Die Allgegenwart Gottes

25 Februar, 2026

Kategorie: Bücher, Erbauung

Die Allgegenwart Gottes
 

»Im Anfang … Gott« (1.Mo. 1,1). Im Anfang war Gott, nicht die Materie; denn die Materie kann sich nicht selbst erzeugen. Sie erfordert eine Ursache im Vorfeld, und diese Ursache ist Gott – nicht ein Naturgesetz, denn das Naturgesetz ist lediglich ein anderer Name für den Lauf, dem die gesamte Schöpfung folgt. Dieser Lauf musste vorher geplant werden, und der Planer ist Gott – nicht der Verstand, denn auch der Verstand ist etwas Erschaffenes und braucht einen Schöpfer, der hinter ihm steht. Im Anfang war Gott, die ursachenlose Ursache von Materie, Geist und Naturgesetz. Dort müssen wir beginnen.

Adam sündigte und versuchte dann in seiner Panik verzweifelt, das Unmögliche zu tun: Er versuchte, sich vor der Gegenwart Gottes zu verstecken. Auch David musste verzweifelte Gedanken gehabt haben, als er versuchte, vor der Gegenwart Gottes zu fliehen, denn er schrieb:

»Wo sollte ich hingehen vor Deinem Geist, und wo sollte ich hinfliehen vor Deinem Angesicht?«
Psalm 139,7

Und dann fuhr er in diesem Psalm – einer seiner schönsten Psalmen – fort, um die Herrlichkeit der göttlichen Allgegenwart zu preisen:

»Stiege ich hinauf zum Himmel, so bist Du da; machte ich das Totenreich zu meinem Lager, siehe, so bist Du auch da! Nähme ich Flügel der Morgenröte und ließe mich nieder am äußersten Ende des Meeres, so würde auch dort Deine Hand mich führen und Deine Rechte mich halten!«
Psalm 139,8-10

David wusste, dass das Wesen und das Erkennen Gottes dasselbe sind, dass die erkennende Gegenwart Gottes bereits bei ihm war, noch bevor er geboren wurde, und dass Er das Geheimnis des sich entfaltenden Lebens beobachtete. Salomo rief aus:

»Aber wohnt Gott wirklich auf der Erde? Siehe, die Himmel und aller Himmel Himmel können Dich nicht fassen; wie sollte es denn dieses Haus tun, das ich gebaut habe!«
1. Könige 8,27

Und Paulus versicherte den Athenern, dass Gott

»jedem Einzelnen von uns nicht ferne [ist]; denn ›in Ihm leben, weben und sind wir‹.«
Apostelgeschichte 17,27-28

Wenn Gott an jedem Punkt des Universums gegenwärtig ist, und wenn es keinen Ort gibt – und wir uns noch nicht einmal einen Ort vorstellen könnten –, an dem Er nicht wäre, warum ist dann diese Seine Gegenwart nicht zu der einen universell gepriesenen Tatsache der ganzen Welt geworden? Der alte Patriarch Jakob erhielt »in der Öde, im Geheul der Wildnis« (5.Mo. 32,10) die Antwort auf diese Frage. Nachdem er eine Vision von Gott bekommen hatte, rief er verwundert aus: »Wahrlich, der HERR ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht!« (1.Mo. 28,16). Jakob war nie auch nur den Bruchteil eines Augenblicks außerhalb der Reichweite dieser alles durchdringenden Gegenwart gewesen. Aber er hatte es nicht gewusst. Das war sein Problem, und das ist auch unser Problem. Die Menschen wissen einfach nicht, dass Gott hier ist. Was für einen Unterschied würde es ausmachen, wenn sie es wüssten!

Die Gegenwart Gottes und die Offenbarung dieser Gegenwart ist nicht dasselbe. Das eine kann ohne das andere vorhanden sein. Gott ist hier, auch wenn wir uns dessen überhaupt nicht bewusst sind. Er offenbart sich jedoch nur, wenn und soweit wir uns Seiner Gegenwart bewusst sind. Unsere Aufgabe besteht darin, uns dem Studium des Wortes Gottes hinzugeben, denn durch Sein Wort und Seinen Geist erkennen wir den Vater und den Sohn (Joh. 14,26). Wenn wir im Geist und in der Wahrheit wandeln, wird Gott sich uns in Seinem Wort offenbaren, und diese Offenbarung wird den Unterschied ausmachen zwischen einem Leben als Namenschrist und einem Leben, das vom Licht Seines Angesichts erleuchtet ist.

Unser Streben nach Gott ist gerade deshalb erfolgreich, weil Er immer versucht, sich uns zu offenbaren. Wenn Gott sich einem Menschen offenbart, bedeutet das nicht, dass Gott aus weiter Ferne zu einer bestimmten Zeit kommt, um der Seele des Menschen einen kurzen und bedeutsamen Besuch abzustatten. Wer so denkt, hat alles falsch verstanden. Die Annäherung Gottes an die Seele oder die der Seele an Gott ist überhaupt nicht in räumlichen Begriffen zu verstehen. Das Konzept beinhaltet keine Vorstellung von physischer Distanz. Es ist keine Frage von Entfernungen, sondern eine Frage der Beziehung.

Wenn wir davon sprechen, Gott nah bzw. fern zu sein, verwenden wir eine Sprache, die wir immer im Sinn unserer gewöhnlichen menschlichen Beziehungen verstehen. Ein Vater kann beispielsweise sagen: »Ich habe das Gefühl, dass mein Sohn mir immer näher kommt, je älter er wird«, obwohl dieser Sohn seit seiner Geburt an der Seite seines Vaters gelebt hat und in seinem ganzen Leben nie länger als einen Tag von zu Hause weg war. Was kann dieser Vater also meinen, wenn er so etwas sagt? Er bezieht sich damit offensichtlich auf die gemeinsame Beziehung. Er meint damit, dass der Junge ihn immer besser kennen und verstehen lernt, dass es zwischen ihnen immer weniger Schranken hinsichtlich ihrer Gedanken und ihres Verständnisses gibt, dass Vater und Sohn in Geist und Herz immer mehr zusammenwachsen.

Wenn wir also singen »Näher, mein Gott, zu Dir«, so meinen wir damit nicht eine räumliche Nähe, sondern eine Nähe in unserer Beziehung zu Gott. Wir beten damit um zunehmende Vertrautheit mit Ihm, um ein immer vollkommeneres Bewusstsein der Gegenwart Gottes. Wir brauchen niemals durch die Weiten des Weltraums nach einem abwesenden Gott zu schreien. Er ist uns näher als unsere eigene Seele, näher als unsere geheimsten Gedanken.

Warum kommen manche Menschen in eine engere Beziehung zu Gott, und andere nicht? Warum erkennen Gott manche mehr und andere weniger? Natürlich beinhaltet der Wille Gottes für alle dasselbe. Er hat in Seiner Gemeinde keine Lieblinge. Alles, was Er jemals für eines Seiner Kinder getan hat, möchte Er auch für alle Seine Kinder tun. Der Unterschied liegt also nicht bei Gott, sondern bei uns.

Nehmen wir einmal einige Glaubensvorbilder, deren Leben und Zeugnisse allgemein bekannt sind – seien es Personen aus der Bibel oder auch bekannte Christen aus der nachbiblischen Zeit. Es fällt einem sofort auf, dass die Heiligen nicht alle gleich waren. Manchmal waren die Unähnlichkeiten so groß, ja geradezu eklatant. Wie sehr unterschied sich z. B. Mose von Jesaja, oder Elia von David. Wie unterschiedlich waren Johannes und Paulus, oder Luther und Calvin, oder Whitefield und Edwards. Die Unterschiede zwischen diesen Menschen sind so umfangreich wie das Leben selbst: Unterschiede der Rasse, der Nationalität, der Bildung, des Temperaments, der Gewohnheiten und der persönlichen Eigenschaften. Und doch sind sie alle, jeder zu seiner Zeit, auf einem Höhenweg des geistlichen Lebens gegangen, der sich weit über den üblichen Weg erhob.

Das, was sie voneinander unterschied, muss rein nebensächlicher Natur und in den Augen Gottes ohne jede Bedeutung gewesen sein. Eine wesentliche Eigenschaft hatten sie alle gemeinsam. Doch worin genau bestand diese Eigenschaft?

Ich wage zu behaupten, dass es sich bei dieser wesentlichen Eigenschaft um ihre geistliche Empfänglichkeit handelte. Es gab da etwas in ihnen, das der himmlischen Welt gegenüber völlig offen war und sie zu Gott hin drängte. Ohne eine tiefgreifende Analyse durchzuführen, möchte ich einfach sagen, dass sie ein geistliches Bewusstsein besaßen und dieses Bewusstsein pflegten, bis es schließlich das Größte und Wichtigste in ihrem Leben wurde. Sie unterschieden sich vom Durchschnittsmenschen insofern, dass sie, sobald sie die innere Sehnsucht nach Gott verspürten, sich in die tiefe Gemeinschaft mit Ihm durch Gottes Wort und Gebet begaben. Sie pflegten die lebenslange Gewohnheit, auf geistliche Impulse zu reagieren und mit Gott in eine tiefe Beziehung zu treten. David drückte es treffend aus:

»Mein Herz hält Dir vor Dein Wort: ›Sucht Mein Angesicht!‹ Dein Angesicht, o HERR, will ich suchen.«
Psalm 27,8

Geistliche Empfänglichkeit ist nicht eine einzelne Sache, sondern eine Verbindung, eine Verschmelzung aus verschiedenen Elementen in der Seele. Sie ist eine Neigung, eine positive Reaktion, ein Verlangen. Daraus kann man schließen, dass sie in verschiedenen Ausprägungen vorhanden sein kann, dass wir je nach Person mehr oder weniger davon haben können. Sie kann durch Ausübung verstärkt oder durch Vernachlässigung zerstört werden. Sie ist keine souveräne und unwiderstehliche Kraft, die von oben über uns hereinbricht. Sie ist zwar eine Gabe Gottes, aber sie muss wie jede andere Gabe erkannt und kultiviert werden, wenn sie den Zweck, für den sie gegeben wurde, erfüllen soll.

Dass wir das nicht erkannt haben, ist die Ursache für einen sehr ernsten Niedergang im gegenwärtigen Christentum. Der Gedanke der Kultivierung und Ausübung, der treuen Christen zu allen Zeiten so wichtig war, hat in unserem Gesamtbild über das Christsein keinen Platz mehr. Das ist zu langwierig, zu gewöhnlich.

Wonach heute viele Christen suchen, sind aufregende, schnelllebige Aktionen. Eine Generation von Christen, die mit neuster Technologie aufgewachsen ist, hat keine Geduld mehr für langwierigere und weniger effektive Methoden, um ihr Ziel zu erreichen. Wir haben versucht, die Methoden der Technologie auch auf unsere Beziehung zu Gott anzuwenden. Wir lesen täglich unser Kapitel in der Bibel, halten unsere kurze Andacht und eilen davon, in der Hoffnung, unseren inneren Bankrottzustand dadurch auszugleichen, dass wir eine weitere christliche Veranstaltung besuchen oder eine weitere spannende Geschichte anhören, die von irgendeinem religiösen Abenteurer erzählt wird, der kürzlich erst aus einem fernen Land zurückgekehrt ist.

Die tragischen Folgen dieser Geisteshaltung sind überall zu sehen: oberflächliches Leben, sinnentleerte religiöse Philosophien, Unterhaltung in den Gottesdiensten, Verherrlichung von Menschen, Vertrauen auf die Wirkung religiöser Äußerlichkeiten, scheinreligiöse Gemeinschaften, Marketing-Methoden, Verwechslung von dynamischer Persönlichkeit mit der Vollmacht des Heiligen Geistes. Dies und Ähnliches sind die Symptome einer üblen Erkrankung, eines tiefen und ernstzunehmenden Seelenleidens.

Für diese schwere geistliche Krankheit, die auf uns lastet, ist kein einzelner Mensch verantwortlich, und kein Christ ist völlig frei von Schuld. Wir alle haben, direkt oder indirekt, zu diesem traurigen Zustand beigetragen. Wir waren zu blind, um es zu erkennen, oder zu zaghaft, um es anzusprechen, oder zu selbstzufrieden, um etwas Besseres zu wünschen als die armselige Durchschnittskost, mit der andere scheinbar gesättigt werden. Jetzt haben wir einen Tiefpunkt erreicht, eine öde, sandige Steppenlandschaft, und das Schlimmste daran ist, dass wir das Wort der Wahrheit an unser eigenes Verständnis angepasst und diese Tiefebene als die eigentliche grüne Aue der Glückseligen akzeptiert haben.

Es wird ein zielstrebiges Herz und mehr als nur ein wenig Mut erfordern, uns aus dem Würgegriff unserer Zeit zu befreien und zu den biblischen Wahrheiten zurückzukehren. Aber es ist möglich.

Was Gott in Seiner Souveränität noch auf globaler Ebene tun mag, behaupte ich nicht zu wissen; doch was Er für den einfachen Mann oder die einfache Frau tun wird, der bzw. die Sein Angesicht sucht, glaube ich zu wissen und kann es anderen mitteilen. Jeder wahre Christ, der sich Gott täglich ernsthaft zuwendet und beginnt, sich »in der Gottesfurcht [zu üben]« (1.Tim. 4,7), der wird mehr und mehr in der Erkenntnis Gottes wachsen und zu größerer Freude in dem Herrn gelangen, als er in seinen mageren und schwachen Tagen je erhofft hatte.

Jeder Mensch, der sich durch Buße, Glauben und aufrichtige Umkehr zu Gott aus seinem bisherigen Lebensstil löst und die Heilige Schrift selbst als geistlichen Maßstab heranzieht, der wird von dem, was er dort vorfindet, erquickt werden.

Lasst es uns noch einmal sagen: Die Allgegenwart Gottes ist eine Tatsache. Gott ist hier. Das ganze Universum ist mit Seinem Leben erfüllt. Er ist kein wunderlicher oder fremder Gott, sondern der uns vertraute Vater unseres Herrn Jesus Christus, dessen Liebe seit Jahrtausenden das sündige Menschengeschlecht umgibt. Gott möchte sich uns durch das gepredigte Wort in Seiner Gemeinde sowie durch die persönliche Gemeinschaft mit Ihm offenbaren und uns immer mehr in das Bild Seines Sohnes verwandeln. Durch Seinen Geist und Sein unfehlbares Wort können wir Ihn erkennen, wenn wir Ihn nur ernsthaft suchen. Und das nennen wir Streben nach Gott! Wir werden Seine Heiligkeit, Gerechtigkeit, Weisheit, Allgegenwart, Liebe und Gnade in zunehmendem Maße erkennen, je mehr wir tiefe Gemeinschaft mit Ihm im Gebet und in Seinem Wort pflegen.


Entnommen aus dem Buch:

Streben nach Gott

    • Dürstest du nach Gott?
    • Willst du Ihn mehr erkennen?
    • Sehnst du dich nach geistlicher Veränderung in deinem Leben?

Dann ist dieses Buch genau das Richtige für dich! Ganz gleich, ob du nach mehr Erkenntnis Gottes dürstest oder noch nichts von der mächtigen Sehnsucht nach Gott weißt – dieses Buch möchte dich in eine tiefe, beständige Beziehung zu dem Einen ziehen, der die Seele nährt.

Dieses geistliche Meisterwerk von Tozer, das durchdrungen ist vom Evangelium, deckt die Hindernisse auf, die uns davon abhalten, Gott in Wahrheit zu erkennen. Es zeigt uns unsere Verantwortung zum Streben nach Ihm auf und möchte uns schließlich dazu bringen, beständig in der Gegenwart Gottes zu leben.

 

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Die Allgegenwart Gottes

von Lucas Derksen Lesezeit: 9 min