Die Verführung dieser Welt

Diese Welt ist verführerisch. Sie versucht, unsere Aufmerksamkeit und unsere Zuneigung auf sich zu lenken. Sie ist so greifbar nahe, so sichtbar, so verlockend. Sie verdeckt uns den Blick auf den Himmel. Was sichtbar ist, das wetteifert um unsere Aufmerksamkeit. Es verführt unsere Augen und hindert uns daran, nach einem besseren Land Ausschau zu halten, dessen Erbauer und Schöpfer Gott ist. Die Welt gefällt uns – die meiste Zeit zumindest –, und leider verbringen wir unser Leben oft in dem Bestreben, ihr zu gefallen. Genau daraus entsteht der Konflikt; denn das, was der Welt gefällt, deckt sich selten mit dem, was Gott gefällt. 

Der göttliche Ruf, der an uns ergeht, lautet: »Passt euch nicht diesem Weltlauf an« (Röm. 12,2). Doch die Welt möchte uns zu ihren Partnern machen. Wir werden gedrängt, uns an ihrer ganzen Fülle zu beteiligen. Sie setzt uns mit der äußersten Macht des Gruppenzwangs unter Druck. 

 

Das magische Wort „Beliebtheit“

Erinnern Sie sich noch an die Ängste, die wir alle als Teenager erlebten? Unser Selbstwertgefühl, unser Ansehen, wurde an einem einzigen magischen Wort, an einem einzigen, alles umfassenden Maßstab gemessen: an der Beliebtheit. Ich erinnere mich, wie ich in Pittsburgh ein Kaufhaus betrat, um Schuhe zu kaufen. Ich war damals in der sechsten Klasse. Meine Mutter drückte mich in der Schuhabteilung auf eine Bank. Während der Verkäufer mir Schuhe zeigte, fragte er mich, wie es mir so in der Schule gehe. Ich platzte heraus: »Ich bin der beliebteste Junge der ganzen Klasse!« 

Meine Mutter war entsetzt. Sie belehrte mich in Sachen Tugend und Demut. Sie schärfte mir ein, dass meine Prahlerei von allerübelstem Charakter sei. Alles umsonst. Für mich zählte nur, ob meine Behauptung stimmte oder nicht. Ich wollte glauben, dass ich der beliebteste Junge der Klasse sei. In meiner Vorstellung als Sechstklässler war das die entscheidende Frage des Lebens. Oh, natürlich wollte ich, dass meine Eltern mich liebten und meine Schwester stolz auf mich sei, aber das Ziel meiner Existenz war: Beliebtheit. 

An der Beliebtheit hing ein Preisschild. Ich musste mich anpassen. Ich musste »mit von der Partie« sein. Ich musste die richtigen Klamotten tragen, meine Haare in der richtigen Art frisieren, musste die Texte der richtigen Popsongs kennen. Um meine Männlichkeit zu beweisen, musste ich die entsprechenden Rituale erfüllen, musste Wagnisse eingehen. Es galt zu beweisen, dass ich eine Illustrierte oder einen Schokoriegel aus dem Supermarkt »mitgehen« lassen konnte, ohne geschnappt zu werden. Ich musste an spätabendlichen Streifzügen teilnehmen, bei denen man von der Polizei verfolgt werden konnte. Ich hatte meinen Lehrern Streiche zu spielen. Ich musste mir die Kunst von sinnlosem Vandalismus aneignen. Ich räuberte Mrs. Daughberts Zwiebelbeet aus, und dabei mochte ich gar keine Zwiebeln. Ich klaute dem alten Nick Green Trauben aus seinem Weingarten, während er selbst eine Reihe weiter damit beschäftigt war, Trauben zu pflücken. Ich lernte, Linda Huffingtons Hausaufgaben abzuschreiben und an meine Kumpel weiterzuschleusen. Diese und viele andere Dummheiten gehörten zum Preis, den das Geheimnis der Beliebtheit von einem forderte. 

 

Die Spielchen ändern sich mit den Jahren…

Aber so etwas vergeht ja mit zunehmender Reife. Oder etwa nicht? Die Spielchen ändern sich. Die Testverfahren sind anders. Die Preisschilder sind anders, denn nun ist alles teurer. Doch es geht um dasselbe Ziel: Wir wollen immer noch beliebt sein. 

In der neunten Klasse entdeckte ich eine neue Art, mich beliebt zu machen: durch Sport. Ich war der Kapitän der Basketballmannschaft. Meine gesamte Welt drehte sich nur noch darum. Die Pittsburgher Post Gazette berichtete nicht über unsere Spiele. Ich gelangte nicht auf die Titelseite des illustrierten Sportmagazins. Doch in meiner eigenen kleinen Welt war ich ein Held. Wenn wir gewannen, hörte ich die Cheerleader rufen: »Sproul, Sproul, er ist unser Mann; keiner schafft‘s, wenn er’s nicht kann.« 

Ich liebte die Tage in der Schule, nachdem unsere Mannschaft ein Spiel gewonnen hatte. Wenn wir durch die Eingangshalle in unsere Klasse gingen, lächelte mich jeder Student an und rief mich beim Namen. Im Speisesaal baten die Mädchen aus der siebten Klasse mich um ein Autogramm auf ihren Servietten. Wenn wir verloren hatten, sah die Sache ganz anders aus. In der Halle senkte ich den Kopf, um den wütenden Blicken auszuweichen. Tränen stahlen sich aus meinen Augenwinkeln und zeichneten sich auf meinem Kissen ab, wenn ich einzuschlafen versuchte, während mir die Buh-Rufe noch in den Ohren hallten. Nach verlorenen Spielen hielt ich mich von allen fern. 

 

Eine bleibende verführerische Macht im Leben

Ich lernte zwar sehr bald, nicht auf die Jubelrufe der Menge zu vertrauen. Aber nie lernte ich, sie zu verachten. Sie bleiben eine verführerische Kraft in meinem Leben. Ich kämpfe immer noch mit dem Wunsch, Menschen zu gefallen. Ich kämpfe immer noch mit dem Geheimnis der Beliebtheit. Ich hasse es immer noch, ausgebuht zu werden.

Sich diesem Weltlauf anzupassen bedeutet, sich in die Formen und Strukturen dieser Welt einzufügen. Es bedeutet, das zu tun, was beliebt ist. Der Konflikt ist folgender: Was bei den Menschen beliebt ist, ist nicht immer bei Gott beliebt. Gott zu gefallen bedeutet nicht immer, den Menschen zu gefallen. Manchmal müssen wir eine klare Entscheidung treffen, wem wir gefallen wollen. Dies ist ein täglicher Kampf im Leben eines Christen. 

In jeder Generation und in jeder Kultur gibt es einen vorherrschenden »Geist«. Die Deutschen prägten einen Begriff dafür: Zeitgeist. Man spricht dabei vom »Geist der Zeit« oder »Geist des Zeitalters«. 

Der Zeitgeist, mit dem die Christen heute konfrontiert sind, ist der des Säkularismus, der Verweltlichung. Der Schwerpunkt liegt auf dieser Welt, auf dieser Zeit. Es wird nur wenig Aufmerksamkeit auf Dinge verwendet, die über und jenseits dieser Welt liegen. Über die Ewigkeit wird selten nachgedacht, es sei denn für wenige Augenblicke, an einem Grab. Was zählt, ist das Hier und Jetzt. Für den Augenblick zu leben, für den gegenwärtigen Genuss, das ist das Bestreben in der heutigen Zeit.

Der säkulare Geist dieser Welt hat seine eigenen modernen Trends und Schwerpunkte, aber im Wesentlichen ist er nicht neu. Jede Generation hatte ihre eigene Form der Säkularisierung. Wir sind erdverbundene Geschöpfe. Unser Augenmerk gilt dieser Welt. 

Genauso war es auch zur Zeit Jesu. Immer wieder rief Er Seine Jünger auf, über die Gegenwart hinauszublicken. Er lenkte ihre Augen auf das Ewige. »Sammelt euch vielmehr Schätze im Himmel«, sagte Er (Mt. 6,20). Er forderte sie auf, die Dinge im Licht der Ewigkeit abzuwägen: »Denn was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber sein Leben verliert?« (Mt. 16,26). 

Die Welt oder die Seele? Der Welt gefallen oder Gott gefallen? Vor dieser Entscheidung steht jede einzelne Generation. Sich dieser Welt anzupassen bedeutet, den Verlust der ewigen Seele zu riskieren. Die Welt legt wenig Wert auf die Seele. »Ein Spatz (Körper) in der Hand ist besser als die Taube (Seele) auf dem Dach«, dem Zeitgeist unserer Generation entsprechend.  Der Geist der Welt lädt uns ein, jetzt zu spielen und später zu bezahlen. Dies ist die populäre Art zu leben. 

 

Das Risiko gegen den Strom zu schwimmen

Wenn der Christ der Verführung dieser Welt widerstehen will, muss er das Risiko wagen, gegen den Strom zu schwimmen. Er muss dazu bereit sein, die Anerkennung der Menschen zu verlieren, um die Anerkennung Gottes zu gewinnen. Deshalb sagte Jesus: »Glückselig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und lügnerisch jegliches böse Wort gegen euch reden um Meinetwillen! Freut euch und jubelt, denn euer Lohn ist groß im Himmel« (Mt. 5,11-12).

Das Schlüsselwort in dieser Seligpreisung lautet »um Meinetwillen«. Die Unangepasstheit, zu der wir berufen sind, ist keine Unangepasstheit um ihrer selbst willen. Jeder kann die Aufmerksamkeit auf sich lenken, indem er sich zum Außenseiter macht. Es ist das »um Meinetwillen«, das billige Unangepasstheit von der echten unterscheidet. Willkürlich »out« zu sein, das hat nichts Tugendhaftes an sich. Unsere Unangepasstheit muss gezielt sein. Sie muss auf die Punkte bezogen sein, auf die es ankommt. 

Es ist leicht, Unangepasstheit zu verflachen. Wir können sie auf simple Äußerlichkeiten reduzieren, wie es die Pharisäer taten. Wahre Unangepasstheit beruht aber auf Verwandlung. Der Apostel Paulus ergänzt den negativen Imperativ mit einem positiven Gebot: »Und passt euch nicht diesem Weltlauf an, sondern lasst euch [in eurem Wesen] verwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes« (Röm. 12,2). 

 

Nicht vor dieser Welt fliehen!

Für Christen genügt es nicht, aus der Gesellschaft auszusteigen. Die Aufforderung zur Erneuerung und Verwandlung bedeutet keinen Rückzug aus der Welt. Wir brauchen keine weiteren Klöster. Wir müssen über die Formen dieser Welt hinausgehen. Die Perspektive Jesu liegt außerhalb der Formen dieser Welt. Wir sollen uns weder der Welt hingeben noch vor ihr fliehen. Wir sollen die Welt mit einem neuen und anderen Geist durchdringen. 

Es gibt einen veralteten christlichen Spruch, der durch seinen Gebrauch zum Klischee geworden ist: »Wir sollen in der Welt, aber nicht von der Welt sein.« Von der Welt zu sein bedeutet, weltlich gesinnt zu sein, sich dieser Welt anzupassen. Aus der Welt auszusteigen heißt, ein Außenseiter ohne Verwandlung, ohne Erneuerung zu sein.

Der Schauplatz der Erlösung Gottes ist diese Welt. Diese Welt ist es, in die Gott in Christus kam. Christus ließ es nicht zu, dass Seine Jünger sich aus Angst hinter verschlossenen Türen in einem Obersaal versteckt hielten. Auf dem Berg der Verklärung durften keine Hütten gebaut werden. Wir sind berufen, in Jerusalem, Judäa, Samaria und bis an die Enden der Erde Zeugen Christi zu sein (Apg. 1,8). Jerusalem ist in dieser Welt. Judäa ist in dieser Welt. Samaria ist in dieser Welt. Die Enden der Erde sind immer noch in dieser Welt. Wir sollten also nicht vor dieser Welt fliehen. Aber oh wie viele Christen versuchen, genau das zu tun! Und indem sie das tun, werden sie dem Gott missfallen, der die Erlösung der Welt und nicht die Flucht vor ihr wünscht.


Aus dem Buch: »Gott wohlgefällig Leben« von R.C. Sproul

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Die Verführung dieser Welt

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