Richtet nicht – Eine Einladung zur Demut (Teil 2)

11 März, 2026

Kategorie: Erbauung, Predigten

Bibelbuch: Matthäus


 

»Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!«
Matthäus 7,1

In dem ersten Teil dieser Predigt wurde das göttliche Prinzip in diesem Vers erklärt: Jesus verbietet nicht das gerechte Unterscheiden, sondern das selbstgerechte Verurteilen.

Jetzt wollen wir etwas weiter gehen. Wir wollen den Richtgeist selbst betrachten – seine Wurzeln, seine Erscheinungsformen und seine zerstörerische Kraft. Denn was theoretisch klar ist, bleibt praktisch oft verborgen. Der Richtgeist tarnt sich mit Worten wie Wahrheitsliebe, Prinzipientreue oder geistliche Wachsamkeit. Und doch lebt er aus Stolz.

Die Gefahr des Richtgeistes

Vor welcher Gefahr warnt uns Jesus also? Er spricht hier nicht in erster Linie von einer Tat, sondern von einer Haltung, einer inneren Gesinnung, die still und schleichend in das Herz eindringt. Es ist der Geist des Richtens. Er zeigt sich auf verschiedene Weise, doch seine Wurzel ist immer dieselbe: Selbstgerechtigkeit.

Dieser Geist stellt das eigene »Ich« in den Mittelpunkt. Es erhebt sich, misst, vergleicht und betrachtet den anderen stets als mangelhaft. Es sagt: »Die anderen liegen falsch, ich aber stehe richtig.« So entsteht dieses subtile Gefühl der Überlegenheit, das den Bruder herabsetzt, statt ihn zu lieben. Darauf wächst unsachliche Kritik, Herabwürdigung und Verachtung. Der Herr beschreibt hier nicht nur die Pharisäer; Er beschreibt jeden von uns, sobald wir denselben Richtgeist in uns dulden.

Dieser Geist ist geprägt von einer überkritischen Haltung. Dabei müssen wir verstehen, dass zwischen Kritik und der überkritischen Haltung ein gewaltiger Unterschied besteht. Echte Kritik ist etwas Gutes und Notwendiges. Sie ist Ausdruck des klaren Denkens und dient der Wahrheit. In ihrer besten Form ist sie nie zerstörend, sondern aufbauend; sie erkennt an, was gut ist, und will fördern, anstatt niederzureißen. Der überkritische Geist dagegen liebt Kritik um ihrer selbst willen. Er tritt an jede Sache geradezu in der Hoffnung heran, etwas zu finden, das er beanstanden kann. Er sucht nicht nach Wahrheit, sondern nach Fehlern, und er findet seine Befriedigung im Entdecken von Schwächen.

Wie weit entfernt ist das von der Liebe, wie sie Paulus in 1. Korinther 13 beschreibt!

Die Liebe hofft alles (V. 7) – sie sucht das Gute, das Edle, das Gottgewirkte. Der Geist der Kritik dagegen hofft das Schlimmste. Er freut sich heimlich, wenn andere versagen, und ist fast enttäuscht, wenn er nichts zu kritisieren findet. Er lebt von der Schwäche anderer, nicht von der Gnade Gottes.

Ein solcher Geist verliert das rechte Maß. Er macht Nebensächliches zur Hauptsache. Genau das war ein Problem der Gemeinde in Rom, sodass Paulus die Gläubigen in seinem Brief ermahnte, einander nicht über Fragen des Essens und der Feiertage zu verurteilen. Sie hatten zweitrangigen Dingen übermäßige Bedeutung beigemessen und dadurch den Kern des Evangeliums aus den Augen verloren. Darum schreibt Paulus: »Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist« (Röm. 14,17). Und er erinnert sie: »So wird also jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben« (V. 12). Wie ernst ist dieses Wort! Jeder von uns wird eines Tages vor dem Richterstuhl des Christus stehen – nicht, um über andere zu reden, sondern um über sich selbst Rechenschaft abzulegen.

Wir dürfen daher niemals das äußere Verhalten oder die Ansichten eines Menschen über zweitrangige Dinge zum Maßstab seines Glaubens machen. Es gibt Wahrheiten, wie die zentralen Pfeiler des Evangeliums, über die kein Zweifel erlaubt ist. Aber vieles, was uns beschäftigt, gehört nicht in diese Kategorie. Wenn wir Nebensächliches zur Hauptsache machen, verraten wir die Gesinnung der Liebe.

Das also ist das innere Muster des Richtgeistes: ein Herz, das sich selbst zum Maßstab macht; ein Auge, das beim andern das Schlechte sucht, und eine Seele, die im Herabschauen auf andere ihre Befriedigung findet.

Ich brauche das nicht weiter auszuführen; ich vertraue dem Heiligen Geist, dass Er Selbst es in dir anwenden wird. Doch prüfe dich: Wenn du jemanden über einen anderen schlecht reden hörst, und es bereitet dir insgeheim Freude, dann ist dieser Geist schon wirksam in dir.

Vom Urteilen zur Barmherzigkeit

Nachdem wir nun das Wesen dieses Richtgeistes erkannt haben, wollen wir uns seiner praktischen Erscheinung zuwenden. Wo durchdringt er unser tägliches Denken, Reden und Handeln?

Wie schnell fällen wir ein Urteil über Dinge, die uns gar nichts angehen. Wie viel Zeit und Energie verschwenden wir beim Urteilen über Menschen, deren Leben uns in keiner Weise betrifft. Ihr Tun berührt uns nicht, und doch verspüren wir eine seltsame, fast boshafte Befriedigung, wenn wir ein abschätziges Urteil über sie abgeben können. Das allein zeigt, wie tief dieser Geist in uns verwurzelt sein kann.

Ein weiteres Merkmal dieser Haltung ist, dass wir Vorurteile an die Stelle von Prinzipien setzen. Doch rechtes Urteilen darf niemals aus Vorlieben oder Abneigungen erwachsen, sondern muss auf göttlichen Prinzipien beruhen. Nur wenn das Herz im Wort Gottes gegründet ist, kann es gerecht urteilen. Wer aber aus Vorurteilen heraus urteilt, macht sich unweigerlich schuldig – schuldig des Richtgeistes, vor dem unser Herr hier warnt.

Die Tendenz, Persönlichkeiten an die Stelle von Prinzipien zu setzen, ist ebenso gefährlich. Wie leicht gleiten Gespräche, in denen es eigentlich um die Wahrheit gehen sollte, ins Persönliche ab. Statt über Lehre zu sprechen, reden wir über Menschen. Besonders diejenigen, die keine klare biblische Überzeugung haben, flüchten sich schnell in diese Art der Diskussion. Wer einem Menschen begegnet, der für göttliche Prinzipien einsteht, und ihn dann »schwierig«, »stur« oder »unzugänglich« nennt, der begeht schon diese Sünde des Richtens. Ja, wir betreten das Feld des Richtgeistes, sobald wir beginnen, jemandem Motive zu unterstellen. So tritt die Verurteilung des Charakters an die Stelle der Prüfung der Wahrheit. Doch kein Mensch kann in das Herz eines anderen sehen – nur Gott allein.

Ein weiteres Zeichen dieser Haltung ist das vorschnelle Urteilen, ohne die Tatsachen wirklich zu kennen. Wie oft sprechen wir über Situationen, von denen wir nur Bruchstücke kennen, und meinen trotzdem, sie durchschaut zu haben. Aber kein Mensch hat das Recht, ein Urteil zu fällen, bevor er nicht alle Umstände geprüft hat, auch wenn das mühsam, langwierig und unbequem ist. Wer ohne wirkliche Kenntnisse urteilt, handelt wie ein Pharisäer: schnell im Verurteilen, aber langsam im Verständnis.

Auch die Weigerung, die Umstände eines Menschen zu bedenken, entspringt diesem Geist. Wer liebt, hört zu. Wer barmherzig ist, sucht zu verstehen. Die Liebe fragt: »Gibt es mildernde Gründe? Habe ich selbst das ganze Bild gesehen?« Der Richtgeist dagegen sagt: »Ich brauche nichts weiter zu hören.« Er verweigert das Zuhören, lehnt jede Erklärung ab und verschließt sich gegenüber Verständnis und Mitgefühl.

Dieser Geist zeigt sich wahrscheinlich am deutlichsten dort, wo ein Mensch nicht mehr über Taten oder Haltungen urteilt, sondern über Personen selbst. Er verwirft den Menschen an sich. Das ist das eigentliche Gift dieses Geistes: das anmaßende Verurteilen eines ganzen Menschen. Hierbei erhebt sich der Mensch auf den Richterstuhl, der allein Gott zusteht.

Denken wir einmal an die Begebenheit, als die Jünger Jakobus und Johannes, empört über die Ablehnung der Samariter, zu Jesus sagten: »Herr, willst Du, dass wir sprechen, dass Feuer vom Himmel herabfallen und sie verzehren soll?« Doch der Herr wandte sich ihnen zu und sprach: »Wisst ihr nicht, welches Geistes [Kinder] ihr seid? Denn der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um die Seelen der Menschen zu verderben, sondern zu erretten!« (Lk. 9,54-56). Das ist der Unterschied zwischen menschlicher Vergeltung und göttlicher Gnade. Wir wollen richten – Er will retten.

Es gibt also einen gewaltigen Unterschied zwischen gerechter, liebevoller Kritik und verdammender Beurteilung. Wir sind berufen, das Erste zu üben und das Zweite zu meiden. Denn wer den Menschen selbst verurteilt, maßt sich ein Recht an, das Gott allein zusteht. Das ist eine ernste und schmerzliche Wahrheit.

Bisher haben wir den Befehl unseres Herrn gehört: »Richtet nicht!« Und nun müssen wir auch den Grund dafür erkennen, denn diese Anweisung führt uns zum Evangelium selbst. Wir haben andere verurteilt und uns damit selbst verdammt. Keiner von uns kann in seiner eigenen Gerechtigkeit vor Gott bestehen. »Gott aber beweist Seine Liebe zu uns dadurch, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren« (Röm. 5,8). Hier liegt unsere einzige Hoffnung: Christus hat das Gericht, das wir verdient haben, an unserer Stelle getragen. Er hat uns aus dem Zustand der Verdammnis herausgerufen und uns in Seine Gerechtigkeit gekleidet.

Darum dürfen wir nicht mehr so leben, als wären wir selbst Richter, sondern wir sollen als Begnadigte handeln – als solche, die wissen: Ich bin in Christus schon durch das Gericht gegangen und lebe nun allein aus Gnade. Wenn das unser Herz wirklich erfasst, dann wird es sanftmütig und barmherzig.

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Richtet nicht – Eine Einladung zur Demut (Teil 2)

von Sam Derksen Lesezeit: 6 min