Im letzten Teil ging es darum, dass Gottes Wort die Quelle der Wahrheit und des Glücks ist. Jesus sagt: »Glückselig sind die, die Gottes Wort hören und es bewahren.« Doch spätestens an diesem Punkt stellt sich eine wichtige Frage: Was bedeutet es eigentlich, Gott gehorsam zu sein?
Viele Christen kämpfen diesbezüglich mit Unsicherheit. Manche denken bei Gehorsam sofort an Druck, Angst und ständiges Versagen. Andere reden viel von Gnade, nehmen Gottes Wort aber kaum noch ernst. Doch die Bibel zeigt uns einen anderen Weg: den Gehorsam, der aus Liebe und Gnade erwächst.
Wenn wir davon sprechen, dem Wort Gottes gehorsam zu sein, müssen wir zwischen zwei Arten des Gehorsams unterscheiden: einerseits dem gesetzmäßigen Gehorsam und andererseits dem Gehorsam aufgrund der Gnade.
Der gesetzmäßige Gehorsam – oder besser gesagt: der gesetzliche Gehorsam – entspricht dem »Bund der Werke«, dem »Alten Bund« bzw. dem »Mosaischen Bund«. Gesetzlicher Gehorsam verlangt nach absolutem, vollkommenem Gehorsam ohne einen einzigen Fehler (Gal. 3,10). Wenn du einmal versagst, ist alles vorbei. Eine falsche Bewegung, und du bist erledigt. Das ist der »Bund der Werke«; doch im Gegensatz dazu schenkt Gott uns den »Bund der Gnade«.
Der Gehorsam aufgrund der Gnade entspricht Gottes liebender, gnädiger, barmherziger und vergebender Haltung. Der gesetzliche Gehorsam sagt, dass du unbedingt jedes einzelne Gebot halten musst, oder du bist erledigt. Der Gehorsam aufgrund der Gnade sagt: Wenn Gott in deinem Herzen den Geist der Gnade sieht, wenn Er eine aufrichtige, liebende und demütige Bereitschaft zum Gehorsam erkennt, wenn Er eine positive Reaktion auf Sein Wort sieht, dann gelten wir für Ihn als gehorsam – auch wenn es bisweilen vorkommt, dass wir versagen. Auch wenn unser durch Gnade gewirkter Gehorsam voller Mängel ist, ist das doch die rechte Haltung, die Gott wünscht. Das ist ein erstaunliches Prinzip, das ich gern im Folgenden veranschaulichen möchte.
Was der Herr in Petrus sah
In einem meiner Lieblingskapitel, Johannes 21, werden mehrere geistliche Wahrheiten sehr lebendig dargestellt. Es geht um Petrus, der fischen gegangen ist, obwohl er das nicht sollte. Der Herr hatte ihn bereits in den geistlichen Dienst berufen; doch als er und andere Jünger fischen gehen und damit den Ruf des Herrn missachten, fangen sie nichts. Als der Morgen anbricht, taucht Jesus am Ufer auf und fragt sie, ob sie nichts gefangen haben. Petrus hat wie alle anderen nichts vorzuweisen. Es ist ihnen eine große Lehre, weil Gott ihnen hiermit sagt: »Wenn du meinst, du kannst jetzt einfach wieder zum Fischen zurückkehren, dann täuschst du dich. Du bist in den geistlichen Dienst berufen; also ist deine Fischerei zu Ende. Ich kann jeden Fisch in jedem See, dem du dich näherst, von dir weg lenken.« Und Jesus ruft sie, frühstücken zu kommen.
Der Herr hat Frühstück gemacht, und ich stelle mir vor, dass Er auf diese Weise Frühstück gemacht hat, wie Er auch alles andere geschaffen hat; Er sprach: »Frühstück!« – und schon war das Frühstück da. Als sie mit Essen fertig sind, sagt Jesus, wie es in Vers 15 heißt: »Simon, Sohn des Jonas, liebst du Mich mehr als diese?« Das ist eine interessante Aussage. Jesus gebraucht das großartigste Wort für »Liebe«, das es im Griechischen gibt: agapao, von dem das Wort agape abgeleitet ist.
Mit anderen Worten sagt Jesus hier: »Liebst du Mich über alles? Liebst du Mich bis an die Grenzen der Liebe?« Petrus antwortet: »Ich habe Dich auf jeden Fall sehr gern.« Petrus gebraucht ein anderes Wort, phileo, das eine geringere Liebe ausdrückt. Und der Herr sagt: »Weide Meine Lämmer.« Und Jesus fragt Petrus ein zweites Mal: »Petrus, liebst du Mich über alles?« Und Petrus antwortet wieder: »Ach Herr, ich mag Dich sehr gern.« Und Jesus spricht: »Hüte Meine Schafe« (V. 16).
Weißt du, warum Petrus immer antwortet: »Ich mag Dich ganz gern«, anstatt das Wort für Liebe zu gebrauchen, das Jesus gebraucht? Es ist ganz einfach. Sein Leben entspricht einfach nicht einer solchen Aussage. Er weiß genau, dass Jesus, falls er gesagt hätte: »Herr, ich liebe Dich über alles«, geantwortet hätte: »Aha, bist du Mir also deshalb nicht gehorsam? Hast du vergessen, dass Ich dir vor langer Zeit gesagt habe, dass du, wenn du Mich liebst, Meine Gebote halten wirst? Wie kannst du behaupten, dass du Mich über alles liebst, wenn du nicht einmal das tust, was Ich sage?« Petrus will sich nicht selbst eine Falle stellen; deshalb sagt er: »Ich mag Dich ganz gern.«
»Und das dritte Mal fragt Er ihn: Simon, Sohn des Jonas, hast du Mich lieb?« (V. 17). Jesus fragt: »Petrus, magst du Mich wirklich ganz gern?« Das tut weh. Petrus denkt, er verhalte sich fair; er behauptet ja gar nicht, Jesus über alles zu lieben; doch Jesus stellt sogar die Liebe in Frage, die Petrus behauptet zu haben. In dem Vers heißt es weiter: »Da wurde Petrus traurig, dass Er ihn das dritte Mal fragte: Hast du Mich lieb? [bzw.: Hast du Mich sehr gern?], und er sprach zu Ihm: Herr, Du weißt alle Dinge; Du weißt, dass ich Dich lieb habe.« Petrus sagt hiermit: »Herr, du weißt doch alles. Du weißt, dass ich dich sehr gern habe.«
Er beruft sich auf die Lehre von der Allwissenheit Gottes. Er möchte, dass Jesus in seinem Herzen liest, weil seine Liebe in seinem Leben nicht zu sehen ist. Die Lehre von der Allwissenheit Gottes ist eine großartige Realität; doch als Kind dachte ich, dass sie schlecht sei; ich dachte, Gott würde herumschleichen und uns alle ausspähen. Heute weiß ich, dass es ohne Gottes Allwissenheit viele Tage gäbe, an denen Er nicht wissen könnte, dass ich Ihn liebe, weil es in meinem Leben nicht zu sehen ist. Deshalb sagt Petrus: »Herr, Du weißt doch alles – Du weißt, dass ich Dich liebe.«
Und weißt du, was der Herr Jesus zu Petrus sagt? Er schaut diesen Jünger an, der sich nicht einmal zur höchsten menschlichen Liebe bekennen kann – diesen Mann, der nicht einmal gehorsam sein kann; der während des Betens nicht wach bleiben kann; der bei jeder Gelegenheit ins Fettnäpfchen tritt; der fast ertrunken wäre, als er übers Wasser hätte gehen können; der Jesus dazu auffordern wollte, nicht ans Kreuz zu gehen; der zum Schwert gegriffen hatte, um die römischen Truppen niederzumetzeln – und Jesus sagt zu diesem Apostel, der so viele Gelegenheiten vermasselt hatte: »Du bist der Richtige.« Drei Mal sagt Er: »Weide Meine Lämmer! … Hüte Meine Schafe! … Weide Meine Schafe!« (V. 15-17).
Jesus nimmt Petrus aufgrund seiner Herzenshaltung an, die eine Bereitschaft zum Gehorsam zeigt, auch wenn Petrus versagt hat. Gott setzt in Seiner Arbeit mit uns nicht einen gesetzmäßigen Gehorsam voraus, sondern einen Gehorsam aufgrund der Gnade. Hier ist ein Mensch, der immer wieder darin versagt, gehorsam zu sein; aber in seinem Herzen ist er wirklich dazu bereit. Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach.
Der Herr Jesus weiß das, und genau so betrachtet Gott auch uns. Er sagt: »Mein Wort ist die Quelle der Freude, wenn du ihm gehorsam bist. Und wenn du Meinem Wort gehorsam bist, dann erfülle Ich dein Leben mit Freude.« Damit meint Er keineswegs, dass es das Ende aller Freude und der Beginn des Elends sei, wenn wir in einem einzigen kleinen Detail Seiner Regeln versagen. Sondern Er sagt: »Wenn Ich in deiner Herzenshaltung einen Lebensstil erkenne, der Hingabe und den Wunsch zum Gehorchen zeigt, dann werde Ich über diese Fehltritte hinwegsehen.« Ihm geht es um tiefe Hingabe, und das ist die Quelle der Freude.
Wenn du das Wort Gottes studierst und hörst, was es sagt, und wenn du seinen Prinzipien auf die Spur kommst und diesen gehorsam bist, weil es dein Herzensanliegen ist, ihnen zu gehorchen, dann gießt Gott Seinen Segen und Seine Freude über dich aus. Doch wenn du dir auf alle erdenkliche gesetzliche Weise Gehorsam abringst, obwohl du in deinem Herzen gar nicht gehorsam sein willst, dann wird Er dir nie die Freude schenken. Gute Taten, denen die richtige Herzenshaltung fehlt, zählen nicht.
Lass mich das erklären.
Gehorsam führt zur Freude
Die Bibel spricht von unterschiedlichen Früchten, auch von der Frucht des Geistes. Bevor es in deinem Leben irgendeine Frucht geben kann – wie zum Beispiel Menschen für Christus zu gewinnen –, und bevor eine äußere Frucht von Bedeutung sein kann, muss sie aus der Frucht des Geistes im Inneren hervorgehen. Aktivitäten, die wie »Frucht« aussehen, aber nicht der richtigen Herzenshaltung entspringen, sind reine Gesetzlichkeit, freudloses Pharisäertum. Wenn du aber andererseits ein Herz mit der richtigen, zum Gehorsam bereiten Haltung hast, wird Gott dir Freude schenken, auch wenn du nach außen hin versagst, weil Er den durch Gnade gewirkten, gehorsamen Geist in deinem Herzen sieht. Das ist es, was Er sich wünscht.
Uns sollte aber auch klar sein, dass Gott uns nicht genau sagt, wann wir diese Freude empfangen werden – es kann gut sein, dass wir eine Weile darauf warten müssen. In Johannes 16 sagt Jesus zu den Jüngern: »Ich gehe«. Sie schauen ziemlich enttäuscht drein, denn sie hatten ja alle ihre Arbeit aufgegeben und waren drei Jahre lang Jesus gefolgt. Dann sagt Jesus sinngemäß in Vers 17: »Bald verlasse Ich euch!« Sie alle denken: »Moment mal – wir haben uns auf dieses Abenteuer eingelassen, weil wir dachten, jetzt käme das Reich Gottes. Was ist denn jetzt los?«
Sie sind sehr betrübt; deshalb spricht Jesus: »Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch: Ihr werdet weinen und wehklagen, aber die Welt wird sich freuen; und ihr werdet trauern, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden.« Mit anderen Worten: »Ihr werdet feststellen, dass es manchmal zuerst Trauer geben muss, bevor es Freude geben kann.« Denn wenn wir die Trauer nicht kennen würden, könnten wir tatsächlich auch die Freude nicht begreifen, wenn sie sich einstellt. Wenn wir den Schmerz nicht kennen, dann kennen wir auch kein Wohlbehagen.
Ich bin einmal auf einen interessanten Artikel gestoßen, in dem es hieß, dass medizinisch kein Unterschied zwischen Jucken und Kitzeln festgestellt werden kann. Doch Kitzeln ist eher etwas, was uns fröhlich macht, während ein Juckreiz etwas Lästiges ist. Zwischen Vergnügen und Schmerz liegt oft nur eine sehr feine Grenze. Zum Beispiel gibt es ja nichts Großartigeres als eine so richtig heiße Dusche. Und doch verspürt man im ersten Moment erst einmal Schmerz, und dann plötzlich – aaah! – da zeigt sich die feine Grenze zwischen Schmerz und Vergnügen. Wenn wir den Schmerz nicht kennen würden, so würden wir auch nicht die Freude kennen, die dieses Vergnügen mit sich bringt.
Während des Studiums spielte ich American Football. Meine gesamte Studienzeit hindurch begegnete ich dieser feinen Grenze zwischen Schmerz und Vergnügen. Man quält seinen Körper wie ein Verrückter, und man hat dabei Schmerzen. Und doch liebt man es mit einer Art widernatürlichem Vergnügen.
Deshalb denke ich, dass Gott unter anderem deshalb Schmerz in unserem Leben zulässt, damit wir die Freude begreifen können, wenn sie sich einstellt. Wenn wir dem Wort Gottes gehorchen, wird Er uns diese Freude schenken. Vielleicht nicht sofort, wenn wir sie uns wünschen, aber immer dann, wenn wir sie brauchen. Ganz egal, was äußerlich in meinem Leben und um mich herum geschieht: Wenn ich das Wort Gottes studiere, verspüre ich eine Freude und Begeisterung, die von nichts zu erschüttern ist.
Warum sollen wir also die Bibel studieren? Im letzten Teil haben wir gelernt, dass sie erstens die Quelle der Wahrheit ist. Zweitens ist sie die Quelle der Freude. Und das ist noch nicht alles an Gewinn. Aber dieser Gewinn darf nicht mit einem gesetzmäßigen Gehorsam in Verbindung gebracht werden.
Ein Auszug aus dem Buch »Wie man die Bibel studiert«.


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