Im ersten Teil haben wir gesehen, wie gefährlich Gesetzlichkeit sein kann. Und wir haben erkannt, dass der Antinomismus, also die Vorstellung, christliche Freiheit bedeute, dass Gebote keine Rolle mehr spielen, ebenfalls in die Irre führt.
Paulus’ Leben zeigt uns, dass echte Gnade Freiheit schenkt – aber nicht zu einem gesetzlosen Leben. Sie befreit uns, und verändert unser Leben, damit es Gott ehrt.
Aber wie hängen Gesetz und Gnade eigentlich zusammen?
Gnade und Gesetz sind keine Gegner
Offensichtlich sind Gnade und Gesetz gänzlich verschiedene Prinzipien. In mancherlei Hinsicht unterscheiden sie sich krass. Es finden sich zwar beide durch die gesamte Bibel hindurch, doch im Alten Testament ist das Gesetz das dominierende Thema. »Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden« (Joh. 1,17). Das Gesetz erklärt die Sünder für schuldig, doch die Gnade schenkt den Gläubigen Vergebung. Das Gesetz spricht einen Fluch aus; die Gnade verkündet einen Segen. Das Gesetz sagt: »Der Lohn der Sünde ist der Tod«, die Gnade sagt: »… aber die Gnadengabe Gottes ist das ewige Leben« (Röm. 6,23).
Überdies ist das Evangelium kein Aufruf an die Sünder, sich selbst zu retten. Es ist kein Rat zu etwas, was der Sünder tun müsse, um das Heil zu erlangen. Es geht ihm nicht um eigene Selbstverbesserung des Sünders. Sondern das Evangelium ist eine Botschaft über Gottes Werk um des Sünders willen. Es verkündet, was Gott tut, um Sünder zu retten. Es dreht sich darum, wie Gott die Gottlosen gerecht macht.
Das ist genau das, was das echte Evangelium so krass von fast jeder anderen verfälschten Version der christlichen Botschaft unterscheidet. Deshalb ist das Evangelium frohe Botschaft. Es ist eine großartige Botschaft der Freiheit vom Fluch des Gesetzes und der Verdammnis durch das Gesetz (Röm. 8,1). Es hat uns »frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes« (V. 2).
Eine rechte Lehre erfordert deshalb, dass zwischen Gesetz und Gnade eine klare Grenze gezogen wird. Doch wenn du die Vorstellung hast, dass die Gnade eine neue Norm der Rechtfertigung einführe, die dem Gesetz widerspreche, oder wenn du dir das Gesetz an sich als einen bösen Einfluss vorstellst, dann hast du nicht sorgfältig genug auf das gehört, was Paulus und die anderen Apostel lehren. »Ist das Gesetz Sünde? Das sei ferne! Aber ich hätte die Sünde nicht erkannt, außer durch das Gesetz« (Röm. 7,7). Schließlich gilt: »… die Sünde ist die Gesetzlosigkeit« (1.Joh. 3,4) – das heißt: Das Gesetz zeigt uns, was Sünde ist. Und das Gesetz definiert auch für uns, was Gerechtigkeit ist (s. 5.Mo. 6,25).
Die Gnade spricht sanfter als das Gesetz, doch beide sind sich nicht uneins darüber, was Sünde und Gerechtigkeit ausmacht.
Und du solltest auch nicht die Vorstellung haben, dass das Prinzip der Rechtfertigung aus Glauben den Gehorsam für Christen überflüssig mache. Die Tatsache, dass den Gläubigen Christi Gerechtigkeit zugerechnet ist, verleiht diesen nicht die Berechtigung, ungerecht zu leben; sondern es motiviert sie und schenkt ihnen den permanenten Wunsch, nach praktischer Gerechtigkeit zu streben.
Auch wenn unsere eigenen guten Werke, unser Gehorsam und unser geheiligtes Leben in keinerlei Weise der Grund unserer Rechtfertigung sind, sind sie dennoch unvermeidliche Früchte aufrichtigen Glaubens und gehören zu den wichtigen Prüfsteinen, anhand derer rettender Glaube von reiner Heuchelei unterschieden werden kann. »So bringt jeder Baum gute Früchte … Darum werdet ihr sie an ihren Früchten erkennen« (Mt. 7,17.20). Die Gläubigen sind gerettet »zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, damit [sie] in ihnen wandeln sollen« (Eph. 2,10).
Gnade und gute Werke
Gnade bringt nicht nur Erlösung; sie lehrt und motiviert Christen auch dazu, ein gerechtes Leben zu führen. Paulus sagt dies ausdrücklich in einer kurzen Abhandlung über die Gnade in Titus 2,11-14:
»Denn die Gnade Gottes ist erschienen, die heilbringend ist für alle Menschen; sie nimmt uns in Zucht, damit wir die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnen und besonnen und gerecht und gottesfürchtig leben in der jetzigen Weltzeit, indem wir die glückselige Hoffnung erwarten und die Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Retters Jesus Christus, der sich Selbst für uns hingegeben hat, um uns von aller Gesetzlosigkeit zu erlösen und für sich Selbst ein Volk zum besonderen Eigentum zu reinigen, das eifrig ist, gute Werke zu tun.«
Gnade ist offensichtlich mehr als nur reine Vergebung. Sie ist kein bloßes Pfand, durch das wir gratis an der Hölle vorbei kommen. Gnade ist aktiv und dynamisch. Sie hat für jeden Christen Konsequenzen für seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Paulus stellt die Gnade als eine Lehrmeisterin dar: Sie »nimmt uns in Zucht«. Das passt gut zu dem Bild, mit dem er in Galater 3,24 das Gesetz darstellt: »So ist also das Gesetz unser Lehrmeister geworden …« Das griechische Wort, das hier mit »Lehrmeister« übersetzt ist, ist ein ganz besonderes Wort: paidagogos. Damit ist der Betreuer eines Kindes gemeint. Das Wort ist aus zwei Komponenten zusammengesetzt: dem Wort für »Kind« und dem für »Leiter«. Damit war ein Mann gemeint, dem die Aufsicht über den Sohn eines Adligen übertragen war. Er betreute die Kinder einer reichen Familie. Er arbeitete durchaus auch lehrend, insbesondere was das Verhalten und die Moral betraf, doch er war nicht ihr offizieller Lehrer. Tatsächlich gehörte es zu seinen Aufgaben, die Kinder zur Schule zu bringen.
Genau so stellt Paulus in Galater 3,24 das Gesetz dar: Die lehrende Funktion des Gesetzes war »… auf Christus hin, damit wir aus Glauben gerechtfertigt würden.« Das Gesetz entspricht also eher einer Kinderbetreuerin oder einem Erzieher; die Gnade ist die Oberlehrerin. Titus 2,11-14 enthält drei große Lektionen, die uns die Gnade lehrt.
Eine Lektion aus der Vergangenheit: Erlösung kam aus Gnade, nicht durch das Gesetz
Die erste Lektion verweist zurück auf den Anbruch des Zeitalters des Neuen Bundes und auf die Menschwerdung Christi: »Denn die Gnade Gottes ist erschienen, die heilbringend ist für alle Menschen« (Tit. 2,11). Paulus bezieht sich hier auf die Menschwerdung und das erste Kommen Christi. Hier begann die Gnade sich am deutlichsten zu zeigen. Wie schon gesagt, heißt es in Johannes 1,17: »Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.«
Das heißt natürlich nicht, dass Mose den Menschen, die zur Zeit des Alten Testaments lebten, das Gesetz als Mittel zur Erlösung gegeben habe. Es heißt auch nicht, dass Gnade vor der Zeit Christi ein völlig unbekannter Gedanke gewesen wäre. Das Thema der Rechtfertigung allein aus Glauben lässt sich bis in die ersten Kapitel des 1. Buches Mose und die Abrahamsgeschichte hinein verfolgen: »Und [Abram] glaubte dem HERRN, und das rechnete Er ihm als Gerechtigkeit an« (1.Mo. 15,6). Ihm wurde eine fremde Gerechtigkeit zugerechnet. In diesem Sinn verkörperte Abrahams Erlösung alle die Prinzipien, die wir auch im Evangelium nach Paulus finden. Paulus selbst macht diese Aussage immer wieder: »Was wollen wir denn sagen, dass Abraham, unser Vater, nach dem Fleisch erlangt hat? Wenn nämlich Abraham aus Werken gerechtfertigt worden ist, hat er zwar Ruhm, aber nicht von Gott. Denn was sagt die Schrift? ›Abraham aber glaubte Gott, und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet‹.« (Röm. 4,1-3; s. Gal. 3,6-7).
Gottes überreiche Vergebung war also vor Christi Geburt keineswegs unbekannt oder inaktiv. In Jesaja 1,18 lädt der Herr Sünder ein, sich mit Ihm versöhnen zu lassen: »Kommt doch, wir wollen miteinander rechten! … Wenn eure Sünden wie Scharlach sind, sollen sie weiß werden wie der Schnee; wenn sie rot sind wie Karmesin, sollen sie [weiß] wie Wolle werden.« In Jesaja 55,1 und 7 spricht Er die Einladung nochmals aus: »Wohlan, ihr Durstigen alle, kommt her zum Wasser! … Der Gottlose verlasse seinen Weg und der Übeltäter seine Gedanken; und er kehre um zu dem HERRN, so wird Er sich über ihn erbarmen, und zu unserem Gott, denn bei Ihm ist viel Vergebung.«
In der Tat steckt das Alte Testament voller Danksagungen an Gott für die vielen Segnungen Seiner gütigen Barmherzigkeit:
Lobe den HERRN, meine Seele,
und vergiss nicht, was Er dir Gutes getan hat!
Der dir alle deine Sünden vergibt
und heilt alle deine Gebrechen;
der dein Leben vom Verderben erlöst,
der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit.
Psalm 103,2-4
Das Thema der Gnade Gottes zieht sich also durch das gesamte Alte Testament hindurch. Doch in einem gewissen Maß ist es überschattet von all den ausführlichen Einzelheiten und der Bedeutung, die den Geboten zugemessen wird – und von den Flüchen, die ein wesentliches Merkmal des mosaischen Bundes darstellen.
Wenn Johannes schreibt: »das Gesetz wurde durch Mose gegeben«, dann meint er damit nicht nur, dass die Zehn Gebote (und das gesamte restliche Gesetzeswerk) von Gott am Sinai an Mose übergeben wurden, sondern auch, dass Mose der menschliche Mittler war, durch den der Alte Bund aufgerichtet wurde (Joh. 1,17). Mose war der menschliche Verfasser der Thora, der Gesetzesbücher des Alten Testaments (auch Pentateuch genannt, die fünf Bücher Mose). In der Geschichte des Judentums gibt es keine andere so weit herausragende Gestalt.
Doch als Christus, der fleischgewordene Gott, auf die Erde kam, war Er buchstäblich die Gnade und Wahrheit in Person. Johannes sagt: »… wir sahen Seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit« (Joh. 1,14). Er brachte Gottes Gnade mit neuer Klarheit und auf eine solche Weise ans Licht, wie sich die Gnade noch nie zuvor gezeigt hatte.
Unter Mose war das Gesetz das dominierende Element, und die Gnade war nur ein untergeordnetes Thema. Bei Christus ist diese Reihenfolge umgekehrt. Nun ist die Gnade das Hauptthema, und das Gesetz nimmt seine richtige, dienende Rolle im Drama der Erlösung ein. Auch das soll nicht heißen, dass der Weg zur Erlösung ein anderer geworden sei. Niemand wurde je durch das Gesetz erlöst. Wir sollen auch nicht denken, dass das Gesetz – richtig gebraucht – der Gnade entgegengesetzt wäre. »Ist nun das Gesetz gegen die Verheißungen Gottes? Das sei ferne!« (Gal. 3,21). Doch weil wir bereits Sünder sind, ist die Gnade (die »aufgrund des Glaubens an Jesus Christus« erlangt werden kann) der einzige Weg, auf dem wir ewiges Leben haben können (V. 22).
Doch nun ist die Gnade, so Paulus, aus dem Schatten des Gesetzes herausgeholt und in aller ihrer Pracht zur Schau gestellt worden. »Denn die Gnade Gottes ist erschienen, die heilbringend ist für alle Menschen« (Tit. 2,11). Er sagt damit nicht, dass »alle Menschen« erlöst würden. Jesus Selbst macht das überaus klar: »Denn die Pforte ist eng und der Weg ist schmal, der zum Leben führt; und wenige sind es, die ihn finden« (Mt. 7,14). Oder an anderer Stelle: »Viele werden an jenem Tag zu Mir sagen: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt und in deinem Namen Dämonen ausgetrieben und in Deinem Namen viele Wundertaten vollbracht? Und dann werde Ich ihnen bezeugen: Ich habe euch nie gekannt; weicht von Mir, ihr Gesetzlosen!« (V. 22-23). »Dann wird Er auch denen zur Linken sagen: Geht hinweg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist! … Und sie werden in die ewige Strafe hingehen« (25,41.46).
Mit »alle Menschen« sind in Titus 2,11 alle Arten von Menschen gemeint – nicht alle Menschen ohne Ausnahme, sondern alle Menschen ohne Unterschied. Kurz vorher hat Paulus eine Liste unterschiedlicher Menschentypen genannt, die unter Titus’ pastoraler Verantwortung standen: alte Männer, alte Frauen, junge Frauen, junge Männer und Knechte (V. 2-9). Die »Gnade Gottes, … die heilbringend ist für alle Menschen«, erstreckt sich über alle Kategorien der Menschheit (V. 11). Keine gesellschaftliche Schicht, ethnische Gruppe oder Altersgruppe ist davon ausgeschlossen.
Die Gnade Gottes bringt Heil. Das ist der zentrale Gedanke – ein Gedanke, den wir schon viele Male zuvor aus Paulus’ Feder erfahren haben. Ein Kapitel weiter wiederholt Paulus ihn nochmals: »Als aber die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, erschien, da hat Er uns – nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hätten, sondern aufgrund Seiner Barmherzigkeit – errettet« (Tit. 3,4-5). Wie immer schreibt Paulus alle Ehre Gott zu. »Darum ist es aus Glauben, damit es aufgrund von Gnade sei« (Röm. 4,16). Gott »hat uns ja errettet und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht aufgrund unserer Werke, sondern aufgrund Seines eigenen Vorsatzes und der Gnade, die uns in Christus Jesus vor ewigen Zeiten gegeben wurde« (2.Tim. 1,9).
Die Gnade, nicht das Gesetz, ist schon immer das einzige Mittel der Erlösung für Sünder gewesen. Doch mit dem Kommen Christi, durch Seine Lehre, durch Seinen Tod und in Seiner Auferstehung ist das Evangelium von der Gnade nun voll ausgesprochen, sodass es mit absoluter Klarheit verstanden werden kann. Das ist die zentrale Lektion Seines Versöhnungswerks, und so steht in großen Lettern über das gesamte Neue Testament hinweg geschrieben:
Erlösung geschieht allein aus Gnade.


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