Der Mensch ist ein ruheloses und zutiefst zerrissenes Geschöpf. Er lebt in einer Welt, die er nicht versteht. Und doch lässt sich in seinem Gewissen die Frage nach Gott nicht zum Schweigen bringen. Er erkennt, dass die Dinge nicht so sind, wie sie sein sollten, und dass es eine Wirklichkeit geben muss, die größer ist als er selbst.
Immer wieder kreist das Denken des Menschen um dieselben Fragen:
Wenn es einen Gott gibt, kann man Ihn erkennen?
Wenn es eine ultimative Wahrheit gibt, wie kann man sie finden?
Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte dieser Suche. Der Mensch sucht Gewissheit in sich selbst, in seiner Vernunft, in Philosophie und Wissenschaft. Doch keiner dieser Wege führt ihn zur wahren Erkenntnis Gottes. Durch unsere eigenen Anstrengungen werden wir niemals zu dieser höchsten Erkenntnis gelangen.
Paulus fasst dieses Dilemma in einem Satz zusammen: »Denn weil die Welt durch [ihre] Weisheit Gott in Seiner Weisheit nicht erkannte …« (1.Kor. 1,21). Das war damals so, und es ist bis heute so geblieben. Die Welt erkennt Gott nicht durch ihre eigene Weisheit.
Dafür gibt es zwei Gründe: Gott ist Gott – ewig, unbegreiflich, unendlich in Majestät, Macht und Heiligkeit. Und der Mensch ist Mensch – vergänglich, begrenzt und sündig. Darum kann der natürliche Mensch aus eigener Kraft nicht zur Erkenntnis Gottes gelangen.
Was bleibt ihm also? Er muss sein eigenes Scheitern erkennen und begreifen, dass er vor Gott hilflos und von Ihm abhängig ist. Hoffnung gibt es nur, wenn Gott Selbst sich in Seiner Gnade dem Menschen offenbart.
Und genau das hat Gott getan. Er hat sich offenbart, den Schleier zerrissen und Licht in unsere Finsternis gesandt.
In Seiner unendlichen Gnade hat Gott beschlossen, sich Selbst uns zu offenbaren – in Jesus Christus, Seinem Sohn, »der Ausstrahlung Seiner Herrlichkeit und Abdruck Seines Wesens ist« (Hebr. 1,3; ELB), dem Weg, der Wahrheit und dem Leben (s. Joh. 14,6). Gott hat geredet – zuletzt in Seinem Sohn (Hebr. 1,2).
1. Gott offenbart sich in Christus – Die Schrift weist auf Ihn hin
Wenn wir uns diesem großartigen Thema der Offenbarung zuwenden, stehen wir unmittelbar vor der zentralen Tatsache: der Person des Herrn Jesus Christus. Gott hat sich auf verschiedene Weise offenbart. Er hat sich in der Schöpfung gezeigt; deshalb schreibt Paulus in Römer 1,19 ff., dass wir »keine Entschuldigung haben«, wenn wir Ihn dort nicht erkennen. Doch aufgrund unserer Sünde erkennen wir Gott in der Schöpfung nicht so, wie Er wirklich ist. Die Offenbarung ist vorhanden, aber unsere Augen sind blind.
Gott hat sich auch in der Geschichte des Alten Testaments auf vielfältige Weise offenbart. Aber als Christen beginnen wir mit der großen, zentralen Tatsache der Offenbarung: mit dem Herrn Jesus Christus. Die ganze Bibel weist auf Ihn hin. Das Alte Testament blickt Ihm entgegen und kündigt den Einen an, der kommen wird. Manchmal scheint diese Verheißung in weiter Ferne zu liegen, an anderen Stellen leuchtet sie klar hervor. Doch überall bereitet Gott die Menschen auf die Offenbarung Seines Sohnes vor. Das Alte Testament vermittelt eine gespannte Erwartung auf den Einen, der kommen soll.
Und sobald wir das Neue Testament aufschlagen, begegnen wir der Erfüllung: Jesus Christus. Er ist das Zentrum der Offenbarung und die Erfüllung der Verheißung.
Paulus hatte sich vorgenommen, unter den Korinthern »nichts anderes zu wissen als nur Jesus Christus, und zwar als Gekreuzigten« (1.Kor. 2,2). Er begann nicht mit endlosen philosophischen Vorträgen, sondern er verkündigte Christus. Auch wir beginnen mit Ihm, denn Er ist die höchste und letztgültige Autorität. Die ganze christliche Botschaft steht und fällt mit Seiner Person.
Wie leicht können selbst Christen diese zentrale Wahrheit aus dem Blick verlieren und sich in Einzelheiten verlieren. Darum müssen wir immer wieder zum Zentrum zurückkehren – zu Jesus Christus.
Von der ersten Seite des Neuen Testaments bis zur letzten zieht sich ein gewaltiger Anspruch: die überragende Autorität des Herrn Jesus Christus. Wenn das, was die Schrift über Ihn sagt, nicht wahr wäre, dann hätte sie uns letztlich nichts zu geben. Ist es aber wahr – und das ist es –, dann ist Jesus Christus der Schlüssel zur ganzen Offenbarung Gottes, der Mittelpunkt der Geschichte, der Herr aller Dinge, der Richter der Welt und der einzige Retter Seines Volkes.
2. Christus handelt als Herr – Die Evangelien bezeugen Ihn
Schon Matthäus beginnt sein Evangelium mit einem Hinweis auf die Erfüllung der Prophetie: »›Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären; und man wird Ihm den Namen Immanuel geben‹, das heißt übersetzt: ›Gott mit uns‹« (Mt. 1,23). Von Anfang an wird deutlich, dass dieses Kind niemand Geringeres ist als Gott Selbst, der nun unter uns wohnt.
Auch die Botschaft des Engels an die Hirten ist eindeutig: »Denn euch ist heute in der Stadt Davids der Retter geboren, welcher ist Christus, der Herr« (Lk. 2,11). Diese drei Worte – »Christus, der Herr« – treffen den Kern. Von Anfang an steht fest: In Ihm begegnet uns der Herr der Herrlichkeit.
Auch Johannes der Täufer weist von sich weg auf Christus: »Es kommt … Einer, der stärker ist als ich« (Lk. 3,16).Johannes ist nur der Herold; Christus aber ist der Herr.
Die Evangelien verfolgen dieses Ziel mit großer Klarheit und bezeugen immer wieder denselben Anspruch. Von den ersten Kapiteln an bis zu Kreuz und Auferstehung lautet ihre Botschaft: Er ist der Herr.
Der Vater bestätigt Ihn
Doch nicht nur Menschen bezeugen Seine Autorität. Bei der Taufe Jesu legt der Himmel Selbst Zeugnis von Ihm ab. Der Herr stellt sich in Demut unter die Taufe des Johannes, in die Reihe der Sünder – Er, der doch ohne Sünde ist. Als Er aus dem Wasser steigt, öffnet sich der Himmel, der Heilige Geist kommt auf Ihn herab, und die Stimme des Vaters spricht: »Dies ist Mein geliebter Sohn, an dem Ich Wohlgefallen habe!« (Mt. 3,17).
Auf dem Berg der Verklärung ertönt dieselbe Stimme erneut, diesmal mit einem entscheidenden Zusatz: »Dies ist Mein geliebter Sohn, an dem Ich Wohlgefallen habe; auf Ihn sollt ihr hören!« (Mt. 17,5). Damit beantwortet Gott Selbst die Frage nach Wahrheit und letzter Autorität: »Auf Ihn sollt ihr hören!« Taufe und Verklärung Jesu bezeugen dieselbe Wahrheit: Jesus Christus ist die höchste und endgültige Autorität.
Er spricht mit Vollmacht
Jesus unterscheidet bewusst zwischen »Meinem Vater« und »eurem Vater« und macht damit Seine einzigartige Stellung deutlich. In Matthäus 11,27 sagt Er: »Niemand erkennt den Sohn als nur der Vater; und niemand erkennt den Vater als nur der Sohn und der, welchem der Sohn es offenbaren will.« Und in Johannes 14,6 erklärt Er: »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater als nur durch Mich!«
Besonders deutlich wird das in der Bergpredigt. Dort spricht Jesus mit einer Autorität, die nichts weniger als göttlich ist: »Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: … Ich aber sage euch: …« (Mt. 5,21-22; 27-28). Er beruft sich nicht auf die Autorität anderer Lehrer. Er spricht mit der Autorität des Himmels.
Darin unterscheidet Er sich grundlegend von den Propheten des Alten Testaments. Sie waren von Gott berufen und waren Träger Seiner Botschaft. Doch keiner von ihnen sagte: »Ich aber sage euch: …« Sie sprachen lediglich: »So spricht der HERR« (z. B. Sach. 8,3). Jesus Christus dagegen sagt: »Ich aber sage euch: …«
Dies ist der Wendepunkt der Heilsgeschichte: Nicht mehr ein Prophet spricht im Namen Gottes, Gott Selbst spricht. Die höchste Autorität steht vor ihnen.
Am Ende der Bergpredigt erhebt Jesus einen Anspruch von überwältigender Tragweite: »Ein jeder nun, der diese Meine Worte hört und sie tut, den will Ich mit einem klugen Mann vergleichen, der sein Haus auf den Felsen baute … Und jeder, der diese Meine Worte hört und sie nicht tut, wird einem törichten Mann gleich sein, der sein Haus auf den Sand baute« (Mt. 7,24.26).
Beachten wir die Betonung: »diese Meine Worte«. Sein eigenes Wort ist der Maßstab für Leben und Gericht. An anderer Stelle sagt Er: »Himmel und Erde werden vergehen, aber Meine Worte werden nicht vergehen« (Mt. 24,35). Hier spricht der Eine, der nicht nur Zeuge des Wortes ist, sondern das Wort Selbst mit göttlicher Autorität.
Er ruft in Seine Nachfolge
Auch Seine Wunder bestätigten Seine göttliche Autorität. Sie linderten menschliche Not, doch zugleich offenbarten sie, dass Er tatsächlich der verheißene Messias ist. Ihr eigentliches Ziel bestand nicht darin, zu begeistern, sondern zu überzeugen: Dieser Jesus ist der Sohn Gottes. Und Er Selbst hat diesen Anspruch immer wieder erhoben.
Denken wir an eine schlichte, aber eindrückliche Szene: Jesus kommt an der Zollstelle vorbei. Dort sitzt Matthäus mitten in seinem Tagesgeschäft. Der Herr bleibt stehen, sieht ihn an und sagt: »Folge Mir nach!« (Mt. 9,9). Matthäus steht auf, lässt alles zurück und folgt Ihm.
Er vergibt Sünden
Doch der Herr geht noch weiter: Er beansprucht die Vollmacht, Sünden zu vergeben. Kein Rabbi, Prophet oder Priester hätte je gewagt, so zu sprechen. Als Er zu einem Gelähmten sagt: »Deine Sünden sind dir vergeben!«, empören sich die Schriftgelehrten mit den Worten: »Wer kann Sünden vergeben als nur Gott allein?« (Mk. 2,5.7). Das ist der entscheidende Punkt. Jesus heilt den Gelähmten auf sichtbare Weise und beweist damit, dass Er auch die Macht hat, Sünden zu vergeben (s. V. 11).
»Wer ist Dieser, der sogar Sünden vergibt?« (Lk. 7,49). Wenn Er Sünden vergeben kann, dann ist Er Gott. Und wenn Er Gott ist, bleibt uns nur eines: Ihm zu glauben und Ihm zu gehorchen.
Wie leicht verfehlen wir diese Botschaft, wenn wir das Christentum lediglich als Hilfe zu einem besseren Leben darstellen. Unsere Aufgabe ist nicht, Vorteile anzubieten, sondern Christus zu verkündigen, Ihn Selbst, die höchste Autorität. Wenn Er Derjenige ist, der Er zu sein beansprucht, dann sind Glaube und Gehorsam die einzig angemessene Antwort.
3. Christus wird als der Herr erkannt
Die Menschen staunen
Am Ende der Bergpredigt lesen wir: »Und es geschah, als Jesus diese Worte beendet hatte, erstaunte die Volksmenge über Seine Lehre, denn Er lehrte sie wie Einer, der Vollmacht hat, und nicht wie die Schriftgelehrten« (Mt. 7,28-29). Die Menschen waren überwältigt. So hatten sie noch nie jemanden reden hören. Er sprach nicht wie einer, der fremde Autoritäten vertritt, sondern wie Einer, der Selbst die Quelle der Wahrheit ist.
Darin lag der Unterschied: Er berief sich nicht auf eine höhere menschliche Autorität, Er Selbst sprach mit höchster Autorität.
Die Dämonen erzittern
Nicht nur Menschen erkannten Seine Autorität; selbst die Mächte der Finsternis wussten, wer hier vor ihnen stand. Die Dämonen schrien: »Was haben wir mit Dir zu tun, Jesus, Du Sohn Gottes?« (Mt. 8,29). Seine Gegenwart entlarvte sie, und Seinem Befehl mussten sie gehorchen.
Die Feinde widersprechen
Auch Seine Feinde verstanden Seinen Anspruch. Sie widersprachen Ihm nicht etwa deshalb, weil sie Ihn missverstanden hätten, sondern gerade weil sie erkannten, dass Er göttliche Autorität beanspruchte. In Johannes 10,33 sagen sie: »Nicht wegen eines guten Werkes wollen wir Dich steinigen, sondern wegen Gotteslästerung, und zwar weil Du, der Du ein Mensch bist, Dich Selbst zu Gott machst!«
Die Jünger bekennen es
Petrus bekennt in Cäsarea Philippi: »Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!« (Mt. 16,16). Und als viele Menschen Jesus verlassen, fragt Er die Zwölf: »Wollt ihr nicht auch weggehen?« Petrus antwortet: »Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt, dass Du der Christus bist, der Sohn des lebendigen Gottes!« (Joh. 6,66-69).
Das ist das Bekenntnis wahrer Jüngerschaft: Zu wem sollen wir gehen? Du allein hast Worte ewigen Lebens. Du allein bist Herr. Du bist die höchste und letztgültige Autorität.
4. Christus triumphiert als der Herr
Am Kreuz besiegt Er die Sünde
Doch trotz all dieser Zeugnisse wird der Herr Jesus Christus in scheinbarer Schwachheit gekreuzigt. Der, der ewiges Leben schenkt, stirbt. Der, durch den alles geschaffen wurde, begibt sich in die Hände sündiger Menschen. Man nagelt Ihn ans Kreuz. Er stirbt scheinbar besiegt, verworfen und verlassen. Sein Leib wird in ein Grab gelegt und ein schwerer Stein davorgewälzt.
Und gerade in diesem Augenblick äußerster Erniedrigung leuchtet Seine Autorität am hellsten auf. Denn der Tod war nicht das Ende, sondern der Augenblick des Sieges. Durch Sein Opfer entwaffnete Er die Mächte der Finsternis, und durch Seine Auferstehung besiegte Er den Tod. Er wurde in Schwachheit gekreuzigt, doch Er lebt »aus der Kraft Gottes« (2.Kor. 13,4).
In Seiner Auferstehung besiegt Er den Tod
Die Auferstehung Jesu Christi bestätigt Seine göttliche Autorität endgültig und unwiderlegbar. Kein Prophet, Religionsstifter oder Philosoph kann das von sich sagen. Alle anderen blieben im Grab. Christus ist auferstanden! Er spricht: »Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige; und Ich war tot, und siehe, Ich lebe von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen! Und Ich habe die Schlüssel des Totenreiches und des Todes« (Off. 1,17-18).
Darum ist die Auferstehung das Siegel Gottes auf allem, was Christus gesagt und getan hat. Wäre Er nicht auferstanden, verlöre alles andere seine Bedeutung. Doch weil Er lebt, ist jedes Seiner Worte wahr, jede Verheißung gewiss und jeder Seiner Ansprüche bestätigt.
Thomas hatte gezweifelt. Doch als der auferstandene Herr vor ihm stand, wurde der Zweifler zum Anbeter und bekannte: »Mein Herr und mein Gott!« (Joh. 20,28).
Seit Seiner Himmelfahrt regiert Er über alles
Die Auferstehung ist aber nicht der Schlusspunkt. Sie führt zur Erhöhung und Krönung Christi. Derselbe Jesus, der aus dem Grab hervorging, fuhr vor den Augen Seiner Jünger in den Himmel auf: »Und es geschah, indem Er sie segnete, schied Er von ihnen und wurde aufgehoben in den Himmel. Und sie warfen sich anbetend vor Ihm nieder und kehrten nach Jerusalem zurück mit großer Freude« (Lk. 24,51-52).
Wir dürfen diesen entscheidenden Teil des Evangeliums nicht übersehen: Der Auferstandene regiert. Die Himmelfahrt bezeugt, dass Sein Sieg endgültig ist und alles Ihm unterworfen ist. »Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden« (Mt. 28,18).


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