es die Berufung seines Lebens sei, Christus zu predigen, und zwar als Gekreuzigten. Es war diese Überzeugung, die es Whitefield ermöglichte, überall zu predigen, wo man ihn darum bat. Als die Sezessionskirche in Schottland Whitefield einlud, in ihren Gemeinden zu predigen, stimmte er bereitwillig ein. Als er auch Einladungen annahm, auf Kanzeln der Church of Scotland zu predigen, stellten ihm die Mitglieder der Sezessionskirche ein Ultimatum: »Wenn du dort predigst, kannst du nicht hier predigen«. Whitefield schrieb in seinem Magazin: »Die Vereinigten Presbyterianer sind so eng, dass sie mich nicht einmal predigen hören wollen, es sei denn, ich schließe mich ihnen an«. Whitefield fuhr fort: »Ich fragte, warum ausschließlich für sie? Mr. Ralph Erskine antwortete, sie seien das Volk des Herrn.« Ich fragte sie dann, ob außer ihnen niemand anderes zum Volk des Herrn gehöre. Und angenommen, alle anderen wären das Volk des Teufels, dann hätten sie es sicherlich nötiger, gepredigt zu bekommen; und deshalb war ich mehr und mehr entschlossen, auf die Straßen und an die Hecken und Zäune hinauszugehen«.

Whitefield war ein Evangelist

Vom Augenblick seiner Bekehrung an bis zum Tag vor seinem Tod gab sich Whitefield mit Leib und Seele der Evangelisation hin. Er reiste unermüdlich, überquerte dreizehn Mal den Atlantik und reiste vierzehn Mal nach Schottland.

Sowohl damals als auch später schrieben viele, dass Whitefield ein lebhafter und begnadigter Redner war. Sarah Edwards, Jonathan Edwards Frau, schrieb in einem Brief an ihren Bruder James Pierpont: »Er [Whitefield] ist ein von Gott begabter Redner. Du hast bereits von seiner tiefen, doch klaren und melodischen Stimme gehört. Es ist perfekte Musik … Er ist ein sehr hingegebener und gottesfürchtiger Mann, und sein einziges Ziel scheint es zu sein, die Menschen auf die bestmögliche Weise zu erreichen und zu bewegen. Er spricht aus einem Herzen, das vor Liebe glüht, und er ergießt einen Strom von Beredsamkeit, der fast unwiderstehlich ist.«

Es wäre jedoch extrem falsch, die Bekehrung Tausender unter Whitefields Predigt auf seine Stimme und sein Verhalten zurückzuführen. Ein so ruhiger und besonnener Beobachter wie Jonathan Edwards schrieb an einen Freund, Thomas Prince, über die Auswirkungen von Whitefields Predigten auf ihn selbst und seine Gemeinde:

»Er hielt hier vier Predigten im Versammlungshaus … Die Gemeinde war durch jede Predigt zutiefst erschüttert; fast die ganze Versammlung war während der Predigten die meiste Zeit in Tränen aufgelöst. Die Predigten von Mr. Whitefield passten zu den Umständen der Stadt. Sie enthielten nur Vorwürfe über unseren Rückfall und nutzten auf sehr bewegende und ergreifende Weise unser großes Bekenntnis und unsere große Gnade als Begründung dafür, zu Gott zurückzukehren, von dem wir uns entfernt hatten … Die Erweckung geschah zunächst hauptsächlich unter den Predigern und denjenigen, die die Hoffnung hegten, sich in einem Zustand der Gnade zu befinden. Aber nach sehr kurzer Zeit gab es unter einigen jungen Menschen, die sich selbst als in einem christuslosen Zustand erkannten, eine Erweckung und tiefe Besorgnis; und es gab einige hoffnungsvolle Anzeichen von Bekehrungen, und einige Lehrer wurden außerordentlich erweckt. Nach etwa einem Monat oder sechs Wochen gab es eine große Veränderung in der Stadt, sowohl was die Erweckung von Lehrern als auch die Erweckung anderer betraf.«1

Das »Geheimnis« des bemerkenswerten Einflusses von Whitefield auf Menschen aus so unterschiedlichen Orten wie London, den Kohlerevieren von Bristol, Cambuslang in Schottland und Neuengland lässt sich nicht auf natürliche Weise erklären. Die »außergewöhnliche Erschütterung« war der Gegenwart und Kraft des Heiligen Geistes zu verdanken. Was der Geist an Pfingsten vollbrachte, war kein einmaliges Phänomen. Sicher lag eine erlösende historische Einmaligkeit in jener mächtigen Ausgießung. Jedoch sollte jene Zeit der Erquickung ein Vorbote der nachfolgenden Zeiten der Erquickung für die Gemeinde und der Erweckung für die Welt durch die Gegenwart des Herrn sein (siehe Apg. 3,19-20).

Was wir von ihm lernen …

Als Erstes müssen wir lernen, uns wie Whitefield auf das Wesentliche zu konzentrieren. Diese Worte von Richard Baxter in »Das Predigeramt aus Sicht eines Puritaners«2 sollten in die Herzen und Köpfe der Prediger des Evangeliums eingebrannt werden: »O meine Herren, wie deutlich, wie eingehend, wie ernsthaft sollten wir eine Botschaft in einer solchen Situation wie der unseren überbringen! Im Namen Gottes, liebe Brüder, arbeitet hart daran, eure eigenen Herzen zu erwecken, bevor ihr auf die Kanzel geht, damit ihr in der Lage seid, die Herzen der Sünder zu erwecken … Denkt daran, sie müssen erweckt werden, sonst werden sie verdammt … Sprecht zu euren Leuten als zu Menschen, die aufwachen müssen, entweder hier oder in der Hölle.«

Zweitens macht Iain Murray in seiner Biographie von Jonathan Edwards diesen wertvollen Kommentar: 

»Die vielleicht größte praktische Lektion aus der Erweckung von 1735 für die Kanzel unserer Tage ist, dass, wenn Prediger und Gemeindeleiter mit Gleichgültigkeit und Unbekümmertheit zu tun haben, sie bloße Luftstreiche machen (1.Kor. 9,26), es sei denn, sie beginnen damit, womit der Heilige Geist beginnt: ›Wenn jener kommt, wird Er die Welt überführen von Sünde und von Gerechtigkeit und vom Gericht‹ (Johannes 16,8)3 

In unseren verschiedenen Diensten – und alle Christen haben Dienste und Aufgaben – müssen wir nicht nur in betender Abhängigkeit vom Heiligen Geist handeln, sondern auch Seinem Vorbild des Evangeliumszeugnisses folgen, wie es Jesus in Johannes 16,8 hervorgehoben hat.

Als John Knox gebeten wurde, die rasche Entwicklung der schottischen Reformation zu erklären, antwortete er: »Gott gab einfachen Menschen Seinen Heiligen Geist in großer Fülle.« Das ist das große Bedürfnis der heutigen Gemeinde.


1 Letters and Personal Writings, WJE Online Vol. 16, im Jonathan Edwards Center, Yale University.
2 Richard Baxter »Das Predigeramt aus Sicht eines Puritaners«, 3L-Verlag
3 Iain H. Murray, Jonathan Edwards: Ein Lehrer der Gnade und die Große Erweckung, CLV

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