Die Lektionen der Gnade (Teil 3)

1 April, 2026

Kategorie: Erbauung

Thema: Gesetz, Gnade

Die Lektionen der Gnade (Teil 3)

Im ersten Teil haben wir gesehen, dass sowohl Gesetzlichkeit als auch Antinomismus Christus und Sein Sühnewerk am Kreuz verachten, und beides Irrwege sind, die bekämpft werden müssen.

Im zweiten Teil haben wir betrachtet, wie Gnade und Gesetz zusammenwirken, und dass Erlösung allein aus Gnade durch den stellvertretenden Sühnetod Jesu Christi möglich ist und nicht durch das Gesetz. Das war die erste Lektion der Gnade, eine Lektion aus der Vergangenheit.

Nun wollen wir uns mit zwei weiteren Lektionen der Gnade befassen. Welche Auswirkungen hat diese unfassbar große Gnade auf das Leben des begnadigten Sünders, des Christen?

Eine Lektion für die Gegenwart: Gnade weckt nicht Passivität, sondern Eifer

Über die Gefahren der Gesetzlichkeit und darüber, dass Christen »nicht unter dem Gesetz« sind (Röm. 6,14), haben wir bereits gesprochen. Was Paulus damit meint, ist ziemlich einfach. Die Gläubigen sind frei vom verdammenden Schuldspruch des Gesetzes (Röm. 8,1). Wir sind vom Fluch des Gesetzes erlöst (Gal. 3,13). Wir versuchen nicht, uns durch die Werke des Gesetzes irgendeinen Teil unserer Rechtfertigung selbst zu verdienen.

Wir wissen genau, was Paulus meint, wenn er davon spricht, »unter dem Gesetz« zu sein, weil er seinen Brief an die Galater schrieb, um den Irrtümern entgegenzutreten und die Verwirrung der Menschen in diesen Gemeinden zu korrigieren, die sich wieder unter das Gesetz stellten. Zu ihnen sagt er in Galater 4,21: »Sagt mir, die ihr unter dem Gesetz sein wollt: Hört ihr das Gesetz nicht?« In Kapitel 5,4 spricht er sie nochmals an: »Ihr seid losgetrennt von Christus, die ihr durchs Gesetz gerecht werden wollt.« Im paulinischen Sinn »unter dem Gesetz« zu sein heißt also, (ganz oder teilweise) die eigene Rechtfertigung über gesetzliche Wege in den eigenen Werken zu suchen.

Doch denken wir daran: Die Gnade stellt absolut nicht das Gesetz in Frage. »Wie nun? Sollen wir sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade sind?« (Röm. 6,15). Paulus’ Antwort auf diese Frage ist unzweideutig und voller Leidenschaft: »Das sei ferne!« Die Gnade Gottes erzeugt im Herzen eines Menschen, dessen Glaube echt ist, keine geistliche Passivität oder Gleichgültigkeit. Tatsächlich ist dies gerade der Zweck der Unterweisung durch die Gnade, »damit wir die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnen und besonnen und gerecht und gottesfürchtig leben in der jetzigen Weltzeit … [und] eifrig [sind], gute Werke zu tun« (Tit. 2,12.14).

Denken wir daran, dass das Werk der Gnade in der Erfahrung eines Christen mit dem »Bad der Wiedergeburt und durch die Erneuerung des Heiligen Geistes« beginnt (Tit. 3,5). Der Heilige Geist pflanzt dem Christen ein ganz neues Herz und einen ganz neuen Geist ein: »Und Ich will euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres legen; Ich will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben; ja Ich will meinen Geist in euer Inneres legen und werde bewirken, dass ihr in Meinen Satzungen wandelt« (Hes. 36,26-27). Gute Werke sind nicht der Grund unserer Rechtfertigung, aber die unvermeidliche Folge unserer Wiedergeburt.

Die durch die Gnade gewirkte Erlösung ist allumfassend; sie endet nicht mit unserer Rechtfertigung. Sie unterweist uns weiter durch die Gegenwart hindurch, trägt uns auf dem Weg zur Herrlichkeit und lehrt uns gleichzeitig, besonnen, gerecht und gottesfürchtig zu leben. Wer auch immer denkt, Gott sähe über die Sünden Seines Volks munter hinweg, hat von der Gnade nicht das Geringste verstanden. Ähnlich ist auch die Vorstellung, dass die Gnade den Christen erlaube, hinsichtlich ihrer eigenen Übertretungen sorglos oder tolerant zu sein, eine verderbliche Lüge.

Das soll nun nicht heißen, dass wir als Christen nicht mit Sünde oder Versuchung zu kämpfen hätten. Ganz im Gegenteil. Als Christen führen wir einen permanenten Krieg gegen die Sünde, indem wir immer danach streben, sie zu töten – aber nie danach, mit ihr zu tanzen. »Denn das Fleisch gelüstet gegen den Geist und der Geist gegen das Fleisch; und diese widerstreben einander, sodass ihr nicht das tut, was ihr wollt« (Gal. 5,17). Weil die Sünde ein so hartnäckiger Feind ist, werden unsere gerechten Wünsche oft enttäuscht.

Paulus hatte dies klar begriffen; in Römer 7 beschreibt er diese Frustration in leidenschaftlichen Worten. An anderer Stelle hat er schon zugegeben: »Ich halte mich selbst nicht dafür, dass ich es ergriffen habe« (Phil. 3,13). Er verkörpert zwar die Spuren geistlicher Reife und Hingabe an Christus, doch wie wir alle, ist auch Paulus noch weit von der Vollkommenheit entfernt, und das weiß er auch. »… ich jage aber danach, dass ich das auch ergreife, wofür ich von Christus Jesus ergriffen worden bin« (V. 12).

Die Gnade lehrt die Christen diese Haltung. Dieses irdische Leben ist ein langer Kampf auf dem Weg zum Ziel der Heiligung, wobei wir nach und nach in die vollkommene Christusähnlichkeit umgestaltet werden. Das ist ein Prozess, der von der Gnade angetrieben und gefördert wird. Und er hat neben einem positiven auch einen negativen Aspekt.

Auf der negativen Seite lehrt uns die Gnade, »die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden [zu] verleugnen« (Tit. 2,12). Das ist eine praktische, alltagstaugliche Formulierung der Selbstverleugnung, zu der Jesus aufruft: »Wenn jemand Mir nachkommen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge Mir nach!« (Mt. 16,24). Das ist natürlich die Frucht der Gnade Gottes in uns und nicht etwas, was wir durch einen freien Akt der Selbstbestimmung aus uns heraus vollbringen. Das Abtöten unserer Sünde kommt uns vielleicht wie ein schwieriger eigener Kraftaufwand vor; doch der Wunsch, gegen die Lust unseres eigenen Fleisches und die Versuchungen, die uns attackieren, anzukämpfen, wird dennoch durch die Gnade hervorgebracht.

Paulus beschreibt diese Spannung zwischen der Mühe, die wir an den Tag legen, und der Gnade, die diese Bemühungen fördert, sehr gut: »Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin; und Seine Gnade, die Er an mir erwiesen hat, ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe mehr gearbeitet als sie alle; jedoch nicht ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir ist« (1.Kor. 15,10).

Genauer gesagt ist es die Kraft Christi durch den uns innewohnenden Heiligen Geist, die uns dazu befähigt, der Sünde abzusagen und ihr zu widerstehen. Unter der Gnade und nicht mehr unter der Verdammnis des Gesetzes zu sein heißt: »… die Sünde wird nicht herrschen über euch« (Röm. 6,14). Es heißt nicht, dass Christen der drängenden Kraft der Sünde nicht mehr widerstehen müssten. Sondern es heißt, dass die Gnade sie mit der Stärke und dem Willen ausrüstet, der Versuchung zu widerstehen, »… denn Gott ist es, der in euch sowohl das Wollen als auch das Vollbringen wirkt nach Seinem Wohlgefallen« (Phil. 2,13).

Auf der positiven Seite lehrt uns die Gnade, »besonnen und gerecht und gottesfürchtig [zu] leben in der jetzigen Weltzeit« (Tit. 2,12). Da wir nun eine gerechte Stellung vor Gott haben, weil uns Christi Gerechtigkeit zugerechnet wird, ist es ganz angebracht, dass wir danach streben sollen, diese vollkommene Gerechtigkeit zu ehren und (durch Gottes Gnade) danach zu streben, uns selbst daran anzupassen. Wie könnte die Gnade etwas anderes lehren? »Sollen wir in der Sünde verharren, damit das Maß der Gnade voll werde? Das sei ferne! Wie sollten wir, die wir der Sünde gestorben sind, noch in ihr leben?« (Röm. 6,1-2). Für Paulus war es absolut unvorstellbar, dass jemand, der durch Gottes Gnade vor dem Gericht gerettet und umgestaltet worden ist, aus Nachlässigkeit oder gar bewusst in der Sünde verharren könnte.

Mit anderen Worten: Die Gnade erlöst uns nicht aus der Hölle, ohne uns auch aus unserer Versklavung an die Sünde zu befreien. Wer etwas anderes lehrt, ehrt damit nicht das Prinzip der Gnade, sondern bereitet ihm Schande.

Wenn jemand keine Anzeichen der Heiligung (besonnenes, gerechtes und gottesfürchtiges Verhalten) zeigt, dann gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass diese Person Gnade empfangen hat. Ebenso wenig hat ein Mensch, der nie über die Sünde Buße getan hat, die Gnade Gottes kennengelernt. Die größte Gefahr des Antinomismus ist die, dass er diese Wahrheit verschleiert (oder leugnet) und auf diese Weise Menschen in falscher Sicherheit wiegt, die nur Lippenbekenntnisse für Christus ablegen, aber nach wie vor unter dem Verdammungsurteil stehen, weil sie noch nie wahre Teilhaber an Gottes Gnade gewesen sind.

Heiligung ist keine beliebige Zugabe im christlichen Leben, sondern alle Christen sind dazu »vorherbestimmt, dem Ebenbild Seines Sohnes gleichgestaltet zu werden« (Röm. 8,29). Weil Er allmächtig und Seine Gnade immer wirksam ist, ist es nicht möglich, dass ein Christ vollkommen darin versagen würde, die Früchte guter Werke zu bringen. Gottes Gnade verändert das ganze Leben des Christen und nicht nur sein religiöses Bekenntnis.

Eine Lektion über die Zukunft: Wir dürfen in Hoffnung statt in Angst leben

Gesetz und Gnade funktionieren zwar nach demselben moralischen Standard; doch die Eschatologie der Gnade – das, was sie uns über die zukünftigen Dinge lehrt – ist unendlich viel heller als die Eschatologie des Gesetzes. In der Tat hält die zukünftige Ewigkeit für diejenigen, die unter der Gnade sind, nichts als unendliche Herrlichkeit und Segen bereit. Doch das Einzige, was diejenigen erwartet, die unter dem Gesetz bleiben, ist Tod und ewige Verdammnis.

Hier liegt der grundlegende Unterschied zwischen Gesetz und Gnade. Das Gesetz verspricht den Sündern nichts anderes als das Gericht, unter aller Garantie. Für die, die noch unter dem Gesetz sind, wird die Wiederkunft Christi das letzte Ausgießen des Gerichts bedeuten, und das sind schreckliche Aussichten. Doch Gottes rettende Gnade lehrt uns, »die glückselige Hoffnung … und die Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Retters Jesus Christus« zu erwarten (Tit. 2,13). Das Gesetz droht mit dem Gericht und verhängt die Todesstrafe. Die Gnade schenkt uns Vergebung und verheißt ewigen Segen. Das Gesetz verweist in die Vergangenheit des Sünders und erfüllt das schuldige Herz mit Angst und Reue. Die Gnade verweist auf die Zukunft des Gläubigen und erfüllt das Herz, das Vergebung empfangen hat, mit Dankbarkeit und Hoffnung.

Der Unterschied könnte nicht krasser sein, und weit davon entfernt, uns in eine Art apathischer Passivität zu locken – oder unseren Wunsch, gut zu sein und Gutes zu tun, zu beseitigen – sollte uns dies motivieren, mit all unserer Kraft und Leidenschaft nach der Heiligung zu streben. Denn dafür ist Christus schließlich gestorben: »um uns von aller Gesetzlosigkeit zu erlösen und für sich Selbst ein Volk zum besonderen Eigentum zu reinigen, das eifrig ist, gute Werke zu tun« (Tit. 2,14). Ein Eifer, gute Werke zu tun, ist an und für sich nicht gesetzlich oder dem Geist der Gnade feind. Sondern das ist genau die Haltung, welche die Gnade uns zu fördern lehrt.

Die Gnade erzeugt in jedem echten Christen einen heiligen Hass auf die Sünde. Sie erfüllt unser Herz und unseren Verstand mit einem heiligen Widerwillen gegen alles, was Gott Unehre macht. Auch wenn unser Fleisch nach wie vor empfänglich für die Reize der Sünde ist, hassen wir im Innersten unserer Seele das Böse (Röm. 12,9). Der Hass auf das Böse ist sogar ein notwendiger Ausdruck der Liebe zu Gott (Ps. 97,10) und der Beweggrund für den Christen, »die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden [zu] verleugnen« (Tit. 2,12). Dessen positive Kehrseite ist ein anhaltender Hunger und Durst nach Gerechtigkeit – der Anreiz, der uns dazu bewegt, »besonnen und gerecht und gottesfürchtig [zu] leben in der jetzigen Weltzeit« (ebd.).

Die »Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Retters Jesus Christus« (V. 13) ist die glückselige Hoffnung, auf die wir uns gerade deshalb freuen, weil Christi Erscheinen in Herrlichkeit die totale und permanente Beseitigung der Sünde aus unserem Leben bedeuten wird und wir auf der Stelle verwandelt und vollkommen sein werden.

Hier und heute seufzen wir noch mit der ganzen Schöpfung (Röm. 8,22); doch das ist weder eine hoffnungslose Klage noch ein Schrei der Niederlage. »… wir erwarten seufzend die Sohnesstellung, die Erlösung unseres Leibes« (V. 23). »Geliebte, wir sind jetzt Kinder Gottes, und noch ist nicht offenbar geworden, was wir sein werden; wir wissen aber, dass wir Ihm gleichgestaltet sein werden, wenn Er offenbar werden wird; denn wir werden Ihn sehen, wie Er ist« (1.Joh. 3,2).

Das ist das Ende und der Höhepunkt des Evangeliums nach Paulus. Das ist die herrliche Hoffnung, neben der alle Leiden und Nöte in diesem Leben unbedeutend wirken. »Denn ich bin überzeugt, dass die Leiden der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll« (Röm. 8,18). »Denn unsere Bedrängnis, die schnell vorübergehend und leicht ist, verschafft uns eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit« (2.Kor. 4,17).

Wir begannen unsere Studie mit den Anfangsversen von 1. Korinther 15. Da ist es angemessen, dass wir am selben Punkt enden, auf den auch Paulus uns hinführt:

Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden zwar nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden, plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune; denn die Posaune wird erschallen, und die Toten werden auferweckt werden unverweslich, und wir werden verwandelt werden. Denn dieses Verwesliche muss Unverweslichkeit anziehen, und dieses Sterbliche muss Unsterblichkeit anziehen. Wenn aber dieses Verwesliche Unverweslichkeit anziehen und dieses Sterbliche Unsterblichkeit anziehen wird, dann wird das Wort erfüllt werden, das geschrieben steht: ›Der Tod ist verschlungen in Sieg! Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg?‹ Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft der Sünde aber ist das Gesetz. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus! Darum, meine geliebten Brüder, seid fest, unerschütterlich, nehmt immer zu in dem Werk des Herrn, weil ihr wisst, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist im Herrn!
1. Korinther 15,51-58

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Die Lektionen der Gnade (Teil 3)

von Sam Derksen Lesezeit: 9 min