»Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!«
Matthäus 7,1
Es gibt Worte unseres Herrn, die wir immer wieder neu hören müssen – Worte, die wir kennen und doch so leicht vergessen. Eines davon lautet: »Richtet nicht!«
Viele unserer geistlichen Schwierigkeiten entstehen daraus, dass wir – oft unbewusst – so leben, als wäre dieses irdische Leben alles. Dabei wissen wir es besser. Wir bekennen sogar, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, dass wir einst vor dem Richterstuhl Gottes stehen werden. Doch wie selten prägt dieses Wissen wirklich unser Denken und Handeln.
Darin unterscheiden sich die Kinder dieser Welt und die Kinder Gottes.
Der Mensch ohne Gott lebt für das Sichtbare, das Jetzt. Der Christ dagegen weiß, dass dieses Leben nur ein kurzer Durchgang, nur ein Auftakt zur Ewigkeit ist. Er lebt im Bewusstsein der Gegenwart Gottes und der bevorstehenden Begegnung mit Ihm, oder sollte es zumindest. Dieser Gedanke, dass wir vor Ihm Rechenschaft abgeben müssen, soll uns nicht ängstigen, sondern wachhalten, unser Leben durchdringen und lenken.
Darum spricht unser Herr so eindringlich zu uns. Seine Bergpredigt ist nicht etwa ein schöner moralischer Vortrag, sondern ein göttlicher Ruf zur Wahrheit. Sie legt das Herz bloß und stellt unser Leben ins Licht der Heiligkeit Gottes. Viele nennen ihren Inhalt »praktisch« und »menschlich«. Doch wer sie genau liest, muss erkennen: Sie ist die schärfste Diagnose, die je über den Menschen gestellt wurde. Sie entlarvt uns, nimmt uns jede Hoffnung auf Selbsterlösung und zeigt, wie groß unsere Gnadenbedürftigkeit ist.
Ohne das Evangelium von der Rechtfertigung durch den Glauben könnten wir diese Worte gar nicht ertragen. Die Bergpredigt führt uns an unsere Grenzen und darüber hinaus zu Christus Selbst. Nur in Seiner Gnade, nur in Seiner Kraft, nur durch Sein vollbrachtes Werk kann das, was hier gefordert wird, erfüllt werden.
»Richtet nicht!« ist also kein bloßer Appell, sondern eine Einladung zur Demut. Es ist ein Ruf zum Kreuz, wo jeder Stolz zerbricht und jede Selbstgerechtigkeit verstummt.
Zwischen Wahrheit und falscher Toleranz
Wenn Jesus sagt: »Richtet nicht!«, dann spricht Er über keine Kleinigkeit. Er spricht über das Herz, das heißt über die Haltung, mit der wir anderen begegnen, und über den Maßstab, mit dem wir selbst einst gemessen werden.
Wie so oft in der Bergpredigt beginnt Jesus mit einer klaren, einfachen Aussage, die Er dann entfaltet und begründet. Er legt ein göttliches Prinzip offen und führt uns Schritt für Schritt zu dessen Sinn. Auf diese Weise wendet Er sich auch hier einem grundlegenden Prinzip zu: »Richtet nicht!«
Doch kaum ein Wort ist so oft missverstanden worden wie dieses. Es wurde verzerrt, verdreht und verflacht – und das in entgegengesetzten Extremen. So müssen wir uns ehrlich fragen: Was genau meint der Herr hier? Ein Blick ins Wörterbuch genügt nicht. Das Wort »richten« trägt viele Nuancen in sich. Nur wer den Zusammenhang beachtet, kann erfassen, worauf Jesus mit Seiner Aussage hinaus will.
Gerade heute ist diese Klärung dringlicher denn je. Jede Zeit bringt ihre Versuchungen mit sich, und die unsere ist die Versuchung des Kompromisses. Wir leben in einer Epoche, die klare Begriffe und feste Überzeugungen scheut. Tiefgründiges Denken, geistliche Schärfe und theologische Klarheit stehen nicht hoch im Kurs. Stattdessen liebt man angenehme Formulierungen, unverbindliche Worte und die bequeme Kunst der Konfliktvermeidung. Es ist ein Zeitalter der Beschwichtigung, in dem man fast alles tut, um nur ja Spannungen zu vermeiden.
Unser Zeitalter sucht äußerliche Ruhe statt Wahrheit. Es ehrt die Freundlichen, aber verachtet die Standhaften. Starke Persönlichkeiten, die wissen, was sie glauben, und die auch daran festhalten, gelten als unbequem. Sie sind Menschen, mit denen man schwer umgehen kann.
Dieses Muster ist nicht neu. Denken wir nur an Winston Churchill. Er galt als Störenfried, weil er zu eigenwillig, zu entschieden und zu unbequem war. Und genau diese Haltung finden wir heute in der Christenheit wieder. Früher wurde der kompromisslose Mann des Glaubens als Vorbild bewundert; heute gilt er als Problem. Man applaudiert dem, der den Mittelweg wählt, der keine klaren Linien zieht, und der es allen recht machen will. »Das Leben ist schon schwer genug«, sagt man, »warum sollte man es sich durch theologische Schärfe noch schwerer machen?«
Doch gerade in einer solchen Zeit müssen wir die Worte Jesu recht verstehen.
Viele deuten die Anweisung »Richtet nicht!« so, als sei jedes Urteilen verboten. Nach dieser Vorstellung soll man alles dulden, niemanden kritisieren und für alles Verständnis haben – um des »lieben Friedens« willen. Man meint, es gehe nicht um Wahrheit, sondern um Gemeinschaft; nicht um Klarheit, sondern um Harmonie. Besonders in Krisenzeiten hört man oft: »Wir müssen doch alle zusammenhalten!«
Aber ist es das, was Jesus hier meint? Ganz gewiss nicht. Eine solche Deutung widerspricht der ganzen Heiligen Schrift.
Schauen wir in den Zusammenhang. Weiter unten, in Vers 6, sagt Jesus: »Gebt das Heilige nicht den Hunden und werft eure Perlen nicht vor die Säue.« Wie könnten wir das befolgen, ohne zu unterscheiden und zu prüfen? In Vers 15 warnt Er: »Hütet euch aber vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber reißende Wölfe sind!« Wie könnten wir uns vor ihnen hüten, wenn wir ihre Lehre nicht beurteilen dürften?
Menschen wie diese wirken freundlich und fromm, sie reden angenehm und scheinbar ehrlich. Doch Jesus fügt hinzu: »An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.« (V. 16). Wie können wir Früchte erkennen, wenn wir uns nicht in geistlichem Unterscheidungsvermögen üben? »Richtet nicht!« kann deshalb unmöglich heißen: »Urteilt nie!« Es bedeutet nicht, dass wir Wahrheit und Irrtum gleichstellen oder uns der Prüfung enthalten sollen.
Auch im Staat gehört das Richten zu Gottes Ordnung. Richter und Behörden wurden von Ihm eingesetzt, um das Böse zu bestrafen und das Gute zu schützen (s. Röm. 13). Wer Gericht und Recht ablehnt, widerspricht dem Willen Gottes.
Dasselbe gilt für die Gemeinde. Auch in der Gemeinde muss beurteilt, recht unterschieden und konsequent gehandelt werden. Heutzutage ist Gemeindezucht jedoch fast gänzlich verschwunden. Wann hat man zuletzt davon gehört, dass jemand vom Abendmahl ausgeschlossen oder in Liebe zurechtgewiesen wurde? Zucht gilt heute als lieblos, überholt oder sogar peinlich. Das ist die Folge einer sentimentalen Frömmigkeit, die sich hinter dem Missverständnis des »Richtet nicht!« verbirgt. Dabei ruft die Schrift uns zu etwas ganz anderem auf. Sie ruft uns auf, zu prüfen, zu unterscheiden und zu urteilen, jedoch stets in Demut, in Liebe und im Licht der Wahrheit.
Dasselbe gilt für die Lehre. Unser Herr Selbst warnt uns vor den falschen Propheten. Und Paulus schreibt an die Galater: »Aber selbst wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch etwas anderes als Evangelium verkündigen würden …, der sei verflucht!« (Gal. 1,8). Hier handelt es sich um keine Nebensache, das ist göttlicher Ernst. Ebenso mahnt der Apostel Johannes: »Wenn jemand zu euch kommt und diese Lehre nicht bringt, den nehmt nicht auf ins Haus und grüßt ihn nicht! Denn wer ihn grüßt, macht sich seiner bösen Werke teilhaftig« (2.Joh. 10-11).
Diese Worte klingen scharf, und doch sind sie der Ausdruck echter Liebe – einer Liebe, die die Wahrheit höher achtet als die eigene Bequemlichkeit. Jesus Selbst sagt: »Richtet nicht nach dem Augenschein, sondern fällt ein gerechtes Urteil!« (Joh. 7,24). Er ruft uns also nicht dazu auf, das Urteilen zu vermeiden, sondern es im Geist der Gerechtigkeit recht auszuüben, nicht nach dem äußeren Schein, sondern nach der Wahrheit.
Auch im persönlichen Umgang gilt dieses Prinzip. Wenn ein Bruder sündigt, soll man zuerst mit ihm allein reden; hört er nicht, nimmt man Zeugen hinzu; bleibt er unbelehrbar, wird es vor die Gemeinde gebracht. Und will er auch dann nicht hören, soll er wie ein Heide und Zöllner gelten (Mt. 18,15-17). Genauso mahnt Paulus die Korinther, sich von Götzendienern und unbußfertigen Sündern zu trennen (1.Kor. 5-6).
All das setzt allerdings geistliches Unterscheidungsvermögen voraus, das heißt die Fähigkeit, Wahrheit von Irrtum, Licht von Finsternis zu unterscheiden. Wie könnten wir diesen Anweisungen überhaupt Folge leisten, wenn wir meinen, wir dürften niemals urteilen?
Darum lässt sich mit Gewissheit sagen: Jesus verbietet nicht das Urteilen, sondern das verurteilende, selbstgerechte Richten. Er ruft uns auf, in Liebe und Klarheit zu unterscheiden, und zwar mit einem Herzen, das sich selbst prüft, von Gnade durchdrungen und von Wahrheit erfüllt ist.
Vom verurteilenden Geist zur heilenden Unterscheidung
Wenn Jesus sagt: »Richtet nicht!«, so dürfen wir das weder zu engherzig noch zu weitherzig verstehen. Er fordert von uns nicht, auf jedes Urteilen zu verzichten, sondern Er warnt uns vor der gefährlichen Haltung des Verurteilens. Denn wahres Christsein bewegt sich stets in einem heiligen Gleichgewicht. Das Glaubensleben ist kein breiter, bequemer Weg, sondern – wie jemand treffend sagte – ein Wandel auf Messers Schneide: Auf der einen Seite droht Gleichgültigkeit, auf der anderen Selbstgerechtigkeit. Und beides ist gefährlich.
Aus diesem Grund sagt der Herr: »Ja, du sollst beurteilen, aber nicht verdammen. Du sollst unterscheiden, aber nicht richten, als wäre es das letzte Urteil über den Menschen selbst. Denn das steht allein Gott zu.«
Am deutlichsten zeigt sich die Gefahr dieses falschen Richtens bei den Pharisäern. Schon in der Bergpredigt fasst Jesus sie besonders in den Blick. Er warnt Seine Jünger, nicht so zu werden wie sie – in ihrer Haltung zum Gesetz, in ihrem religiösen Stolz, in ihrer ganzen Lebensweise. Sie legten das Gesetz nach ihrem Geschmack aus, suchten die Bewunderung der Menschen, gaben Almosen, um gesehen zu werden, beteten öffentlich an Straßenecken, verbreiterten ihre Gebetsriemen und posaunten sogar ihr Fasten hinaus. Dabei stand hinter dieser Frömmigkeit ein Herz voller Selbstgerechtigkeit.
Wir sehen es im Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner (Lk. 18,9-14). Beide treten in den Tempel, um zu beten, wobei der Pharisäer sagt: »O Gott, ich danke Dir, dass ich nicht bin wie die übrigen Menschen, … oder auch wie dieser Zöllner da« (V. 11). Diese Worte drücken das Wesen des Richtgeistes aus: Er vergleicht sich mit anderen, verachtet und verdammt sie. Der Blick des Pharisäers ruht also nicht auf Gott, sondern auf den Menschen neben ihm und auf sich selbst. Er vergleicht sich mit ihnen, statt anzubeten; er erhebt sich, statt sich zu beugen.
Doch diese Haltung ist nicht auf die Pharisäer beschränkt. Sie ist ein uraltes, immer wiederkehrendes Übel in der Gemeinde – von der Zeit der ersten Gemeinden an bis in unsere Tage. Darum erinnert uns der Herr an Sein ernstes Wort: »Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie!« (Joh. 8,7). Ich wage zu sagen, dass es in der ganzen Bergpredigt kein Wort gibt, das uns so tief trifft wie dieses. Denn wer kann behaupten, frei davon zu sein? Wer von uns hat nicht schon gerichtet, wo er hätte beten sollen, und verurteilt, wo er hätte lieben sollen?
Wie viel Unheil ist durch diesen Richtgeist in der Gemeinde Christi geschehen! Wie viele Wunden hat er geschlagen, wie viel Vertrauen zerstört, wie viel Freude erstickt! Das Wort Jesu legt den Finger auf diese Wunde – und es tut weh. Aber manchmal ist Schmerz der Anfang der Heilung.
Diese Predigt unseres Herrn ist keine milde Betrachtung, sondern eine geistliche Operation. Sie will uns nicht oberflächlich trösten, sondern gründlich reinigen. Eine Wunde kann nur dann heilen, wenn sie geöffnet und gesäubert wird. Darum, mein lieber Freund, flieh nicht vor dieser göttlichen Behandlung. Lass dich prüfen. Lass das Licht des Herrn in dein Herz hineinleuchten – auch dorthin, wo du dich selbst bisher vielleicht herausgeredet hast.


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