Kategorie: Artikel
Thema: Gebet
Buch: Daniel

Gebet in dunklen Zeiten (2)

Bibelstelle: Daniel 9,4-19

»Neige Dein Ohr, mein Gott, und höre; tue Deine Augen auf und sieh unsere Verwüstung und die Stadt, die nach Deinem Namen genannt ist! Denn nicht um unserer eigenen Gerechtigkeit willen bringen wir unsere Bitten vor Dich, sondern um Deiner großen Barmherzigkeit willen!« Daniel 9,18

Wenn es wahr ist, dass wir verpflichtet sind, für Gottes Reich und Volk zu beten, wie sollen wir dann konkret dafür beten? Hier bietet uns der Inhalt von Daniels Gebet ein Modell für unsere eigenen Gebete (Dan. 9,4-19).

Daniels Gebet besteht im Wesentlichen aus drei Elementen: Anbetung, Bekenntnis und Fürbitte. Daniel begann damit, zu erkennen und anzuerkennen, wer Gott ist (Anbetung); dann bekannte er die Sünden seines Volkes und erkannte die Gerechtigkeit von Gottes Gericht über sie an (Bekenntnis), und schließlich flehte er zu Gott, Seine Absichten für Sein Volk zu erfüllen (Fürbitte). Wir wollen uns jedes dieser Elemente der Reihe nach ansehen.

 

Anbetung, Bekenntnis und Fürbitte

1 Anbetung: Daniel erkannte und anerkannte von Anfang an den Gott, an den sein Gebet gerichtet war. Der Schwerpunkt der Anerkennung Daniels lag auf der Größe Gottes und Seiner Gnade. Der Herr ist ein »großer und furchtgebietender Gott« (Dan. 9,4), »gerecht« (9,7.14), »der Du Dein Volk mit starker Hand aus dem Land Ägypten herausgeführt hast und Dir einen Namen gemacht hast bis zum heutigen Tag« (9,15): Er ist in der Tat ein mächtiger Gott. Aber Er ist auch ein Gott, »der den Bund und die Gnade«bewahrt (9,4), indem Er Seine Verheißungen an Sein Volk treu erfüllt. Er ist ein Gott, der »Barmherzigkeit und Vergebung« schenkt (9,9). Tatsächlich stehen diese beiden Worte im Hebräischen in der Mehrzahl, was darauf hindeutet, dass Gott Seinem rebellischen Volk immer wieder Barmherzigkeit und Vergebung geschenkt hatte. Diese überreiche Barmherzigkeit bildete die Grundlage für Daniels Fürbitte, wie am Ende seines Gebetes deutlich wird.

2 Bekenntnis: Doch wenn auch der Gott, zu dem Daniel betete, gerecht und Seinen Verheißungen treu ist, so war doch Daniels eigenes Volk das genaue Gegenteil gewesen; darum bekannte Daniel nun die Sünde seines Volkes.

Israel hatte gesündigt und sich gegen diesen gütigen und gnädigen Gott aufgelehnt, indem es sich immer wieder von Seinen Gesetzen abwandte und sich weigerte, auf Seine Propheten zu hören (Dan. 9,5-6.10-11). Der Kontrast zwischen dem Herrn und Seinem Bundesvolk wird durch das Muster der doppelten Synonyme unterstrichen:

Der Herr ist:
– ein großer und furchtgebietender Gott
– barmherzig und vergebend
– treu gegenüber allen, die Ihn lieben und Seine Gebote bewahren

Israel hat:
– gesündigt und unrecht getan
– rebelliert und gesetzlos gehandelt
– sich von den Geboten und Rechtsordnungen Gottes abgewandt

Der Kontrast zwischen dem treuen und heiligen Gott, der all Seinen Verheißungen treu ist, und den treulosen und unheiligen Menschen, die alle ihre Versprechen gebrochen und sich gegen ihren Herrn aufgelehnt haben, könnte nicht stärker sein. Gemäß dem Bund, den Gott mit Seinem Volk am Sinai geschlossen hatte, konnte ein solcher Kontrast immer nur ein Ergebnis haben: die Vernichtung und Vertreibung des Volkes Gottes aus dem Land der Verheißung.

Weil der Herr gerecht und treu ist, musste Er dieses angedrohte Gericht vollführen, Seinen heftigen Zorn über Jerusalem, Seine auserwählte Stadt und Seinen Wohnort, ausgießen (Dan. 9,16) und Sein Volk unter den Völkern um sie herum zu einem verdienten Gespött machen.

So bekannte Daniel die Sünde seines Volkes und erkannte die Gerechtigkeit von Gottes Gericht an, so schwer es auch gewesen war. Er bemühte sich in keiner Weise, Ausreden für Israel zu finden oder die Gerechtigkeit von Gottes Umgang mit ihnen in Frage zu stellen. Israel verdiente das Schicksal, das es für seine Rebellion gegen einen so heiligen und gütigen Gott erfahren hatte, voll und ganz.

3 Fürbitte: Doch das fünfte Buch Mose spricht nicht nur von dem Gericht, das über Israel kommen sollte, wenn es sündigte und sich gegen den Herrn auflehnte. Es spricht auch von der Verheißung eines neuen und gnädigen Anfangs für Israel jenseits von Sünde und Gericht. Wenn sie den Zorn Gottes erlebt und für ihre Sünden Buße getan hätten, indem sie sich unter den Völkern, in die der Herr sie zerstreuen würde, zu Gott bekehrt hätten, würde der Herr ihre Herrlichkeit wiederherstellen und sie wieder in ihr Land sammeln (5.Mo. 30,2-3). Genau das ist die Antwort Gottes, die Daniel im Gebet suchte. Er bat darum, dass Gott sein Gebet erhören möge: »So höre nun, unser Gott, auf das Gebet Deines Knechtes und auf sein Flehen und lass Dein Angesicht leuchten über Dein verwüstetes Heiligtum, um des Herrn willen!« (Dan. 9,17). Er bat dies nicht in Anbetracht irgendeiner Gerechtigkeit bei sich selbst oder seinem Volk, sondern einfach wegen der Zusage Gottes, »um Deiner Selbst willen, mein Gott! Denn nach Deinem Namen ist Deine Stadt und Dein Volk genannt!« (Dan. 9,19).

Als Gott Israel erwählte, es aus Ägypten herausführte und zu Seinem eigenen Volk machte, verband Er Seinen Namen unwiderruflich mit ihnen. Wenn Israel nun im Exil umkäme, wäre das zwar eine passende und gerechte Strafe für sie, aber das würde die Heiden dazu bringen, Gottes Macht in Frage zu stellen. War der Herr schlussendlich doch nicht in der Lage, Sein eigenes Volk zu erlösen und ihm das zu geben, was Er versprochen hatte?

Um die Größe Seiner Gnade zu zeigen und die Ehre Seines Namens zu rechtfertigen, muss der Herr Sein Volk nun wieder erlösen und in Seine Gunst zurückbringen. Darum betete Daniel mit voller Zuversicht, dass Gott sein Gebet erhören, Seinem Volk Gnade erweisen und Sein Heiligtum wiederherstellen würde.

 

Beten zu einem groẞen und gnädigen Gott

Alle drei Aspekte von Daniels Gebet – Anbetung, Bekenntnis und Fürbitte – können uns helfen, die Art und Weise zu lernen, wie wir für Gottes Reich in unserer Welt beten können. Auch wir sollten damit beginnen, uns an Gottes Größe und Seine Gnade zu erinnern, die sich in Seiner Treue gegenüber Seinen Bundesverheißungen zeigt. Wenn wir Gottes Größe vergessen, dann werden unsere Gebete zu geringfügig sein. Tatsächlich finde ich meine eigenen Gebete fast immer zu geringfügig.

Vielleicht beten wir nicht sehr oft für Gottes mächtiges Eingreifen in unsere Gemeinde, Familie und Missionsarbeit. Wir vergessen schnell die Größe Gottes: dass Er Derjenige ist, der alles aus dem Nichts erschaffen, der die Sterne an den Himmel gesetzt und den Meeren ihre Grenzen zugewiesen hat. Wir vergessen, dass Er Derjenige ist, der Könige und Weltführer aufstehen lässt und sie wieder zu Fall bringt. Wenn ich mich beim Gebet an die Größe Gottes erinnere, verändert sich mein Gebetsleben radikal.

Aber unsere Gebete sind auch deshalb zu geringfügig, weil wir die Gnade Gottes vergessen. Vielleicht bist du versucht zu glauben, dass du nicht mehr zu ändern seiest, und die Menschen um dich herum auch nicht.

Jemand sagte: »Angesichts der Privilegien und Möglichkeiten, die mir gegeben wurden, bin ich ein nutzloser Mitarbeiter! Mich so zu sehen, wie ich wirklich bin, könnte leicht zur Verzweiflung und zum Versagen beim Beten führen, weil ich anfange zu glauben, dass Gott jemanden wie mich unmöglich gebrauchen könnte.«

Wir können entmutigt werden, für andere zu beten, wenn wir ihr Fehlverhalten anschauen. Wenn wir mit Menschen leben und arbeiten, fällt früher oder später die Maske, und wir sehen auch ihre Sündhaftigkeit. Die Menschen in der Gemeinde enttäuschen uns oft, manche lassen uns sogar im Stich, und wir sind versucht zu glauben, dass Gott auch sie nicht gebrauchen könne. Warum überhaupt beten, für uns selbst oder für andere, wenn wir alle solche angeschlagenen Krüge und beschädigten Gefäße sind?!

Die Antwort ist, dass wir um der Gnade Gottes willen beten sollten. Die Lösung für unsere Sünde besteht nicht darin, sie unter den Teppich zu kehren und so zu tun, als gäbe es sie nicht. Es gibt viele Leute, die das in unserem heutigen Kontext tun wollen – Leute, die nicht einmal das Wort »Sünde« erwähnen würden.

Das war aber nicht Daniels Art zu handeln. Die Reaktion auf all unsere Sünde sollte sein, uns an Gottes Gnade zu erinnern und die Sünde vor Ihm zu bekennen, indem wir uns auf Seine souveräne Barmherzigkeit stützen.

Tatsächlich sind wir alle verdorbene Sünder, vollkommen ungeeignet für Gottes Reich. Dennoch hat derselbe heilige Gott Seinen Namen auf uns gelegt, uns »Christen« genannt und uns durch die Erwählung in Seine Herde aufgenommen. Er hat uns damit in dieser Welt so bevorzugt, so dass das, was die Menschen über Ihn denken, in hohem Maße von dem geprägt wird, was sie an uns sehen.

Hier gibt es eine Motivation für ernstes Gebet. Wenn ich über die Gnade Gottes nachdenke, kann ich ausrufen:

»Herr, ich bin völlig ungeeignet, Dein Botschafter zu sein; aber Du hast mich gerufen und ausgesandt, um Dir zu dienen. Ich kann keinen Augenblick in meiner eigenen Kraft stehen, und ich habe keine eigenen Worte zu verkündigen. Herr, gib mir die Kraft, aufzustehen, und gib mir die Worte, die ich für Dich predigen kann. Erfülle Deine Ziele in dieser Welt durch mich und durch andere begnadigte Sünder wie mich. Errichte diese Gemeinde an diesem Ort, nicht weil wir es wert seien. Baue Dein Königreich hier auf, denn Dein Name ist würdig, und die Menschen um uns herum müssen Deine Herrlichkeit sehen. Sie werden sie nie aus unserer Weisheit oder Stärke heraus sehen; sie werden Deine Herrlichkeit nur dann sehen, wenn Du sie dadurch zeigst, dass Du fehlerhafte Menschen wie uns nimmst und unser Leben zu einer außergewöhnlichen Beweisführung Deiner Gnade machst.«

Die Anerkennung von Gottes Größe und Gnade wird uns regelmäßig in Danksagung und Bekenntnis und in inbrünstiger Bitte, um Seines Namens willen zu handeln, auf die Knie zwingen.

 

Warum kann Gott Gnade schenken, wenn wir Ihn darum bitten?

Unser Gott ist nicht nur ein Gott der Gnade – und schon gar nicht ein Gott, der Sünden einfach und leicht vergibt, weil es Seiner Natur entspräche, dies zu tun. Wenn das so wäre, dann wäre das Kreuz nicht nötig gewesen. Es gäbe keinen Grund dafür, dass der Sohn Gottes so grausam hingerichtet wurde, wenn Gott nicht auch der Gott der Gerechtigkeit ist.

Die Wahrheit ist, dass für die Sünde – für unsere Sünde – bezahlt werden musste. Es musste einen Tag der Abrechnung für all das Böse geben, das wir getan haben – einen Tag der Abrechnung, der an jenem ersten Karfreitag stattfand. Als Jesus dort hing und starb, bezahlte Er voll und ganz den Preis für den Tod, den jeder Gläubige, jeder von uns, verdiente. Echte Bezahlung wurde für echte Sünde geleistet, damit es wirkliche Gnade für wirkliche Sünder geben konnte.

Der wahre Gott ist der Gott der Gnade und Heiligkeit, der in Jesus die echte Lösung für unser Sündenproblem bereitgestellt hat.

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Gebet in dunklen Zeiten (2)

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