Paulus – Sklave und berufener Apostel

19 Februar, 2026

Kategorie: Bücher, Erbauung

Bibelbuch: Römer

Paulus – Sklave und berufener Apostel
 

Paulus, Knecht Jesu Christi (Römer 1,1)

Während meines Studiums sah ich einst ein Manuskript von Marcus Barth, das sich auf etwa 168 Seiten mit diesen wenigen Worten beschäftigte: Paulus, Knecht Jesu Christi …

Im griechischen Text verwendet der Apostel hier das Wort »doulos«, das mit »Knecht« nicht richtig übersetzt ist. Ein Knecht war in der Antike eine angestellte Arbeitskraft, eine Person, die nach Belieben kommen und gehen konnte, die von einer Arbeitsstelle kündigen und sich eine neue Anstellung suchen konnte, wenn sie dazu Lust hatte. Doch ein doulos war ein Sklave, der einem kyrios, einem Meister, Gebieter oder Herrn gehörte. Häufig wird im Neuen Testament diese Art von Bildern verwendet, um die Beziehung zwischen Christus und Seinem Volk darzustellen: »Ihr [gehört] nicht euch selbst; denn ihr seid teuer erkauft« (1.Kor. 6,19-20). Christen sind solche, die Christus angehören. Er ist unser Herr, Er ist unser Kyrios, Er ist unser Meister (Joh. 13,14).

Paulus erläutert im Römerbrief, dass der Mensch außerhalb von Christus in der Knechtschaft der Sünde und ein Sklave seiner eigenen bösen Triebe, Neigungen und Begierden ist. Das ist der natürliche Zustand des Menschen in seinem gefallenen Wesen. Doch Paulus schrieb an anderer Stelle, dass dort, wo der Geist des Herrn ist, wo der Geist des Kyrios ist, wo der Geist des Meisters ist, Freiheit herrscht (2.Kor. 3,17). Wie sind diese Wahrheiten miteinander in Einklang zu bringen?

Paulus hatte gelernt, dass der Mensch nur dann frei ist, wenn er ein Sklave Christi wird. Außerhalb von Christus ist er ein Sklave der Sünde; wenn er aber versklavt ist an Christus, kennt er die königliche Freiheit, die nur Christus bringen kann. Unter Berufung auf seine eigenen Zeugnisse erachtet Paulus es als seinen höchsten Vorzug, dass er ein Sklave Jesu Christi ist.

Berufener Apostel (Römer 1,1)

Nachdem sich Paulus selbst als Sklave Jesu Christi ausgewiesen hat, schreibt er auch, dass er ein berufener Apostel ist. Der Begriff »Berufung«, wie auch das Verb »rufen« oder »berufen« wird in der Bibel auf viele verschiedene Arten verwendet, so wie auch wir es heute in unserem eigenen Wortschatz auf unterschiedliche Weise verwenden. Zum Beispiel kann das Verb »rufen« einfach bedeuten, dass jemand ruft. Natürlich gibt es im Neuen Testament eine Reihe von schwerwiegenderen und wichtigeren Bedeutungen dieses Verbs, insbesondere drei:

Zunächst gibt es Gottes Aufruf an die Sünder, Buße zu tun. In gewissem Sinne ist dieser Aufruf Gottes bereits im Evangelium selbst enthalten, denn im Evangelium ruft Gott die Menschen zur Buße auf. Dieses Verständnis von »Ruf« als Aufruf weist auf einen göttlichen Befehl hin; für ihre Antwort darauf werden die Menschen von Gott zur Rechenschaft gezogen. Wenn das Evangelium verkündigt wird, ergeht ein Aufruf, dass alle Menschen überall Buße tun und zu Christus kommen sollen.

In der heutigen christlichen Gemeinde herrscht jedoch in dieser Frage eine gewisse Verwirrung. Evangelisten beenden eine Ansprache regelmäßig mit einem Aufruf an die Zuhörer, der sie zu einer Reaktion auffordert, und dieser Aufruf zur Hingabe wird oftmals als eine Einladung bezeichnet. Doch das Konzept einer Einladung birgt das moralische Recht in sich, die Einladung anzunehmen oder abzulehnen. Wenn mich jemand einlädt, etwas zu tun, so ist das nicht dasselbe wie ein Befehl, etwas zu tun.

Eine solche Einladung ist eindeutig nicht der Ruf des Evangeliums. Gott lädt die Menschen nicht ein, Buße zu tun; Er gebietet es ihnen (Apg. 17,30). Dieser Gebrauch des Wortes »Einladung« hat mich immer verwirrt. Vielleicht wird es in der Absicht verwendet, den Schlag des Evangeliums auf den modernen Menschen abzufedern, um etwas von der Ablehnung abzubauen, die entsteht, wenn man Menschen sagt, dass sie Sünder sind, die der Buße bedürfen, dass sie moralisch verpflichtet sind, ihr Leben zu ändern und sich Christus zu übergeben.

Dieser »äußere« Ruf, bei dem Gott den Menschen befiehlt, im Glauben und in der Buße zu Christus zu kommen, ist von entscheidender Bedeutung für unser Verständnis des Neuen Testaments. Tatsächlich lautet das griechische Wort für »Gemeinde« im Neuen Testament ekklesia, was »die Herausgerufene« bedeutet. Die Gemeinde heißt somit wortwörtlich »diejenigen, die herausgerufen wurden«: Sie besteht aus jenen, die aus der Welt herausgerufen wurden, um sich dem Reich Gottes anzuschließen. Mitglied der Gemeinde zu sein bedeutet, diesem äußeren Ruf des Evangeliums gefolgt zu sein.

Zweitens gibt es im Neuen Testament eine noch dramatischere Bedeutung von dem »Ruf« Gottes. Gemeint ist der »innere« oder »wirksame« Ruf Gottes. Wir haben in der Theologie sogar eine Lehre, die als die Lehre von der wirksamen Berufung bezeichnet wird. Mit dem wirksamen Ruf bzw. mit der wirksamen Berufung Gottes ist Folgendes gemeint: Wenn Er ruft, dann ruft Er souverän und wirksam durch einen inneren Ruf, der über die Ohren hinaus in die Seele und das Herz dringt. Worüber wir hier sprechen, ist die Wiedergeburt bzw. Erneuerung. Nur Gott kann diese bewirken, und Er bewirkt sie in der Kraft Seines Geistes durch das Wort.

Und drittens spricht die Bibel noch auf eine weitere Art und Weise vom Ruf Gottes; es handelt sich um einen Ruf, der durch den nächsten Satz veranschaulicht wird: »ausgesondert für das Evangelium Gottes«. Das ist das, was wir »Berufung« nennen – ein Begriff, der weit verbreitet war, als der christliche Glaube mehr Einfluss darauf hatte, die Sichtweise unserer Kultur zu formen. Es ist eine Einsicht darüber, dass jedes Menschenleben unter der Autorität Gottes gelebt werden muss. Das bedeutet, dass der berufliche Werdegang, den ich verfolge, der Job, den ich annehme, in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes sein muss. Anders ausgedrückt: Mein Leben soll Gott geweiht sein, ob ich nun Pfarrer, Landwirt, Zimmermann oder Arzt bin. Jeder von uns hat eine Bestimmung bzw. Begabung, eine Berufung von Gott, die wir zu Seiner Ehre und zugunsten Seines Reiches erfüllen sollen.

In der Bibel gab es bestimmte konkrete Berufungen, die eine besondere Autorität mit sich brachten. Dabei handelte es sich um Propheten und Apostel, die für das Volk Gottes von besonderer Bedeutung waren. Tatsächlich war es dasselbe Amt – Prophet im Alten Testament und Apostel im Neuen Testament.

Apostel bedeutet wörtlich: »jemand, der ausgesandt wurde«, also jemand, der mit der Autorität dessen ausgestattet ist, der ihn aussandte. Der Anspruch des Paulus, zum Apostel berufen zu sein, war eine dramatische und radikale Ankündigung; denn wenn man die Apostelgeschichte liest, entdeckt man, dass es drei Bedingungen gab, die notwendig waren, um für das Amt eines Apostels qualifiziert zu sein:

    • Erstens musste die Person ein Jünger Jesu während Seines irdischen Dienstes gewesen sein;
    • zweitens musste sie ein Augenzeuge der Auferstehung Jesu sein;
    • und drittens musste sie von Christus Selbst berufen worden sein.

Eine der ersten Kontroversen in der Gemeinde entstand, als Paulus ein Apostel wurde. Paulus war kein Jünger Jesu während Seines irdischen Dienstes gewesen; tatsächlich hatte er Jesus damals nicht einmal gekannt. Paulus war Jesus nicht bei Seiner Auferstehung begegnet, sondern erst, nachdem Er in den Himmel aufgefahren war. Wie konnte Paulus dann ein Apostel sein? An drei Stellen in der Apostelgeschichte bezeugt Paulus, wie er seine Berufung von Jesus empfangen hat. Der auferstandene Christus war Paulus erschienen und hatte ihn zum Apostel berufen. Die bei weitem wichtigste Beglaubigung eines Apostels war die unmittelbare und direkte Berufung, die Paulus auf dem Weg nach Damaskus eindeutig erhielt.

Was wäre, wenn heute jemand das Gleiche behaupten würde? Wenn jemand aus der Wüste kommen und sagen würde, er habe gerade Jesus gesehen, der ihn zum Apostel berufen habe? Was würden wir dann sagen? Wenn eine solche Person gar anfangen würde, Bücher zu schreiben, und diese dem Neuen Testament hinzufügen lassen wollte – wie würden wir reagieren? Könnte eine solche Person nicht diese Art von Anspruch aufstellen? Joseph Smith tat dies und gründete damit das Mormonentum.

Beachtet, dass selbst Paulus in seiner außergewöhnlichen Situation nicht anfangen konnte, als Apostel zu wirken, bevor er nicht von den übrigen Zwölfen bestätigt wurde, deren Legitimation nicht in Frage stand. Obwohl es theoretisch möglich wäre, dass Gott heute eine Person direkt berufen könnte, wäre es für diese Person unmöglich, ihren Anspruch von anderen Aposteln bestätigen zu lassen, deren Apostelamt nicht angezweifelt würde. Denn sie alle sind mittlerweile längst von der Bühne der Geschichte verschwunden.


Ein Auszug aus dem

Römerbrief-Kommentar

Der Römerbrief ist einer der bekanntesten Briefe der Bibel und wahrscheinlich der einflussreichste in der Kirchengeschichte, da er eine systematische Darstellung vom Evangelium Gottes durch den Apostel Paulus enthält. Gott gebrauchte gerade diesen Brief, um viele Menschen zur Buße und zum Glauben an Jesus Christus zu führen, die Reformation auszulösen und große Erweckungen zu bewirken. Das Leben zahlreicher Christen und Gemeinden wurde durch den Römerbrief verändert – bis zum heutigen Tag.

In diesem ausführlichen Kommentar zeigt R.C. Sproul unsere Sündhaftigkeit und Unfähigkeit, uns selbst zu erretten, die Gerechtigkeit Gottes und Seine wunderbare Gnade, das Heil in Christus, unsere Verantwortung, Gottes souveränes Handeln gegenüber Israel und das geheiligte Leben eines Christen.

Lass Dich beim Lesen dieses Kommentars erbauen, indem Du die konsequente Art und Weise beobachtest, in welcher der Apostel Paulus die Herrlichkeit Jesu hervorhob, während er zum Gehorsam des Glaubens aufrief.

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Paulus – Sklave und berufener Apostel

von Lucas Derksen Lesezeit: 6 min